„Krone“ vor Ort

In ewigem Hass verbunden: Das Belgrader Derby

Es gibt kaum ein Fußballspiel, das weltweit von den Behörden derart gefürchtet und von Fans derart gefeiert wird wie das Belgrader Derby. Wenn Roter Stern und Partizan aufeinandertreffen, fliegen im wahrsten Sinne des Wortes die Fetzen. Die Lager sind so verfeindet, dass es immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen, aber auch atemberaubenden Choreografien kommt. Auch am Sonntag schenkten sich die beiden serbischen Hauptstadtclubs nichts. Die „Krone“ besuchte das „Veciti Derbi - das ewige Duell“. 

Ein Hauch längst vergangener Tage liegt in der Luft. Was in Serbiens Hauptstadt mit Kriegsschäden an zahlreichen Häusern und uralten Autos Charme versprüht, wird vor Belgrads Fußballtempel erst recht deutlich. Da und dort hängt ein loses Kabel, das Wellblechdach ist verrostet. Vor dem Stadion verkaufen Pensionisten auf Wäscheständern gefälschte Trikots. Denn es war wieder einmal so weit: Am Sonntag prallten die „ewigen Feinde“ - inoffiziell gab es mehr als 250 Spiele - aufeinander. Damit ist das Belgrader Derby nicht nur eines der aufgrund der brutalen Rivalität zwischen den Fangruppen eines der gefährlichsten Derbys des Kontinents. Auch gibt es nur wenige Städteduelle, die häufiger ausgetragen wurden.

Wenn Antifaschisten auf die Armee treffen
Um zu verstehen, woher der Hass unter den Anhängern der „Delije“ von Roter Stern und Partizans berüchtigten „Grobari“ kommt, muss man in der Geschichte zurückgehen. Und zwar ins Jahr 1945, als Jugendliche der antifaschistischen Bewegung Roter Stern gründeten. Nur wenige Monate später hoben Offiziere der Jugoslawischen Volksarmee Partizan aus der Taufe. Kurioserweise nur wenige Hundert Meter neben dem Feind, nicht in einem anderen Stadtteil wie in den meisten anderen Städten. Richtig eskalierte die Rivalität dann erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion Ende der 80er.

Fliegende Fäuste und Sitzschalen
Seitdem sind wilde Schlägereien und regelgerechte Straßenschlachten mit zahlreichen Verletzten und auch Toten an der Tagesordnung. Auch am Sonntag rechnete eine Tausendschaft an Polizisten mit dem Schlimmsten und sicherte das in Anlehnung an das legendäre Maracaña in Rio de Janeiro ebenfalls Marakana benannte Stadion von Roter Stern (mittlerweile heißt es Stadion Rajko Mitic) wie eine Festung ab. Zurecht, wie sich wieder einmal bewahrheitete. Denn bereits vor Anpfiff zerlegten die untereinander zerstrittenen und daher getrennt voneinander gehaltenen Gruppen der Partizan-Fans ihre Tribüne. Sitze wurden abmontiert und kurzerhand zu Geschossen gegen die eigenen „Brüder“ umfunktioniert. Einsatzkräfte schritten mit voller Härte ein, nach wenigen Minuten schien sich die Lage beruhigt zu haben. Nun lag der Fokus endlich auf dem Spiel, das - so viel sei an dieser Stelle gesagt - bei Weitem nicht das spielerische Niveau von Österreichs Profi-Fußball erreichte. Es endete nach wahren Fehlpassorgien und recht lustlosem Gekicke 0:0.

“Uninteressantes“ Rasengeschehen
Was hingegen auf den Tribünen passierte, lässt das Herz jedes hartgesottenen Fußballfans höherschlagen. Im von den Jahren schwer in Mitleidenschaft gezogenen Stadion ließen sich dieses Mal rund 38.271 Besucher den Kampf um die Vorherrschaft in Belgrad nicht entgehen. Was sie zu sehen bekamen, lässt in puncto Sicherheitsbedenken alle Alarmglocken schrillen. Während aus dem Partizan-Sektor im Sekundentakt ohrenbetäubende Böller auf die Polizisten geworfen werden, wird im Heimblock ein Feuerwerk wie zu Silvester abgebrannt. Raketen schießen in den Nachthimmel, rote und grüne Bengalos hüllen das gesamte Oval in gespenstischen Nebel. Immer wieder wiederholt sich das Schauspiel, bis der Schiedsrichter die Partie für rund zehn Minuten unterbrechen muss. Zu dicht ist der Nebel, an Fußball ist nicht zu denken. Denn die Grobari hielten Tausende Bengalen in den Himmel - und lösten, nachdem auch diese wieder Richtung Polizei flogen, nicht nur einen Brand aus. Im Sektor loderten an sechs Stellen meterhohe Flammen, auch auf der Laufbahn brannten Gegenstände. Doch die Serben beunruhigt das schon lange nicht mehr. Lachend und kopfschüttelnd werden Handys gezückt, Fotos und Videos gemacht. Man will ja seinen Freunden zeigen, was man erlebt hat. Auch die Partizan-Ultras nehmen das alles nicht so ernst. Ganz im Gegenteil: Sie tanzen um die Feuer und werfen gezielt Schals und Trikots in die Flammen, um sie noch größer zu machen. Währenddessen wird das Spiel abgepfiffen. Dass kein Tor gefallen ist, scheint hier niemanden zu stören …

Stefan Steinkogler und Christopher Thor, Kronen Zeitung

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