Di, 13. November 2018

Kolumne Im Gespräch

02.09.2018 06:30

Was ist schon selbstverständlich?

„Tun sie’s oder tun sie’s nicht“, fragte ich mich noch - da ging es schon los. Kaum hatte das Charterflugzeug heimischen Boden berührt, klatschten mehrere Reihen von Urlaubsheimkehrern begeistert in die Hände. Früher ließ mich dieses „Landungs-Geklatsche“ meist peinlich berührt zurück. Als eine Art Outing der „Wenigflieger“, für die jede Landung noch ein bewundernswertes Mysterium ist. Als berufsbedingte Vielfliegerin wäre ich nicht auf die Idee gekommen mitzuklatschen.

Heuer war es anders, und es drängte sich mir die Frage auf: „Warum gehe ich eigentlich so ganz selbstverständlich davon aus, dass wir sicher landen? Dass die Piloten selbstverständlich nüchtern, ausgeschlafen und emotional stabil sind, um das Flugzeug sicher zur Erde zu bringen? Warum ist das Fliegen, wie so vieles, überhaupt selbstverständlich für mich und bedarf keiner Wertschätzung mehr?“

Ich musste an die vergangenen zwei Wochen in Griechenland denken. An die Schlaglöcher in den Straßen, die dem Urlaub einen abenteuerlichen Touch verliehen hatten, aber bei uns in Österreich selbstverständlich inakzeptabel wären. Ich dachte an die überraschten Augen meiner Kinder, als ich ihnen erklärte, dass sie das Wasser aus der Leitung nicht trinken dürfen - bei uns eine Selbstverständlichkeit. Ich dachte an die von Sonne und Wind gegerbten Hände der uralten Griechinnen und Griechen, die tagein tagaus ihre selbstproduzierten Waren anpreisen müssen, um sich die lebenswichtigen Arztbesuche noch leisten zu können. Zustände, die für uns in Österreich selbstverständlich nicht hinnehmbar wären.

So vieles ist für uns selbstverständlich
Und obwohl wir sehen, dass das nicht für alle gilt, haben wir das Gefühl, wir hätten ein Recht darauf. Ein Recht auf intakte Straßen, sauberes Wasser, eine angemessene Krankenversorgung. Ein Recht auf Urlaub - sichere Flugzeuglandung inklusive. Ein Recht auf ein glückliches, erfülltes, langes Leben.

Wir, die so viel haben, wollen immer mehr
„Warum konnten die, für die all das nicht selbstverständlich ist, mir im Urlaub eigentlich so freundlich begegnen?“, dachte ich. Und plötzlich schämte ich mich. Gerade wir, die so viel haben, wollen immer mehr und noch mehr. Und wir übersehen dabei, dass alles, was wir haben, Geschenke Gottes sind. Nichts ist selbstverständlich. Alles ist geliehen, nicht verdient. Dieses Bewusstsein fehlt uns so oft. Das dachte ich mir, als unser Flieger Ende August in Schwechat landete. Und ich begann zu klatschen. Als Zeichen der Wertschätzung - weil Wertschätzung so unendlich wichtig ist. Als Zeichen der Demut und als Zeichen des Dankes an Gott. Weil er mein Leben trägt. Weil er mir gibt, was ich brauche, in guten und in schlechten Zeiten. Und so klatschte ich, und es war mir diesmal überhaupt nicht peinlich.

Evangelische Vikarin Julia Schnizlein, Kronen Zeitung
julia.schnizlein[@]lutherkirche.at

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