02.06.2019 06:00 |

Kaiser-Schlafgemach

So sieht es im Wohnzimmer unserer Republik aus

Sie hat viele kommen und gehen sehen. So mancher blickte ihr hoffnungsfroh entgegen, so mancher drehte ihr verärgert den Rücken zu. Für einige schloss sie sich für immer. Die samtrote Tapetentür in der Wiener Hofburg darf mit Fug und Recht als Österreichs berühmteste Tür bezeichnet werden. Sie verbindet den wichtigsten Repräsentationsraum des Landes - das Maria-Theresien-Zimmer - mit dem Büro des Bundespräsidenten, dem „Grünen Salon“. Diesen Namen trug das Zimmer allerdings schon vor dem Einzug Van der Bellens.

Hinter dieser einen doch unscheinbaren Tapetentür werden staatstragende Vieraugengespräche geführt. „Sie ist ja irgendwie ein Symbol für die Understatement-Kultur Österreichs. Eine Tür, die nahtlos in der Wand verschwindet, entspricht keinem staatsmännischen Entree“, munkeln Kenner. An Show-Charakter fehlt es dennoch nicht.

Vor der Tür, im Scheinwerferlicht der Kameras, werden Präsidentenhände geschüttelt, Päpste und Königinnen empfangen, Neujahrsansprachen gehalten, ja und natürlich auch erste Kanzlerinnen angelobt. Es gibt wohl kaum eine Zeit, in der das rote Portal so oft zu sehen war wie dieser Tage.

So manch ein Beobachter mag sich über die ungewöhnlich hohe Türschnalle wundern. Schon Historiker legten sich Theorien dafür zurecht. Eine davon lautet, dass die Schnalle so hoch sitzt, damit sich kein Staatsoberhaupt beim Türöffnen jemals bücken muss.

Versteckte Symbole der Fruchtbarkeit
Wer sich schon einmal gefragt hat, was die Ornamente auf der Tapete bedeuten, blättert am besten in „Das kleine ABC des Staatsbesuches“. Der Verfasser, Meinhard Rauchensteiner, kennt die Hofburg wie seine Westentasche. Einst Redenschreiber für die Bundespräsidenten Klestil und Fischer, leitet er heute die Abteilung für Wissenschaft, Kunst und Kultur.

Grundbestandteil der berühmtesten Tapete ist der sogenannte Ananasdamast, der sich durch die Gebäude der Habsburger zieht wie ein roter Faden. „Anders als der Name suggeriert, zeigt der Wandschmuck jedoch keine Ananaspflanzen, sondern Pinienzapfen - ein altes Fruchtbarkeitssymbol“, weiß der Autor.

Auch hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Neben ihrem Amt als Regentin fand Maria Theresia nämlich noch die Zeit, 16 Kinder zu zeugen und auf die Welt zu bringen. Eine stolze Leistung. Das tat sie übrigens genau hier, in jenem Zimmer, in dem heute Politik gemacht wird.

Denn der heutige Repräsentationsraum war, man mag es kaum für möglich halten, einst das Schlafgemach der Kaiserin. Von dort erteilte Maria Theresia auch gerne, wenngleich bekleidet, Befehle an die Minister. Und hier starb sie, 1780, im Alter von 63 Jahren.

Eine Uhr, deren Zeiger gegen die Zeit arbeiten
Schaubühne der Politik, historisches Schlafzimmer der einzigen Herrscherin: 70 Quadratmeter misst das Maria-Theresien-Zimmer, von Romantikern gerne als „Wohnzimmer der Republik“ bezeichnet. Mit einem Wohnzimmer hat das Ganze freilich wenig zu tun. Es gibt nur eine Handvoll Möbelstücke, die an Museumsstücke erinnern.

Der Schreibtisch, der einzig und allein dem „Show-Effekt“ staatstragender Akte dient - etwa dem Unterzeichnen der Bestallungsurkunden von zukünftigen Ministern. Ein Schnörkel-Sofa mit Stühlen, damit das Ganze nicht im Stehen passiert. Darüber thront das berühmte Gemälde der Herrscherin, die mit einem Mona-Lisa-Lächeln auf ihre Nachfahren hinunterblickt.

Ja und dann gibt es da noch die berühmte astronomische Standuhr, die mit einer Besonderheit aufwartet: Ihre Zeiger drehen sich gegen den Uhrzeigersinn. Auch hier lebt der Geist der Kaiserin weiter. Maria Theresia wollte die Uhrzeit von ihrem Bett aus ablesen - und nutzte dazu einen Spiegel.

Bis heute geht die Uhr in die falsche Richtung. Bleibt zu hoffen, dass die Politik mit der Zeit und der in ihr lebenden Menschen geht. Und nicht dagegen.

Alexandra Halouska, Kronen Zeitung

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