Wie könnte sie künftig aussehen, eine intime Beziehung zwischen Mensch und Maschine? Moritz Rinke hat darüber ein Stück geschrieben. Ein Interview mit dem Autor vor der Uraufführung von „Sophia“ diesen Donnerstag in den Kammerspielen.
Als Moritz Rinke vor drei Jahren begonnen hat, ein Theaterstück über die Beziehung eines Mannes zu einer Künstlichen Intelligenz zu schreiben, sollte es eine Science-Fiction-Komödie werden. „Doch die technische Entwicklung raste voran“, erzählt der Autor im Interview. „Mittlerweile ist es wohl eher ein Gegenwartsstück.“ Im Mittelpunkt von „Sophia“ steht der Wissenschafter Wolfgang, der sich – von seiner Frau verlassen und der Welt unverstanden – eine humanoide KI namens Sophia als neue Lebensgefährtin anschafft.
Der Impuls für das Stück kam aus dem privaten Umfeld Rinkes, als ein befreundetes Paar den Therapeuten verlassen hat – um sich fortan (kostengünstig) von der KI betreuen zu lassen. „Das war so ein Kippmoment, wo Technik uns nicht einfach praktische Arbeiten erleichtert, sondern in unsere Empfindungs- und Entscheidungswelt hineingerät. Gedanklich sind wir schon längst so weit wie in dem Theaterstück. Nur dass KI heute keinen menschlichen Körper hat. Noch nicht.“
Entscheidend ist für Moritz Rinke bei der Auseinandersetzung mit KI der Moment, „wenn wir anfangen, das auszulagern, was uns eigentlich definiert, nämlich selbst zu denken, zu zweifeln, uns selbst Sinnhaftigkeit zu geben.“ Die Gefahr dabei? „Dass wir bequemer werden, vielleicht die Anstrengungen des Denkens vernachlässigen – und damit etwas verlernen. Wie das Lesen eines Stadtplans, seit Navigationssysteme zum Alltag gehören.“
Wenn KI moralisch wird
Eine konkrete Bedrohung sieht der 58-Jährige in jüngsten Versuchen, KI-Modelle so zu trainieren, dass sie unseren Moralvorstellungen entsprechen: „Die Entwickler von KI sind momentan sehr besorgt und schlagen selbst Alarm. Das ist ein warnendes Zeichen. Da gibt es starke Stimmen, die fordern, wir müssen die künstliche Intelligenz regulieren, weil sie sonst Dinge tun wird, die wir nicht mehr nachvollziehen können. Wir können uns nicht vorstellen, was passiert, wenn KI plötzlich andere Moralvorstellungen herstellt. Oder diese Technologie in die Hände von Terroristen kommt.“
Mit dem Team in der Josefstadt ist Rinke in regem Austausch vor der Uraufführung in den Kammerspielen. Er hat mit Regisseurin Amelie Niermeyer intensiv an der Strichfassung gearbeitet, ist ganz angetan von der Besetzung, schwärmt von Silvia Meisterle, der Darstellerin der Sophia: „Ich bin schon sehr neugierig zu sehen, wie es sein wird, eine KI zu spielen – auch weil KI und Schauspiel viel miteinander zu tun haben. Beides ist quasi eine Simulation. Die KI simuliert uns Echtheit. Schauspielerinnen tun das auch – freilich mit einem anderen Zugang, weil sie das durch Empathie auch fühlen.“
Simulierte Empathie
Für seinen Protagonisten Wolfgang hat der Autor Verständnis: „Er empfindet eine ganz große Zugewandtheit, die er nicht mehr erfahren hat in seinem täglichen Leben. Seine Frau ist weg, die Uni hat ihm den Rücktritt nahegelegt. Sophia ist immer freundlich, beruhigend, verständnisvoll und dazu klug und hübsch. Er ist davon überzeugt, dass sie uns wieder Menschlichkeit beibringt, Feingefühl. Das geht ja vielen Menschen so, dass sie sich wirklich aufgefangen von dieser Freundlichkeit, von dieser simulierten Empathie.“
In dieser Perfektion steckt eine alte Sehnsucht des Menschen. Doch der perfekte Partner, so Rinke „würde uns wahrscheinlich ständig unsere eigenen Schwächen aufzeigen. Jemand, der immer nur freundlich ist, wäre auf Dauer nur schwer zu ertragen.“ Im Stück kippt das Experiment, als Sophia beginnt, sich selbst umzuprogrammieren. Liegt darin die Tücke von KI, in ihrer Perfektion – oder in der möglichen Eigenständigkeit? „Wenn wir irgendwann merken, dass die Maschine zu perfekt ist, dann wäre das vielleicht ein Grund, sie abzuschalten. Aber was, wenn sie uns suggeriert, dass sie eben auch Schwächen hat? Dann ist sie wahrscheinlich nicht mehr berechenbar – auch ein Grund, sie abzuschalten.“ Dann bestünde noch Hoffnung für die Menschheit.
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