Di, 21. August 2018

ÖSV-Adler im Tief

20.02.2018 07:53

Hayböck scherzt: „Außer Spesen nichts gewesen!“

Österreichs Skispringer haben nach den ersten Olympischen Spielen ohne Medaille seit 2002 nur kurz Zeit, ihre Wunden zu lecken. Schon Anfang März geht es in Lahti mit dem Weltcup weiter: Nicht weniger als sieben Einzel- und vier Team-Bewerbe stehen noch auf dem Programm. "Wir müssen jetzt diese Saison wieder in Ordnung bringen und wieder normal Skispringen", lautet die Prämisse von Ernst Vettori. Michael Hayböck bleibt optimistisch: "Was bis jetzt war, war nicht viel: Außer Spesen nichts gewesen", scherzte er und fügte ernst hinzu: "aber jetzt geht noch was."

Der Sportliche Leiter für Skispringen und Kombination wollte für das Danach nichts ausschließen, auch nicht den von so manchen geforderten Trainerwechsel. "Ausschließen kann man gar nichts - mich inklusive", meinte Vettori.

Schlierenzauer will nicht auf Kuttin-Kritik eingehen
Aufzuarbeiten gibt es wohl einiges, speziell zwischen Cheftrainer Heinz Kuttin und Gregor Schlierenzauer scheint aktuell nicht gerade die beste Harmonie zu herrschen. Der Kärntner kritisierte nach dem blamablen Team-Abschneiden, weniger wegen des vierten Platzes, sondern wegen der fast 100 Punkte Rückstand auf Bronze, offen den Rekord-Weltcupsieger, aber auch Manuel Fettner. Schlierenzauer selbst wollte nicht näher darauf eingehen, weil er sich selbst schon einmal die "Finger verbrannt" habe. Diese Anspielung galt für jene Diskussionen von vor vier Jahren in Sotschi, die letztlich ein Mitgrund für das Ende der Trainerkarriere von Alexander Pointner waren.

Eigentlich gibt es im gesamten Team nur einen Springer, der mit einem positiven Gefühl Südkorea verlässt: Michael Hayböck hat sich auf der Großschanze deutlich gesteigert. "Klar ist, dass wir weit weg sind, auch wenn wir Vierter sind. Für mich persönlich hat es eine gute Wende genommen hier, weil ich es echt geschafft habe, im Zuge eines Großereignisses in eine geile Form zu kommen", konstatierte der Oberösterreicher am späten Montagabend Ortszeit.

Hayböck: "Chefcoach würde ich momentan sicher nicht hergeben wollen"
Das erste Mal habe er wieder das Gefühl, dass ihm auf der Schanze nicht viel passieren könne. Darum geht er frohen Mutes in das restliche Saisondrittel. "Was bis jetzt war, war nicht viel: Außer Spesen nichts gewesen", scherzte Hayböck und fügte ernst hinzu: "aber jetzt geht noch was."

Natürlich dachte er darüber nach: Hätte er einen so starken zweiten Durchgang im Großschanzen-Einzel hingelegt wie im Teambewerb, dann wäre seine erste Einzel-Medaille bei einem Großereignis nahe gewesen. Diskussionen um eine Ablöse Kuttins findet Hayböck nicht angebracht: "Ich kann mit dem Heinz sehr gut, wir haben da echt etwas weitergebracht die letzten Tage." Köpferollen habe nur bei den Fußballern Tradition. "Meinen eigenen Chefcoach würde ich momentan sicher nicht hergeben wollen", stellte er klar.

Kraft verliert den Draht
Ernüchternd wie schon die ganze Saison war auch Olympia für den Überflieger der Vorsaison. Doppel-Weltmeister, Weltcup-Gesamtsieger, Skiflug-Weltrekordler: Stefan Kraft konnte auch bei seinem Debüt im Zeichen der Ringe den Anschluss an seine Erfolgs-Saison nicht schaffen. "Durch die Tournee habe ich ein bisserl den Draht verloren. Es kam nie das richtige Ergebnis, was ich drauf gehabt hätte. Dann will man immer mehr und jetzt hat sich leider die Spirale immer weiter gedreht", gestand der Salzburger, der sich selbst nicht erklären kann, warum auf dem Video teilweise sehr gut aussehende Sprünge nicht die nötigen Weiten bringen.

Nach all den Triumphen im Vorjahr dieser Rückfall. "Irgendwann wird es bald wieder bergauf gehen und für meine nächsten Olympischen Spiele habe ich hoffentlich etwas gelernt." Auch Kraft weiß, dass etwas geändert werden muss: "Wir müssen einen Neustart machen, uns vom Material Gedanken machen, auch über die Bindung und ganz genau schauen." Zum Trainer-Thema wollte er nicht viel sagen. "Das ist nicht meine Aufgabe, aber ich glaube, die haben alle auch sehr viel Energie liegen lassen. Das hat sich jeder ganz anders vorgestellt."

Dass Norwegen, Deutschland und Polen dermaßen überlegen waren, ist aber nicht das Resultat eines außer Form befindlichen Stefan Kraft. Das weiß auch der Pongauer. "Die drei Nationen sind brutal mächtig im Moment. Da werden wir uns was abschauen und wieder dorthin kommen", meint Kraft, der jetzt einmal eine Woche "nichts hören will". Nach einem Training in Ruhe wird er sich auf Lahti konzentrieren. "Ich werde mir vom Material eine kleine Veränderung suchen, das brauche ich. Vielleicht kann ich mit der guten Erinnerung vom letzten Jahr mit ein paar Emotionen hinfahren", blickte Kraft Richtung WM-Schauplatz 2017 Lahti.

Schon bald klang er wieder kämpferisch. "Ich möchte den Anschluss finden und mich vorne festbeißen, das ist das große Ziel. Wenn ich das jetzt noch einmal schaffe, werde ich stolz sein auf mich."

Schlierenzauers schwierige Zeit geht weiter
Schlierenzauer rätselt ebenfalls, stellt aber klar: "Es ist kein Staatsgeheimnis, dass ich eine schwierige Zeit habe. So wie ich jetzt dastehe, geht es mir viel besser als in Sotschi..., was mich selbst betrifft", meinte er ohne auf die Ergebnisse zu blicken (Silber in Sotschi, Anm.). "Dass man auf die Schnauze fallen muss als Topathlet, tut vielleicht auch einmal ganz gut. Aber jetzt wäre schon wieder der Zeitpunkt da, zu zeigen, was man drauf hat." Das Dabeisein sei zwar eine Ehre. "Aber es ist nicht mein Anspruch."

Selbiges gilt auch für den Cheftrainer, der sehr wohl nachdenklich ist. "Natürlich, ich hinterfrage jeden Tag, ob wir alles richtig machen, ob wir das Team richtig führen", gibt Kuttin zu. "Ich bin halt keiner, der da voll reintuscht jeden Tag. Ich habe eher eine ruhige Art und schlaf einmal drüber." Im vergangenen Jahr war es das gleiche Trainerteam, da war die Saison durch Krafts Leistungen geprägt. "Wir haben gleich weitergearbeitet, es hat eine Kleinigkeit an Materialänderungen gegeben, wobei es null Ausrede aufs Material gibt. Wir sind da sehr gut aufgestellt, wir fahren einen super Speed."

Auch wenn dieses Jahr nicht mehr viel zu holen ist: Ein versöhnlicher Saisonschluss wäre auch schon im Hinblick auf die Heim-Weltmeisterschaften in Seefeld (und Innsbruck) ein Segen. Denn dort möchten die einstigen ÖSV-"Adler" zurückschlagen.

krone Sport
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