26.06.2020 19:00 |

Birgit Hebein (Grüne):

„Das rote Wien zu beenden, reizt mich nicht“

Sie sprach von einem „historischen Tag“, der Bürgermeister stieg auf die Bremse. Ein Gespräch mit der Wiener Vizebürgermeisterin Birgit Hebein (Grüne) über ihr City-Fahrverbot, die Ausschreitungen, die Wahl und Außerirdische.

„Krone“: Frau Hebein, ein kleiner Vorschlag zu Beginn. Jedes Mal, wenn Sie „Wien ist die lebenswerteste Stadt der Welt“, „Den Menschen muss der öffentliche Raum zurückgegeben werden“ oder „Zuerst ist der Wähler am Zug“ sagen, spenden Sie zehn Euro an den Verein „Mein Auto“. Abgemacht?
Birgit Hebein: (lacht) Nein, natürlich nicht! Wenn Sie mir Fragen stellen, müssen Sie mir die Freiheit geben, dass ich antworte, wie ich will.

Schade für den Verein. Aber gut: Wie autofrei ist eigentlich eine Innenstadt, in die quasi jeder reinfahren darf?
Autofrei heißt, es gibt ein generelles Fahrverbot. Die Zeiten, in denen man in die Innenstadt zum Einkaufen fährt, die sind vorbei. Wir haben uns vorgenommen, den CO2-Ausstoß zur Hälfte zu reduzieren. Dass es Ausnahmen gibt, ist in jeder autofreien City so.

Sie wollen das Fahrverbot auf Teufel komm raus vor der Wahl durchpeitschen ...
Das sagen Sie! Ich sage, dass ich das Behördenverfahren eingeleitet habe und wir jetzt auf alle Rückmeldungen warten. Dann wird eine Entscheidung getroffen. Wenn es nach mir geht, so rasch wie möglich, denn die Abgase zu reduzieren, muss im Interesse aller sein.

Bürgermeister Michael Ludwig ist aber gegen „Schnell, schnell“ und wird Ihr Projekt vermutlich zumindest vor dem 11. Oktober abdrehen. Was tun Sie dann?
Ich bin mit Bürgermeister Ludwig völlig einer Meinung, dass wir die gemeinsamen Ziele der Smart-City-Strategie sowie des Fachkonzepts Mobilität umsetzen. Und ich gehe grundsätzlich davon aus, wenn man an den Klimaschutz denkt, dass niemand dieses Projekt ablehnen wird.

Ihre Politik besteht vor allem aus Pop-up-Radwegen, Begegnungszonen und coolen Straßen. Ist das angesichts der Coronakrise mit all ihren Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt nicht eine eklatante Themenverfehlung?
Sie haben nur Teilaspekte herausgegriffen, die vor allem medial sehr emotional diskutiert werden. Ich sehe das als Bausteine eines gesamten Maßnahmenpakets. Und ja, die Abgase sind das Sorgenkind, wenn wir die Klimakrise in unserer Stadt bewältigen wollen. Es profitieren alle Menschen in der Stadt, wenn wir Alternativen schaffen.

Verkehrsalternativen sind doch zumindest momentan ein Randthema. Oder glauben Sie, dass jemand sagt: „Ich habe zwar meinen Job verloren, weiß nicht, wie ich meine Familie ernähren oder die Miete zahlen soll, aber hey, ich kann dafür in der Börsegasse mit Kreide einen Regenbogen auf den Asphalt zeichnen“?
Auch in der Börsegasse wohnen alte Menschen, die aufgrund der enormen Hitze im Sommer leiden. Das andere ist, dass wir heuer die Widmung von 10.000 Wohnungen bald erreicht haben. Damit sichern wir 50.000 Arbeitsplätze und investieren 2,1 Milliarden Euro in Planung, Bau und Infrastruktur. In Klimaschutz zu investieren, schafft Jobs.

Sie wollten vor einem Jahr, als Sie Vizebürgermeisterin geworden sind, die Stadt herunterkühlen. Gelungen ist das vor allem mit der Stadtregierung. Die Stimmung ist frostig wie nie. War es das mit Rot-Grün?
Ich habe voriges Jahr mit drei coolen Straßen begonnen, jetzt werden es weitere 20 Straßen, die umgebaut werden. Im ersten Schritt sind es vier. Dort kühlt es nachweislich bis zu fünf Grad ab. So viel dazu. Und seit zehn Jahren arbeitet Rot-Grün gut zusammen, seit zehn Jahren ist Wien die lebenswerteste Stadt.

Oje. Jetzt haben Sie es gesagt, es wären zehn Euro fällig. Aber Sie wollten ja nicht.
(lacht)
Ich stehe jedenfalls zu der Kooperation zwischen Rot und Grün, und wir werden sehen, wie es die Wähler im Herbst sehen.

Schon wieder zehn Euro. Egal. Halten Sie Michael Ludwig für nachtragend?
Das müssen Sie ihn fragen. Ich bin es schon. Für mich ist Handschlagqualität ein wesentlicher Grund, um Politik zu machen. Aber alle Versuche, uns zu spalten, erreichen mich nicht. Wobei wir, je näher der Wahltermin rückt, schon darauf achten müssen, dass wir die Fäden nicht durchschneiden, die uns verbinden.

Zu einem anderen Thema: Türken-Kurden-Konflikte auf offener Straße, Allahu-Akbar-Rufe, Wolfsgrüße, Ausschreitungen, Gewalt, verletzte Polizisten - die vergangenen Tage haben doch gezeigt, wie sehr das Thema Integration entglitten ist, oder?
Eine faschistische Gruppe, die Grauen Wölfe, hat gewalttätig und organisiert Kurden angegriffen. Das ist ein Sicherheitsproblem, und hier ist ein Einschreiten der Polizei notwendig.

Aber in diesem Fall ist die Polizei doch quasi eine Feuerwehr, die den Brand löschen muss, den das Integrationsversagen ausgelöst hat, oder?
Ich halte diese Vermischung für nicht zulässig. Ich möchte auch kein parteipolitisches Hickhack. Hier geht es um Faschismus, und der hat keinen Platz in unserer Stadt!

Auch das ist ja aktuell ein Thema: Ist es gut, dass die Mohrenapotheke umbenannt wird?
Ja!

Soll auch der Schoko-Kuchen Mohr im Hemd einen neuen Namen erhalten?
Ich war bei einer Diskussion mit Jugendlichen dabei, und da hat mich ein junger Mensch beeindruckt, der gemeint hat: „Warum ist es grundsätzlich notwendig, Begriffe zu verwenden, die andere verletzen?“

Das heißt Ja?
Das heißt Ja!

Es wird die Zeit nach der Wahl kommen. Versuchen wir es so konkret wie möglich: Wenn es sich ausgeht, kommt Türkis-Grün-Neos?
Diese Frage stellt sich für mich nicht. Bürgermeister Michael Ludwig wird entscheiden, ob es mit den Grünen in Richtung Zukunft geht oder in Richtung Vergangenheit mit der ÖVP.

Das rote Wien zu beenden, reizt Sie nicht?
Nein, das reizt mich nicht.

Welches Ressort fordern Sie ein?
Mein Ziel ist und bleibt, Wien zur Klimahauptstadt Europas zu machen! Und für diese Werthaltung werde ich im Wahlkampf werben.

In diesem Wahlkampf werden Sie auch eine Reihe dämlicher Fragen beantworten müssen. Ich hätte zum Abschluss fünf für Sie. Haben Sie schon einmal gestohlen?
Ja, ein Stollwerk mit acht Jahren in einem kleinen Kaufhaus, das ich dann mit meiner Mutter zurückgebracht habe.

Wie stellen Sie sich Außerirdische vor?
Lustig.

Sie wachen morgen im Körper von Bürgermeister Michael Ludwig auf. Was tun Sie?
Egal, in welchem Körper ich aufwache, der nicht meiner ist: Ich würde mich erschrecken.

Bei welcher Eigenschaft des grünen Vizekanzlers Werner Kogler sind Sie froh, dass Sie sie nicht haben?
Ich gebe zu, manchmal muss ich konzentriert zuhören, weil er (Pause) so viel Wissen hat. (lacht)

Welche drei Wünsche hätten Sie an eine gute Fee? Weltfriede ist aus.
Ich bleibe dabei. Frieden und Sicherheit, das hängt zusammen. Eine gerechtere Welt. Und jedem Menschen ein Glück im Leben.

Interview: Michael Pommer, Kronen Zeitung

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