Der Kulturwandel in der Gastronomie zeigt sich in einer Tiroler Gemeinde besonders drastisch. Im Zentrum von Jenbach (Bezirk Schwaz) eröffnete nun schon die siebente Pizzeria, ein richtiges einheimisches Gasthaus fehlt hingegen seit vielen Jahren – eine Spurensuche.
„Ein Tiroler Gröstl oder einen Schweinsbraten sucht man im Zentrum vergeblich, dafür hat die nächste Pizzeria eröffnet. Diese Entwicklung ist bedauerlich“, schüttelt ein alteingesessener Jenbacher den Kopf. Der über 80-Jährige kann sich noch an klingende Gasthof-Namen wie Sense, Toleranz, Stern, Neuwirt oder Rofner erinnern. Sie alle sind längst Geschichte, verschwunden für immer.
Stattdessen dominiert in der 7700 Einwohner zählenden Unterländer Marktgemeinde das italienische Nationalgericht (allerdings nur teilweise auch zubereitet von Italienern) – die Pizza!
Betriebe im Umkreis von wenigen hundert Metern
Im Umkreis von wenigen hundert Metern im Zentrum findet man zumindest sieben Pizzerien, kürzlich kam das Ristorante La Famiglia unterhalb der Gemeinde hinzu. Ebenfalls auf Pizzen setzen die Bar Osteria Dove im Veranstaltungszentrum (VZ), die Pizzeria Gusto, A-Pizza, Pizza Man, die Pizzeria Paletti und die Pizzeria Sandro nahe des Innio-Werksgeländes.
Eine größere gastronomische Vielfalt fehlt, das muss man leider feststellen.
Elisabeth Frontull, Geschäftsführerin des TVB Silberregion Karwendel,
Tirolerisches gibt es nur etwas außerhalb des Zentrums – beim erweiterten Imbiss Die Schals, bei Seppi am Kienberg, der Gleisalm am Bahnhof und natürlich beim Parade-Gasthof Rieder auf dem Weg zum Achensee. Im Ortskern wird die „Kulinarik“ hingegen durch einige Kebab-Stände ergänzt.
Geselliges im Vereinsheim statt am Stammtisch
Der genannte Einheimische, zugleich Vereinsmensch, sieht eine negative Wechselwirkung: Zahlreiche Vereine hätten sich inzwischen in ihren Clubräumen eingerichtet, das Dorfleben am Wirtshaus-Stammtisch fehle hingegen.
Elisabeth Frontull, Geschäftsführerin des TVB Silberregion Karwendel, verweist auf die genannten „gutbürgerlichen“ Angebote, gesteht aber ein: „Wir müssen leider feststellen, dass die klassische Wirtshaus- und Restaurantkultur in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen ist.“ Eine größere gastronomische Vielfalt fehle.
Auf der Fläche des neuen La Famiglia hätte man gerne einen Bäcker bzw. eine Bäckereikette gehabt, das Interesse hielt sich aber in Grenzen.
Dietmar Wallner, Bürgermeister von Jenbach
Bürgermeister sieht wenig Chance auf Eingreifen
Wie steht Langzeit-Bürgermeister Dietmar Wallner zum gastronomischen Kulturwandel in Jenbach? „Auf die Art des Betriebes haben wir keine Einflussmöglichkeit“, betont er, „die Vermieter im Zentrum haben offenbar auch nicht die großen Wahlmöglichkeiten.“ Auf der Fläche des neuen La Famiglia hätte man gerne einen Bäcker bzw. eine Bäckereikette gehabt – „das Interesse hielt sich aber in Grenzen“.
„Pizzeria wohl das leichteste Konzept ...“
Wallner glaubt, dass eine Tiroler Küche mit allem Drum und Dran eben deutliche mehr Investitionsbedarf bedeute und sich nicht mehr so leicht rechnen würde. „Eine Pizzeria hingegen scheint das leichteste Konzept zu sein.“ Solche Betriebe, auch wenn sie sich häufen, seien immer noch besser als Leerstände von Mietflächen mitten im Ort. Der Kulturwandel dürfte wohl einzementiert sein . . .
„Prinzipiell orientiert sich das Angebot am Bedarf, ich finde aber eine gastronomische Vielfalt wichtig“, konstatiert Alois Rainer, Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in Tirol, auf Bundesebene Obmann des Fachverbandes Gastronomie. Man bewege sich aber in einem freien Markt – „und wenn Widmung, Betriebsanlage und Gewerbeschein passen, darf jeder den Gastro-Betrieb seiner Wahl eröffnen.“
Ethno-Küchen verzeichnen Zuwachs
Sogenannte Ethno-Küchen – vom Thailänder über den Inder bis zum Mexikaner – würden tendenziell mehr werden. „Weil sich auch das Konsumverhalten der Kunden ändert“. Mit Ernährungstrends wie vegan, glutenfrei oder alkoholfreien Aperitifs würden sich diese Betriebe leichter tun als das gutbürgerliche Tiroler Wirtshaus. „Immerhin“, ergänzt Rainer, „haben die meisten großen Tiroler Orte noch eine Gastronomie. In anderen Bundesländern gibt es Orte mit 4000 Einwohnern, wo sie gänzlich fehlt.“
Weniger Gasthäuser ist bundesweiter Trend
Die Statistik über die jeweiligen Betriebsarten zeigt bundesweit einen klaren Trend: So sank die Zahl der Gasthäuser von 10.045 (Jahr 2010) auf zuletzt 6373. Auch bei Kaffeehäusern ist das Minus deutlich – 7796 statt 10.296 Betriebe. Die Zahl der Restaurants ist generell aber deutlich gestiegen, von 6649 auf nunmehr 10.430, die genannten Ethno-Küchen tragen viel zu diesem Plus bei.
In Tirol gibt es derzeit laut Statistik der Gewerbeberechtigungen 278 Gasthäuser. 2019 waren es noch 303 und in der Vergangenheit noch deutlich mehr.
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