Do, 23. November 2017

Politik

24.05.2017 23:30

Wie brutal ist die Politik?

Hasspostings und der irre Social-Media-Pranger. Vor Wahlen in Salzburg waren es gezielt gestreute Gerüchte, die Kandidaten zermürbten.

Wenn zwei so unterschiedliche Personen das Gleiche sagen, können sie kaum irren. Reinhold Mitterlehner und Eva Glawischnig. ÖVP, Grüne. Der Vizekanzler, die Bundessprecherin.

Mann, Frau. Zwei Abschiedsreden mit einer Botschaft: Die Politik zermürbt, es gibt Querschüsse (sagt Mitterlehner) und sexistische Machos (sagt Glawischnig). Zum Selbstschutz und zum Schutz der Familie (sagen beide) müssen Konsequenzen gezogen werden, die Politik müsse fortan eben ohne sie leben.

Das Bild, das sich ergibt vom Politiker von heute, ist ein trauriges: ein vom Steuerzahler finanzierter Watschenbaum, auf den so lange eingeprügelt wird, bis eine geschundene Persönlichkeit übrig bleibt.

Seit dem Web 2.0 hat sich die Kommunikation verändert. Früher hat es zwei Player gegeben, nämlich Politiker und Medien. Und plötzlich ist ein dritter Player hinzugekommen", erklärt Meinungsforscher Peter Hajek. Es ist der Wähler. Wo er früher böse Briefe schrieb und alle paar Jahre ein Kreuzerl machte, kann er jetzt dem Bundeskanzler auf Twitter direkt eine Frage stellen. Oder über ihn schimpfen. Sein Fazit: "Es ist nicht brutaler geworden, nur sichtbarer." Wurde damals - übrigens nicht weniger aggressiv - auf dem Stammtisch getobt, ist es heute das Internet.

Aber wo Internet draufsteht, ist auch Bösartigkeit drin. Hajek als Meinungsforscher bemerkt es bei seiner täglichen Arbeit.

Für Eva Zeglovits vom Meinungsforschungsinstitut IFES hat sich eines stark verändert: Die Tonalität, vor allem in den sozialen Medien: "Kritik geht unverblümt, aggressiv und ungefiltert an die Adressaten", erklärt sie. Und: "Kritik an Frauen ist sehr sexualisiert."

Das sieht auch Hajek so, immer noch hätten es Politikerinnen schwerer: "Viele haben mit einem unfassbaren Gegenwind zu kämpfen", erklärt er. Die Frau wird abgewertet, während ein Sebastian Kurz von der ÖVP mit einem Diktator verglichen wird. Das ist zwar auch nicht charmant, aber mächtig.

Das Fazit des Meinungsforschers: "Eine Frau bekommt selten eine mächtige Zuschreibung."

In Salzburg ging es nicht elektronisch, sondern mündlich. Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich die Gerüchte in der ganzen Stadt, einer sagte es dem anderen, jeder gab noch etwas dazu, denn er wollte ja der Best-Informierte sein. Den Ursprung konnte man nur ungefähr feststellen: Irgendwo in den Zirkeln rund um das Machtzentrum Chiemseehof.

Franz Schausberger, Landeshauptmann von 1996 bis 2004 zerbrach fast daran: Kein Wort über die Probleme in der Familie war wahr, doch der Kandidat wurde nervöser, musste sich damit herumschlagen, sogar einen Rechtsanwalt beauftragen. Nichts daran stimmte.

Als Nächste traf es die Nachfolgerin: Gabi Burgstaller, Landeshauptfrau von 2004 bis 2013: Genüsslich erzählte man sich Details ihrer angeblichen Luxuswohnung in Hallein. Die gab es nicht. Die Kandidatin wurde immer nervöser und dann kam auch noch der Finanzskandal.

Als sie schon abgetreten war, setzten die Feinde mit einer neuerlichen Gerüchte-Welle nach. Unter dem Motto: Darf’s mehr sein?

Wie im Fall Schausberger: Nichts daran stimmte.

Selbstkritik müssen aber auch die Medien üben. Auch die "Krone." Nehmen wir als Beispiele wieder Schausberger und Burgstaller.

Als sie schon - politisch erledigt - am Boden lagen, wurde sehr heftig, im Nachhinein betrachtet, zu vehement kritisiert.

Wen wundert es, dass sich immer weniger Qualifizierte für einen Job in der Politik finden.

Michael Pommer und Hans Peter Hasenöhrl, Kronen Zeitung

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