Oma Erna brachte FinanzOnline ins Wanken. Nach dem „Krone“-Bericht reagierte das Ministerium, Regeln wurden gelockert. Doch viele Senioren stoßen weiter an Grenzen – bei Öffis, Banken, Förderungen und im Alltag.
Der Fall der Wienerin Erna Pauer (93) hat gezeigt, was passieren kann, wenn sich eine Betroffene wehrt – und die „Krone“ hinsieht. Ohne die neue Zwei-Faktor-Authentifizierung wie der ID Austria kein FinanzOnline und damit auch keine Arbeitnehmerveranlagung abseits mühsamer Amtswege. Erst nach dem Bericht wurde das System adaptiert, eine „unentgeltliche Vertretung“ ermöglicht. Ein Einzelfall brachte Bewegung in ein starres System. Für die schnelle Reaktion seitens des Finanzministeriums gab es viel Lob.
Doch Seniorenvertreter warnen: Das Problem reicht weiter. Der Pensionistenverband spricht von einer „wachsenden digitalen Kluft bei Amtswegen“. Die Umstellung auf ID Austria und Zwei-Faktor-Authentifizierung benachteilige jene, „die kein Smartphone haben oder mit Apps überfordert sind“. Die neue Möglichkeit der Vertretung sei „ein wichtiger Schritt“, ändere aber nichts daran, „dass das System insgesamt nicht altersfreundlich genug gestaltet ist“.
Mehr als deutliche Kritik an den Wiener Linien
Besonders heftig fällt die Kritik an den Wiener Linien aus. Der Seniorenbund ortet unter älteren Wienern „großes Ärgernis und heftige Kritik – zu Recht“. Seit 1. Jänner 2026 kostet die Einzelfahrt für Senioren 3,20 Euro statt bisher 1,50 Euro – eine Steigerung um 113 Prozent. Auch die Jahreskarte ist um rund 30 Prozent teurer geworden.
„Wer kein Smartphone hat, zahlt drauf – das ist weder sozial noch generationengerecht“. Mobilität sei „keine Komfortfrage, sondern Voraussetzung für Selbstständigkeit, Teilhabe und Würde im Alter“. Arztbesuche, Einkäufe, soziale Kontakte – all das hänge am Ticketpreis.
Neben Tarifen kritisieren Seniorenvertreter auch die Infrastruktur. Am Stephansplatz war „der einzige (!) Aufzug monatelang außer Betrieb“. In der Station Rathaus fehlt in einer Fahrtrichtung ein Lift oder eine Rolltreppe. Für Menschen mit Gehbeeinträchtigung bedeutet das Umwege, Stufen, Abbruch. Hinzu komme: 2024 waren rund 14 Prozent der Straßenbahngarnituren keine Niederflurfahrzeuge. Hohe Einstiegsstufen würden daher gerade für ältere Personen mit Rollator zur Stolperfalle.
Ein Ticket am Schalter oder Automaten darf nicht teurer sein als ein digitales. Mobilität ist keine Komfortfrage, sondern Voraussetzung für Selbstständigkeit.
Österreichischer Seniorenbund
Auch im Straßenverkehr ortet der Seniorenbund Gefahren. Viele Ampelphasen seien „viel zu kurz“. Die Forderung lautet klar: „Weniger rot, mehr grün!“ Zudem fehlten sichere Zebrastreifen oder ausreichende Beleuchtung. Sicherheit dürfe nicht vom Tempo abhängen.
Ein weiteres Thema ist die Hundesteuer in Wien. Sie wurde mit 1. Jänner 2026 um 64 Prozent erhöht – für den ersten Hund von 72 auf 120 Euro jährlich. Viele ältere Menschen lebten allein, ein Hund sei „nicht nur ein Haustier, sondern ein Freund“. Die Sorge: aus finanziellen Gründen verzichten zu müssen.
Selbstbestimmung ist nur dann gegeben, wenn staatliche Leistungen ohne Abhängigkeit von Familie oder Bekannten in Anspruch genommen werden können.
Pensionistenverband Österreich
Banken, Boni und jede Menge Bürokratie
Österreichweit sorgt die Geräte-Retter-Prämie für Kritik. Sie ist „nur online zu beantragen – oder mit der ID Austria“. Wer keinen Internetzugang habe, werde benachteiligt. Der Pensionistenverband spricht davon, dass ältere Menschen „de facto ausgeschlossen“ seien.
Auch Banken geraten ins Visier. Überweisungen seien „grundsätzlich nur mit Smartphone und Zwei-Faktor-Authentifizierung möglich“. Scanner im Foyer funktionierten schlecht, Daten müssten händisch eingegeben werden. Das „Ampelsystem“ bei Online-Überweisungen verunsichere viele ältere Kunden.
Vor allem dazu häufen sich auch bei der „Krone“ in jüngster Zeit die Beschwerden der Leser. Zudem gebe es in vielen Filialen keine besetzten Schalter mehr. Eingeschränkte Öffnungszeiten führten zu Warteschlangen – eine Belastung für Menschen mit eingeschränkter Mobilität.
Digitalisierung ja, aber nicht um den Preis der Ausgrenzung
Der Tenor ist klar: Digitalisierung ja, aber nicht um den Preis der Ausgrenzung. Erna Pauer hat gezeigt, dass Reformen möglich sind. Doch Seniorenvertreter fordern mehr als Reparaturen im Nachhinein. Ältere Menschen müssten von Beginn an eingebunden werden – damit Fortschritt nicht zur Hürde wird, sondern Brücke bleibt.
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