Der deutsche Schauspieler Tjark Bernau ist seit dieser Spielzeit neu im Ensemble des Volkstheaters. Mit Johanna Wokalek tourt er jetzt mit einem intimen Beziehungsstück durch die Bezirke. Ein Gespräch über den Charme der Straßenbahnen, Theater unter der Lupe und das strenge Publikum.
Seine neue Heimat hat Tjark Bernau sofort mit offenen Armen empfangen: „Der Start wurde mir absolut leicht gemacht“, erzählt er im Interview. Seit einem knappen Jahr lebt der Schauspieler jetzt in Wien, ist mit dem neuen Volkstheater-Direktor Jan Philipp Gloger aus Köln hierher übersiedelt. Gerade als Theaterstadt hat er Wien dabei schnell schätzen gelernt: „Man kann hier wahnsinnig gut Kunst in und für die Stadt machen. Ohne dauernd zu schielen, was anderswo passiert.“
Im Augenblick lernt Bernau die Stadt auf sehr unkonventionelle Art kennen: Er tourt mit „State of the Union“ durch Wien, spielt auf 15 Bühnen in 13 Bezirken – von Simmering bis Großjedlersdorf, von der Seestadt bis nach Erlaa. Das Beziehungsstück von Nick Hornby in der Regie von Jan Philipp Gloger wurde ein Blitzerfolg. Bereits zwei Tage nach der Premiere waren alle Vorstellungen ausverkauft: „Man merkt, dass Leute hier wahnsinnig gerne ins Theater gehen. Sie sind sicherlich auch streng in ihrem Urteil, spüren aber, wenn etwas mit Herzblut gemacht wird.“
An dem Projekt hat ihn die spezielle Konstellation gereizt: „Das war Neuland für mich. Das reizt mich immer, wenn Theater etwas Neues für mich bereithält. Auch die Zusammenarbeit mit Johanna Wokalek als Bühnenpartnerin fand ich sofort spannend.“ Gekannt haben sich die beiden Darsteller nicht vor dem Projekt, nun spielen sie gut 100 Minuten lang ein Ehepaar, das in Gesprächen versucht, seine Beziehung zu retten.
Es gibt Lacher, die kommen von den Jungen. Es gibt Lacher, die kommen eher von Älteren. Es gibt Männerlacher und Frauenlacher. Das habe ich so noch nie erlebt!
Tjark Bernau
Die Räume, die das Team mit der pointierten Produktion bespielt, sind höchst unterschiedlich, einige ganz kleine Spielstätten haben kaum 80 Plätze. Für Bernau eine Chance: „Man ist ganz nahe am Publikum, hat die Chance, wahnsinnig intim und wahnsinnig genau Theater zu spielen. Es ist wie unter der Lupe, wo Menschen Leute jede Gesichtsregung sehen, jedes Lächeln, jede Traurigkeit. Da überträgt sich jede Emotion sofort.“
Kleine Reisen durch Wien
Schon bei der Anreise erkundet Bernau die Stadt jedes Mal ein Stück weit mehr: „Es beginnt schon in der Straßenbahn. Ich liebe es, durch immer neue Stadtteile zu fahren. Da fällt mir hier ein nettes Café auf, dort die schönen Häuser. Man kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Diese Fahrten sind wie kleine Reisen.“
Da die Produktion auf Tour ist, können sich die Darsteller auch nicht hinter großen Bühnenbildern verstecken. „Es ist auch jede Vorstellung anders. Und wir bekommen die Reaktionen der Menschen ganz unmittelbar mit. Da es ein humorvolles Stück ist, wird viel gelacht – sehr unterschiedlich. Es gibt Lacher, die kommen von den Jungen. Es gibt Lacher, die kommen eher von Älteren. Es gibt Männerlacher und Frauenlacher. Das habe ich so noch nie erlebt!“
Anknüpfungspunkte und Abstand
Mit seiner Bühnenfigur Tom verbindet Bernau einiges, auch der deutsche Schauspieler ist seit vielen Jahren mit einer Ärztin verheiratet, beide haben sie zwei Kinder: „Gott sei Dank habe ich eine Festanstellung hier am Volkstheater und bin nicht arbeitslos wie Tom“, lacht Bernau: „Von daher habe ich da einen gesunden Abstand zu meiner Rolle!“
Man zwingt das Publikum im besten Sinn, sich eine oder zwei Stunden lang mit einer Thematik auseinanderzusetzen, ohne Ablenkung, ohne Fernbedienung oder Plan B.
Tjark Bernau
Was er an Hornbys Stück schätzt? „Dass es einen Spiegel für das eigene Leben anbietet, ohne den Zeigefinger zu zücken. Theater muss Fragen stellen, aber keine Antworten liefern. Und dort hinsehen, wo es wehtut, wo es nicht so schön ist. Dann fühlt man sich beim Zusehen ertappt von diesen Gesprächen. Das ist wie bei uns am Küchentisch. Das haben mir nach der Premiere ganz viele Menschen berichtet.“
Nach der Bezirkstour widmet sich Bernau der neuen Spielzeit, beginnt mit Vorproben für die neue Saison. Was er am Theater in dieser hochdigitalisierten Zeit schätzt, ist die Direktheit: „Man zwingt das Publikum im besten Sinne, sich eine oder zwei Stunden lang mit einer Thematik auseinanderzusetzen, ohne Ablenkung, ohne Fernbedienung, ohne Plan B. Diese Intensität finde ich unfassbar schön.“
Für dieses unmittelbare Erlebnis möchte er auch auf Tour Werbung machen, Menschen für Theater begeistern und mit seiner eigenen Leidenschaft für die Bühneanstecken: „Das wäre das schönste Resultat – wenn wir Menschen neugierig gemacht haben.“
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