Ganze fünf Jahre nach dem letzten Film aus der Thriller-Reihe „Spuren des Bösen“ gibt es heute Abend mit „Sühne“ (20.15 Uhr, ORF 2) ein überraschendes Comeback von Heino Ferch als grübelnden und einsamen Psychoanalytiker Richard Brock. Regisseur Andreas Prochaska erzählt der „Krone“ im Talk, wieso es zum Comeback kam.
„Krone“: Herr Prochaska, fünf Jahre nach dem letzten Film der Reihe „Spuren des Bösen“ gibt es jetzt mit „Sühne“ einen neuen Teil. Kann man es ein Comeback nennen?
Andreas Prochaska: Absolut. Nach dieser langen Pause fühlt es sich tatsächlich wie ein Comeback an – und umso schöner ist es, dass wir die Reihe mit „Sühne“ fortsetzen können.
War es ursprünglich immer geplant, diesen Teil abzudrehen oder kam es auch für Sie überraschend, dass es schlussendlich wirklich passierte?
Die letzten drei Filme waren stark von einer durchgehenden, beinahe horizontal erzählten Handlung geprägt, die mit der Verhaftung der von Jürgen Maurer gespielten Figur ihren Abschluss fand. Für alle Beteiligten war die Reihe damit eigentlich abgeschlossen. Dann wurde ich bei einer Geburtstagsfeier von einem Fan der Reihe gefragt, warum es denn keine neuen „Spuren des Bösen“ mehr gebe. Und mit dem Abstand nach dem letzten Film habe ich mich selbst gefragt, ja warum eigentlich nicht? Die Sender hatten uns ja quasi eine Hintertür offengelassen, wenn wir eine neue Geschichte für die Figur des Brock finden, dann könnte man ja weitermachen.
Ich habe daraufhin den Kontakt zu den zentralen Weggefährten der Reihe aufgenommen: zu Drehbuchautor Martin Ambrosch, Produzent Josef Aichholzer und Hauptdarsteller Heino Ferch. Und alle waren begeistert von der Idee Brock aus dem vermeintlichen Ruhestand zu holen.
Trotz der längeren Pause war bei Ihnen immer die Lust da, die Geschichte weiterzuerzählen?
Der große Luxus bei „Spuren des Bösen“ war immer die Freiheit. Es gab nie den Zwang, regelmäßig liefern zu müssen – wie etwa beim „Tatort“. Wir haben uns nur dann auf einen neuen Film eingelassen, wenn uns eine Geschichte wirklich interessiert hat und sich in unserem erzählerischen Kosmos verorten ließ. Als der Stein dann wieder ins Rollen kam, hat Martin eine neue Geschichte entwickelt, die sofort alle begeistert hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass das wieder passieren kann – aber das hängt natürlich nicht von uns allein ab.
Ist es nicht eine angenehme Position, dass man nicht wie beim „Tatort“ abliefern muss, sondern schlichtweg abliefern kann?
Auf jeden Fall. Diese Freiheit war in gewisser Weise eine Carte blanche: Wir konnten uns die Zeit nehmen, unseren Anspruch hochzuhalten und nur die Geschichten zu erzählen, die uns wirklich interessieren.
Gab es auch im Team eine große Wiedersehensfreude? Dass man nach längerer Pause wieder an eine Art Stammtisch zurückkehrt und sofort in die alten Rollen verfällt?
Es war sehr schön zu sehen, dass viele Menschen, die die Reihe seit dem ersten Film begleitet haben, wieder dabei waren.Tragischerweise ist unser Kameramann David Slama nach dem letzten Film verstorben. Mit Carmen Treichl haben wir eine Kamerafrau gefunden, die die visuelle Handschrift der Reihe behutsam weiterführt und zugleich neue Akzente setzt.
Eine kleine Anekdote am Rande: Heino hatte anfangs die Sorge, dass ihn das vor 15 Jahren eingeführte Sakko gewissermaßen „erdrückt“ – als würde sich darin die Last der Jahre bündeln. Ich habe ihn gebeten, sich vorzustellen, Inspektor Columbo würde plötzlich mit einem neuen Mantel auftreten. Also zog er sein Sakko wieder an – und es passte noch immer wie angegossen. In diesem Moment stand Brock plötzlich wieder ganz selbstverständlich vor uns.
Seine Rolle als Richard Brock hat sich natürlich verändert. Viele Wesenszüge und Charakteristika sind anders oder wurden klarer herausgestellt.
Wir alle bleiben vom Älterwerden nicht verschont, Brock ist Opa geworden und so ist er auch weicher, verletzlicher geworden. Vielleicht ist er auch ein wenig einsam. Es gibt diese leisen, komischen Momente mit Taxler Tauber, gespielt von Gerhard Liebmann: die zwei sind manchmal wie ein altes Ehepaar das zusammen sitzt und über das Leben sinniert. Bis plötzlich ein neuer Fall und eine Frau in sein Leben treten – und alles durcheinanderbringen.
Man merkt, dass Brock durch die lange Einsamkeit sehr schnell empfänglich ist für Einflüsse von außen oder eine neue Liebe. Lässt er seinen Schutzmantel zu schnell fallen?
Er wurde einmal als „Bluthund“ bezeichnet – und das trifft es sehr gut. In dem Moment, in dem er einen Fall wittert, wenn er spürt, dass etwas nicht stimmt, werden seine Instinkte geweckt. In „Sühne“ bittet ihn eine junge Frau bei der Aufklärung des vermeintlichen Suizids eines ehemaligen Patienten um Hilfe. Und Brock verbeißt sich – wider besseres Wissens – in diesen Fall. Mit dramatischen Folgen.
Die angesprochene Zweierbeziehung zwischen Brock und Tauber ist eine ganz besondere. Holen sich die beiden dadurch gemeinsam aus ihrer jeweiligen Einsamkeit?
Sie versuchen es. Und gleichzeitig erzählt diese Beziehung auch von der Zeit, die vergangen ist. Die Stadt hat sich verändert - und mit ihr die Orte und Begegnungen. Früher gab es Brocks Stammcafé, in dem Tauber als Kellner arbeitete. Er wurde über die Jahre zu Brocks Begleiter und Vertrautem – und nach der Schließung des Cafés schließlich zu seinem Chauffeur. Diese Beziehung ist gewachsen. Und doch sind sie sich in einer Sache treu geblieben: Sie sind bis heute per Sie.
15 Jahre „Spuren des Bösen“ sind eine ordentliche Zeit für eine Krimireihe. Muss man nach einer so langen Pause wie jetzt aufpassen, dass man sich nicht selbst zitiert und nicht zu viel von den eigenen alten Filmen mitnimmt?
Natürlich besteht diese Gefahr. Aber Martin Ambrosch hat immer sehr darauf geachtet, dass wir uns mit jedem Film in ein neues erzählerisches Terrain vorwagen. Wir haben uns dabei auch immer wieder von filmischen Klassikern inspirieren lassen - bei „Sehnsucht“ etwa von Hitchcocks „Fenster zum Hof“, beim neuen Film eher von Motiven des Haunted-House-Genres. Wenn man die Reihe als Ganzes betrachtet, wird deutlich, dass jeder Film seinen eigenen Ton und eine eigene Welt hat.
Ich erinnere mich, dass Sie zu Beginn der Reihe Filme wie „State Of Play“ oder „Michael Clayton“ als Inspiration genannt haben. Hat sich das im Laufe der Zeit verändert und erweitert?
Ja. Und genau darin liegt auch ein großer Luxus dieser Reihe: Wir sind nie gezwungen, einen bestimmten Stil zu bedienen. Stattdessen können wir uns jeder Geschichte visuell und erzählerisch neu annähern. So haben wir die Möglichkeit, unterschiedliche Einflüsse aufzunehmen und weiterzuentwickeln – je nachdem, was der jeweilige Stoff verlangt.
Ohne zu viel zu spoilern: Am Ende des neuen Films merkt man, dass sich bei Brock etwas verändert. Wollten Sie die Figur in diese Richtung weiterentwickeln?
Er wird vielleicht durchlässiger, nahbarer – und genau darin liegt ein großes erzählerisches Potenzial. Denn so sehr Brock auch ein Einzelgänger ist, bleibt er immer Teil dieser Welt und mit ihr verbunden. Was mich an ihm immer fasziniert hat, ist dieses Bild des in Wien gestrandeten „Piefke“, der sich im österreichischen Umfeld behaupten muss. Das ist für ihn nicht immer einfach – vor allem, weil er immer gescheiter ist als alle anderen.
Wie hat Sie die Reihe „Spuren des Bösen“ als Regisseur und langjähriger Macher geprägt?
Das lässt sich gar nicht so einfach greifen. 15 Jahre sind eine lange Zeit – ein eigener Lebensabschnitt. Was diese Arbeit für mich so besonders gemacht hat, war die Kontinuität: mit einer vertrauten Gruppe von Menschen immer wieder zusammenzukommen und gemeinsam Geschichten zu erzählen. Das ist in dieser Form ziemlich einmalig.
Kommt da der Gedanke hoch, dass man noch viele weitere gemeinsame Filme drehen möchte?
Für mich – und ich glaube, auch für das gesamte Team – ist die Tür auf jeden Fall offen. Natürlich hängt vieles davon ab, wie der Film beim Publikum ankommt. Aber ich habe das Gefühl, dass in dieser Figur und in diesem Kosmos noch einiges steckt. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, noch weitere Geschichten mit Brock zu erzählen.
„Spuren des Bösen“ deckt als Reihe eine Flanke ab, die in unseren Breitengraden eher unbearbeitet ist. Wir haben wahnsinnig viele Krimis, aber diese Reihe ist dunkler, sinistrer, reduzierter und hat mehr Noir-Momente. Sie lebt auch stark vom mimischen Spiel Ferchs.
Es ist keine klassische Krimireihe, sondern eher eine Verbindung aus Drama und Krimi, getragen von vielschichtigen Figuren und der Möglichkeit, wirklich in die Tiefe zu gehen. Gerade am neuen Film gefällt mir, dass es trotz aller Schwere immer wieder Raum für Humor gibt – Momente, in denen man auch einmal schallend lachen kann.
Was steckt bei Ihnen projektmäßig sonst so in der Pipeline? Wo und wie wird man Andreas Prochaska in näherer Zukunft wahrnehmen?
Letztes Jahr habe ich einen Kärntner Landkrimi mit Pia Hierzegger inszeniert, der auf der Diagonale in Graz präsentiert wurde. Danach habe ich mit Adele Neuhauser und Erwin Steinhauer den Thriller „Wenn das Licht gefriert“ gedreht, der voraussichtlich nächstes Jahr im Fernsehen zu sehen sein wird. Als Nächstes geht es für mich nach Frankfurt, wo ich mit Melika Foroutan und Edin Hasanović einen „Tatort“ realisiere – langweilig wird mir also nicht.
Der Frankfurter „Tatort“ mit seinen „Cold Case“-Fällen hat einen frischen Wind in die Reihe gebracht …
Melika und Edin sind ein unglaublich spannendes Duo, und die „Cold Case“-Fälle geben der „Tatort“-Welt eine ganz eigene Note.Die beiden Bücher, die ich gerade vorbereite, führen diesen Ansatz konsequent weiter.
Hätten Sie auch Lust, in näherer Zukunft einen Wien-„Tatort“ mit dem neuen Paar Laurence Rupp und Miriam Fussenegger zu drehen?
Warum nicht? Ich bin sehr gespannt darauf, wie sich die beiden entwickeln. Es sind natürlich große Schuhe, in die sie da hineinschlüpfen. Ich wünsche ihnen auf jeden Fall viel Glück.
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