11.06.2020 13:15 |

75 Jahre Kriegsende

Kriegsveteran (97): „Mein Schädel flog fast weg“

Das Langzeitgedächtnis rattert mit beachtlicher Präzision. Neben ihm explodierende Bomben, sich in den Stahlhelm bohrende Splitter, vor seinen Augen ertrinkende KZ-Häftlinge - Lorenz Heidelberger, 97, ehemaliger Marine-Soldat aus Deutschkreutz im Burgenland, hat die Tragödien alle noch abgespeichert. Anlässlich 75 Jahre Weltkriegsende spult er sie für krone.tv schier maschinell-detailgetreu ab (siehe Video oben).

Hündchen Grisu genießt die Streicheleinheiten sichtlich. Auf einer urigen Eckbank sitzend lässt er sein flaumiges Fell von den Händen seines Herrchens umspielen. Dieser, inzwischen 97 Jahre, hatte seine Hände in den Kriegswirren freilich für weit deftigere Zwecke eingesetzt. Etwa zum Bedienen eines sogenannten Vierlings, wenn es wieder einmal galt, sich den unzähligen sowjetischen Luftangriffen entgegen zu stemmen. Lorenz Heidelberger spricht, gezeichnet von einem Schlaganfall, etwas undeutlich. Ab und zu, bei besonders emotionalen Erzählungen, ist seine Stimme geneigt zu brechen. Die auf diversen (Kriegs-)Schiffen erlebten Dramen und Traumata gehen aber auch so unter die Haut. „Ich hätte noch so viel zu erzählen gehabt“, wird er nach dem etwa 80-minütigen krone.tv-Dreh in seinem in die Jahre gekommenen Haus sagen.

„Dachte, der Kopf fliegt weg“
Heidelbergers Ehefrau war hochschwanger, als den damals noch 18-jährigen werdenden Vater der Einberufungsbefehl ereilte. 1941 ging’s für den Jüngling auf ein Transportschiff. Dieselöl wollte nach Dänemark und Norwegen gebracht werden. Nach einem Ausbildungslehrgang für Schiffswaffen verschlug es ihn 1944 auf ein Kriegsschiff.

Gefechte mit sowjetischen Flugzeugen - geradezu Usus, erst recht mit Beginn der Absetzbewegung über das Baltikum. An ein Gefecht erinnert er sich besonders genau: „Ich stand mit dem Vierling ganz vorne am Schiff und habe das sowjetische Flugzeug getroffen, offenbar den Piloten auch verwundet. Immer wenn ich mich vorbeugte, ging es rund um mich: *Pscht, pscht, pscht*. Ich dachte mir, der Tod hat schon die Sense gewetzt. Nach dem Angriff kam mein Freund, der am Steuer gestanden war, zu mir und sagte: ‚Ich dachte jede Sekunde, dein Kopf fliegt davon.‘ Er hatte die Gechosse ganz eng an meinem Kopf vorbei fliegen gesehen. Ich sagte zu ihm: ,Jetzt weiß ich auch, was das für ein Zischen war.‘“

„Bombe gar nicht explodiert?“
April 1945: Bei Pielau an der Ostsee, einem der letzten Stützpunkte des Schiffs von Lorenz Heidelberger, kommt es neuerlich zu einem Gefecht. Ein Flugzeug steuerte auf das Schiff zu. „Schon bald erkannte ich, wie die Bomben genau in unsere Richtung geschmissen wurden“, erinnert sich Heidelberger. „Der Befehl lautete: ‚In Deckung!‘ Ich saß auf meinem Sitz und habe auf das Ende, also auf die Explosion gewartet. Ich habe die Arme verschränkt und auf den Kopf gelegt. Meine letzten Gedanken galten meiner Familie daheim. Was werden meine Frau und meine Kinder machen, wenn ich nicht mehr nach Hause komme, dachte ich. Dann hörte ich schon die Bombe direkt über mir vorbeizischen. Ich fragte mich: ‚Ist die Bombe gar nicht explodiert?‘ Ich drehe meinen Kopf also zur Seite und sehe plötzlich neben der Bordwand die Bombe explodieren. Reflexartig habe ich den Kopf wieder auf die andere Seite gedreht. Da spürte ich schon einen heftigen Stoß am Stahlhelm. Der Luftdruck hat mich vom Sitz geworfen. Ich griff mir an den Kopf. Gottlob kein Blut. Aber ich konnte meinen Finger in den Stahlhelm legen, weil eine Delle drin war. Ein Abpraller hatte sich in den Helm gebohrt. Hätte ich den Kopf nicht zur Seite gedreht, wäre der Abpraller genau in meinem Gesicht gelandet."

KZ-Häftlinge ins Wasser geschmissen
Auf der Insel Hela wurde Heidelberger Zeuge eines besonders grausamen Verbrechens. Von seinem Schiff aus beobachtete er, wie KZ-Häftlinge und andere Gefangene auf ein benachbartes Schiff gelassen wurden - offiziell um sie in Sicherheit zu bringen. Tatsächlich hatten aber SS-Männer, die sich aufs Schiff begeben hatten, etwas ganz anderes vor. In der Nacht hörte Heidelberger entsetzliche Schreie. Mit der Morgendämmerung wurde ihm das ganze Ausmaß des Grauens klar. Er sah Haare auf der Wasseroberfläche. SS-Männer hatten die Gefangenen lebendig ins Wasser geschmissen und sie ertrinken lassen. „Es war furchtbar.“ Der Befehl von seinem Vorgesetzten lautete: „Geht unter Deck. Das geht uns nichts an.“

Heidelbergers ausführliche Erinnerungen sehen Sie im Video oben.

Michael Fally
Michael Fally
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