Do, 23. November 2017

Vergänglicher Zauber

01.11.2017 08:30

Einfach magisch: Sommerzeit auf Grönland

Arktischer Zauber im Land der Eisberge: Bei Sonnenschein zeigt sich die größte Insel der Welt als magische Gegend. Eine Schiffsreise zu Gletschern, Walen und den einzigartigen Inuit.

Der dumpfe Knall hört sich an wie Donner nach einem Blitzeinschlag in einer schwülen Sommernacht. Doch das Thermometer kratzt an der Minusmarke. Atem gefriert. Wenn Gletscher kalben und nach 10.000 Jahren das vermeintlich ewige Eis freigeben, tun sie das mit Pauken und Trompeten. Übrig bleiben tonnenschwere Eiswürfel, die wie in einem überdimensionalen Cocktailglas den Fjord hinuntertreiben und eine milchig-mäandernde Spur hinter sich herziehen. Macht und Ohnmacht der Natur - hier in Grönland werden sie besonders deutlich.

Trotz Autonomie ist die größte Insel der Erde weiter der dänischen Krone unterstellt. Fischfang dominiert den Alltag der rund 57.000 Bewohner. Aufgrund der arktischen Bedingungen gibt es zwischen Orten keine Verbindungsstraßen, weshalb sich zur Erkundung eine Schiffsreise anbietet. Als Ausgangspunkt bietet sich das Städtchen Ilulissat in der Diskobucht an. Bis in den Hafen hinein hat das Inlandeis hier seine frostigen Souvenirs ausgestreut. Von der Sonne angestrahlt, lassen sie das Wasser türkis funkeln.

Karibik-Feeling nördlich vom Polarkreis
Bunt bemalte Holzhäuschen säumen die Ortsstraße. Im Restaurant des Hotels Arctic gelten die marinierten Eismeerkrabben als Spezialität. Die hausgemachte Engelwurz-Knoblauch-Sauce rundet das Geschmackserlebnis ab. Dazu wird grönländisches Bier gezapft.

Nach einem Seetag in Richtung Süden ist die Hauptstadt erreicht. Nuuk wurde 1728 vom dänisch-norwegischen Missionar Hans Egede gegründet, zählt heute 16.000 Einwohner. Inuit-Tradition trifft auf moderne Urbanität. Im Nationalmuseum ausgestellte und in Robbenfell gehüllte Mumien sind gleichsam die "Ötzis der Arktis".

Begleitet von einer Delfin-Schule, die vor dem Bug verspielt auf und ab taucht, und einem Buckelwal, der - in sicherer Entfernung - seine mächtige Heckflosse zur Schau stellt, bricht die "Ocean Diamond" weiter die Wellen des Nordatlantiks. Den nächsten Halt legt der aus Finnland stammende Kapitän Hans Söderholm von Iceland Pro Cruises im Ikkafjord ein. Auf den sattgrünen Hängen des Tals grast eine Herde Moschusochsen.

Im Wasser sind bis zu 20 Meter große Stalagmiten die Stars, die vom Meeresboden in die Höhe ragen. Von Zodiac-Schlauchbooten aus lassen sich die bizarren Formationen beobachten. "Dieses Phänomen", erklärt der als Experte mitgereiste Polarforscher Steingrimur Gunnarson, "hat mit Korallen kaum etwas gemeinsam." Vielmehr handle es sich um eine komplexe Calciumcarbonat-Verbindung, die zustandekommt, weil durch Ritzen in der erstarrten Lavamasse Schmelzwasser unterirdisch in den Fjord dringt. Vor der Überfahrt durch den Prinz Christian Sund und weiter über die Dänemarkstraße Richtung Zielhafen in Reykjavik wird noch ein finaler Landgang in Grönland eingelegt.

Qassiarsuk. Gegründet wurde die Siedlung einst von den Wikingern. Eine Statue des Seefahrers Leif Eiriksson thront noch heute auf einem Felsen hoch über der Ortschaft, wacht symbolisch über die 50 Bewohner. Die Menschen im fruchtbaren Tal leben von Landwirtschaft. Ein Bauer erntet Hafer, auf einem Holzverschlag wird nach alter Eskimo-Tradition Fisch getrocknet. Ein Mädchen mit geflochtenen Zöpfen pflückt Blumen und macht die malerische Stimmung komplett.

Doch alle hier wissen: Die arktische Idylle ist rasch vergänglich. Schon hat der nahende Herbst die Heidelbeerblätter weinrot eingefärbt. Erste Nordlichter in der Nacht sind die Vorboten des harten Polarwinters. Der Sommer in Grönland ist kurz - die Erinnerung daran währt umso länger.

Gregor Brandl, Kronen Zeitung

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