„Verrat an der Jugend“

Streit um Öffnung des Arbeitsmarktes für Ausländer

Wirtschaft
25.02.2026 10:00

Die Bundesregierung will ab März 2026 eine umfassende Fachkräftestrategie erarbeiten. Grund sind die Alterung der Gesellschaft und der zunehmende Arbeitskräftemangel. Geplant ist unter anderem, die sogenannte Rot-Weiß-Rot-Karte für Arbeitskräfte aus Drittstaaten (also Staaten außerhalb der EU) zu erweitern. Doch genau hier schlägt die Gewerkschaft vida jetzt Alarm.

Bei einer Pressekonferenz am Mittwoch übten vida-Chef Roman Hebenstreit, seine Stellvertreterin Olivia Janisch und die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger von der WU Wien deutliche Kritik an den Regierungsplänen. Ihre Botschaft: mehr Zuwanderung für den Arbeitsmarkt ja – aber nicht um jeden Preis.

Warum die Kritik an der Rot-Weiß-Rot-Karte?
Die Idee klingt erst einmal einfach: Firmen, die keine Fachkräfte finden, sollen leichter Personal aus Nicht-EU-Staaten holen können. Die Gewerkschaft sieht darin jedoch mehrere Probleme.

Besonders kritisch sehen die Experten zwei konkrete Pläne. Erstens: Die Öffnung der Rot-Weiß-Rot-Karte für Lehrlinge ab 18 Jahren aus Drittstaaten. Zweitens: Die Ausweitung auf Arbeitskräfteüberlasser (also Firmen, die Personal verleihen).

Die Pläne der Regierung für die „Fachkräftestrategie“ stoßen auf Widerstand der Gewerkschaft.
Die Pläne der Regierung für die „Fachkräftestrategie“ stoßen auf Widerstand der Gewerkschaft.(Bild: Andreas Tröster)

Das Kernproblem: Abhängigkeit
Migrationsforscherin Judith Kohlenberger erklärt, worin die eigentliche Gefahr besteht: Wenn der Aufenthaltsstatus eines Menschen direkt an einen bestimmten Job und einen bestimmten Arbeitgeber gekoppelt ist, entsteht ein starkes Machtgefälle. Wer seinen Job verliert, verliert auch sein Aufenthaltsrecht.

Migrationsforscherin Judith Kohlenberger von der WU Wien fordert, den Aufenthaltsstatus von ...
Migrationsforscherin Judith Kohlenberger von der WU Wien fordert, den Aufenthaltsstatus von Arbeitnehmern aus Drittstaaten nicht mehr nur an einen Arbeitgeber zu koppeln.(Bild: Christian Lendl (www.dchr.is))

„Das führt dazu, dass sich Betroffene oft nicht trauen, Missstände zu melden“, so Kohlenberger. „Wer weiß, dass er bei einer Beschwerde nicht nur den Job, sondern auch seine Existenz in Österreich verlieren kann, der schweigt lieber – selbst wenn der Lohn zu niedrig ist oder die Arbeitsbedingungen schlecht.“ Sprachliche Barrieren und Unkenntnis der eigenen Rechte kommen erschwerend hinzu.

Lehrlinge aus dem Ausland – trotz hoher Jugendarbeitslosigkeit?
Besonders unverständlich ist für die Gewerkschaft der Plan, Lehrlinge aus Drittstaaten anzuwerben. Olivia Janisch, stellvertretende vida-Vorsitzende, nennt aktuelle Zahlen: Über 13.500 Jugendliche suchen in Österreich derzeit eine Lehrstelle. Die Jugendarbeitslosigkeit (unter 25 Jahren) liegt bei 10,5 Prozent, insgesamt sind mehr als 70.000 junge Menschen arbeitslos oder in Schulung.

Roman Hebenstreit, Vorsitzender der Gewerkschaft vida, sieht eine mögliche Öffnung der ...
Roman Hebenstreit, Vorsitzender der Gewerkschaft vida, sieht eine mögliche Öffnung der Rot-Weiß-Rot-Karte für Lehrlinge aus Drittstaaten kritisch.(Bild: APA/MAX SLOVENCIK)

„Bevor wir junge Menschen aus fernen Ländern holen, müssen wir denen eine Perspektive geben, die schon da sind“, fordert Janisch. Es könne nicht sein, dass Betriebe nicht ausbilden, aber dann Personal aus dem Ausland holen wollen. Wer junge Menschen in Österreich hängen lasse, betreibe „Verrat an der eigenen Jugend“.

Der Blick nach Deutschland: Warnung vor Fehlentwicklungen
Die Gewerkschaft verweist auf Erfahrungen aus Deutschland. Dort wurden die Regeln für ausländische Lehrlinge bereits gelockert – mit teils dramatischen Folgen. Laut vida-Berichten zahlen Familien in Herkunftsländern oft hohe Summen (bis zu 20.000 Euro) an Vermittlungsagenturen, manchmal für gefälschte Sprachzertifikate. Die Jugendlichen kommen dann verschuldet in Deutschland an, landen in prekären Wohnverhältnissen und brechen die Ausbildung aufgrund von Überforderung oder finanziellen Nöten häufig ab. Die Abbruchquote liegt demnach im ersten Jahr bei über 50 Prozent.

Was fordert die Gewerkschaft?
Die vida sieht durchaus, dass der österreichische Arbeitsmarkt Zuwanderung braucht. Sie fordert aber klare Regeln, um Ausbeutung zu verhindern und bestehende Potenziale zu nutzen:

  • Bestehende Arbeitslose qualifizieren: Rund 463.000 Menschen sind beim AMS gemeldet. Sie brauchen bessere Qualifizierungsangebote, bevor neue Kräfte angeworben werden.
  • Löhne als Maßstab: Berufe sollten nur dann als Mangelberufe gelten, wenn sie auch überdurchschnittlich bezahlt werden. Hebenstreit: „Wenn ein Betrieb händeringend Personal sucht, aber die Löhne nicht steigen, dann ist das kein echter Mangel.“
  • Arbeitgeberbindung abschaffen: Die Rot-Weiß-Rot-Karte sollte aus Sicht des Arbeitnehmers für jeden Arbeitgeber in Österreich gelten, nicht nur für einen. Das würde die Abhängigkeit verringern.
  • Mehr Kontrollen: Betriebe, die Personal aus Drittstaaten beschäftigen, müssen strenger kontrolliert werden. Bei Missbrauch soll die Erlaubnis entzogen werden.
  • Kosten fair verteilen: Unternehmen, die Arbeitskräfte holen, sollen sich auch an den Kosten für Infrastruktur beteiligen, etwa für Wohnraum, Schulen etc.

Experten für Weichenstellung
Migrationsforscherin Kohlenberger fasst zusammen: „Österreich braucht Arbeitsmigration – aber unter fairen Bedingungen. Es braucht rasche Sprachförderung, leistbaren Wohnraum und gleichen Zugang zu Bildung. Nur wenn wir Migration als umfassendes Integrationsprojekt verstehen, profitieren beide Seiten: die Neuankommenden und die Gesellschaft.“ Die Politik müsse jetzt die Weichen richtig stellen.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Kostenlose Spiele
Vorteilswelt