01.09.2019 15:00 |

Mittel? Klasse!

Honda CB650R: Nackte Schwester macht richtig an

Niederknien könnte man vor der Honda CB650R. Nein, nicht um ihr zu huldigen (obwohl sie wirklich gelungen ist), sondern um die vier Krümmerrohre näher zu betrachten, die sich da so herrlich aus dem Motor winden. Einzigartig in der Motorrad-Mittelklasse. Aber ansonsten gibt es keinen Grund, nicht gleich aufzusteigen und den Startknopf zu drücken.

Erst jetzt fällt das winzige LCD-Display auf, das Klarheit vermittelt und dem Bike gemeinsam mit dem LED-Scheinwerfer einen sehr modernen Auftritt verpasst (mindestens so modern wie der Baureihenname "Neo Sports Café“), aber gute bzw. junge Augen verlangt. Vor allem Drehzahlmesser und Tankanzeige gehen sonst im Windschatten der Altersweitsichtigkeit unter. Tempo und gewählter Gang werden aber groß genug angezeigt und bis auf ein Thermometer ist alles da, was man braucht. Etwas mehr Kontrast für die Anzeigen wäre wünschenswert.

Das Tempo kann man sich alternativ auch relativ leicht aus Vibrationen und dem eingelegten Gang errechnen, denn etwa ab 6000 Touren kitzelt es doch vernehmlich im Schritt. Knapp 5000/min. (genauer kann man es nicht ablesen) entsprechen 100 km/h; wenn es auf der Landstraße kitzelt, ist man also zu schnell, bei 6000/min. stehen schon 130 auf der Uhr. Darüber braucht man dann doch den Tacho, der 649 ccm große Vierfachquirl dreht bis über 12.000/min.! Kurz davor leistet er 95 PS, das maximale Drehmoment von 64 Nm gibt‘s ab 8500/min. Doch solche Drehzahlregionen sind nicht zwingend notwendig, wenn man zügig unterwegs sein will, auch in der Mitte lässt einen das gutmütige Triebwerk nicht verhungern. Und sogar im Drehzahlkeller wird es nicht unwirsch, auch wenn es da nicht wirklich andrückt.

Im Vergleich zum Vormodell CB650F sind 5 PS mehr an Bord, und das ist nicht der einzige Sprung in eine erfreuliche Zukunft: sechs Kilo weniger Gewicht (202 Kilogramm), eine deutlich bessere Gabel, jetzt vom USD-Typus, dazu radial montierte Vierkolbensättel, neue Felgen, eine Antihopping-Kupplung sowie eine abschaltbare Traktionskontrolle. Sportlicher geworden ist die Sitzposition: Der Lenker ist etwas breiter, aber tiefer montiert. Wer es noch sportlicher mag, der greife zur CBR650R, das ist praktisch das gleiche Bike, nur mit an der Fireblade orientierter Rennverkleidung. Mit ihr ist es wahrscheinlich angenehmer, die 197 km/h Höchstgeschwindigkeit auszuprobieren. An der CBR kommt allerdings der Krümmer nicht so zur Geltung. Da muss man Prioritäten setzen.

Könnte man die CB650R mit drei Schritt Abstand betrachtet durchaus für die große 1000er-Schwester halten, merken groß gewachsene Fahrer nach dem Aufsteigen dann doch, in wessen Sattel sie Platz genommen haben. Die Sitzhöhe beträgt 81 Zentimeter, der Kniewinkel ist eher spitz und ich fühle mich mit 1,88 Meter Körpergröße etwas überdimensioniert. Aber das kenne ich auch von manchen größervolumigen Motorrädern.

Dieses enge Gefühl habe ich vor allem beim Vor-mich-Hinbummeln. Sobald ich anfange aktiv zu fahren und Zug in das Ganze zu bringen, fühle ich mich richtig wohl und ich sitze sportlich statt beengt. Es macht richtig Spaß, um Kurven zu wieseln. Das eher harte Fahrwerk bleibt stabil, die Dämpfung ist nicht einstellbar, wohl aber (zehnstufig, mit Werkzeug) das Federbein. Eine Freude ist der optionale Quickshifter (205 Euro), ein Blipper ist nicht verfügbar.

Schluss mit Wendigkeit ist beim Rangieren: Der Wendekreis ist relativ riesig.

Unterm Strich
Um 8590 Euro bekommt man ganz schön viel Motorrad, die Honda CB650R macht eigentlich nichts falsch, dafür vieles richtig, in allen Lebenslagen. Sie fährt sich wie eine Große, nur leichter, bleibt jederzeit gutmütig und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Weit in die Kurve hineinbremsen? Kein Problem. Und warum sollte man zu einem Mittelklassemotorrad greifen? Weil 95 PS schon richtig viel Leistung für 202 kg sind, aber nicht so geübten Bikern den Fahrspaß nicht durch Überforderung vermiesen. Der Eindruck des Verzichts kommt bei der Honda CB650R gar nicht erst auf. Außerdem hat sie allen Konkurrentinnen ihrer Klasse etwas Wichtiges voraus: den Vierzylindermotor. Der macht einen echten Unterschied.

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl
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