Jahrelang strampelte sich die brachialhumorige Krach-Combo The Butcher Sisters ab, um Erfolg zu haben – seit knapp zwei Jahren explodieren die Mannheimer mit ihrem Gemisch aus Metal, Rap und Elektronik. Wie es dazu kam, erkläre uns die Frontmänner Nicklas Stroppel und Alex Bechtel vor ihrem Auftritt am 21. Februar im randvollen Wiener Gasometer.
Das Volk will Party und Party bekommt es. Seit geraumer Zeit sind es vor allem unsere deutschen Landesnachbarn, die prä- bis schräg-pubertären Humor gerne mit beliebten Musik-Genres mixen und damit auf großes Publikum stoßen. Was früher mit Bands wie J.B.O. oder Knorkator für Begeisterung sorgte, hat sich mittlerweile in Richtung Metal mit Elektronik verlagert. Die prominenteste Fraktion daraus, Electric Callboy, hat es mittlerweile schon zum Nova-Rock-Headliner gebracht und begeistert auch in den USA zigtausende Menschen. Ähnlich geartete Konsorten heißen We Butter The Bread With Butter, To The Rats And Wolves, Samurai Pizza Cats, Callejon oder The Butcher Sisters. Die beiden letzten kommen am 21. Februar für ein Österreich-Konzert in den Wiener Gasometer. Obwohl die Show ursprünglich für die Simm City angesetzt war, ist längst auch der Gasometer-Gig bis auf den letzten Platz ausverkauft. Den Hype um die Butcher Sisters konnte man schon beim letzten Nova Rock erleben, wo die beiden Frontmänner Alex Bechtel und Nicklas „Stroppo“ Stroppel der „Krone“ im amüsanten Festivaltalk das Konzept ihrer Band näherbrachten.
Vom Missverständnis zum Erfolg
Das Tourmotto „Rock, Rap & Zaubershow“ ist dabei Programm, denn aus diesen drei Ingredienzien setzt sich der im deutschsprachigen Raum unfassbar große Erfolge der Fleischerschwestern zusammen. Dafür war aber auch eine rund um den Pandemiebeginn eingeleitete Kurskorrektur notwendig. The Butcher Sisters explodieren nämlich erst seit knapp zwei Jahren, haben aber schon 15 am Buckel. In der Frühphase der Band setzte man auf tiefen Rap mit ballernden Breakdowns. Im sogenannten Beatdown-Genre ist nicht nur der Sound gewalttätig, wie sich Bechtel erinnert. „Die Stimmung bei den Konzerten wurde immer aggressiver und die Zuschauer haben sich damals die Zähne im Moshpit eingeschlagen.“ In Interviews bekräftigen die zwei Frontmänner gebetsmühlenartig, dass es sich dabei um ein ausgeweitetes Missverständnis gehandelt habe. „Wir haben das Genre parodiert, da war viel Satire dabei, aber das haben die Leute nicht gecheckt. Außerdem sind alle Bands in ihrer Findungs- und Experimentierphase. Wir sind aber schnell selbst draufgekommen, dass wir eigentlich andere Musik mögen.“
So drehte man an der Besetzungs- und Stilschraube und fand sich ungefähr dort wieder, wo Electric Callboy von Castrop-Rauxel aus eine nicht geahnte Weltkarriere starteten. Bei den Butcher Sisters ist der Terminus „Niveau“ aber nicht einmal im Ansatz zu erkennen. Ob die ausschließlich spaßigen Texte Dadaismus oder Dilettantismus sind, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Den beiden Frontmännern selbst ist es relativ egal. „Die Lines sind manchmal abartig dumm“, lacht Bechtel, „aber auch das musst du dir erst einmal ausdenken. Wir verwenden mittlerweile weniger Wörter und die sind noch dümmer.“ Anarchisch und kindisch aus Prinzip. Nicht die schlechteste Taktik, um bei der Zielgruppe rebellierender Teenager gut anzukommen. Dementsprechend hat sich das Arbeitspensum gewaltig gesteigert. Erschein erst letztes Jahr „Das weiße Album“, legte die Mannheimer Combo schon vor wenigen Wochen „Das schwarze Album“ nach. Düsterer, härter, kompromissloser – inhaltlich aber genauso abgedreht, wie man es gewohnt ist.
Beständiges neu verwursten
Songtitel wie „Scheiß für mich“, „Bierosaufus Ex“ oder „Klettergerüst“ machen unzweideutig klar, dass man der Humorfraktion „Bruhaha“ angehört, mit eingangs erwähnten Callejon, dem Sänger von Hämatom oder Metal-Queen Doro Pesch hat man aber auch eine mehr als namhafte Gästeliste für die Produktion gewinnen können. Grenzen aufbrechen und sie niederreißen, mit anderen Genre-Größen kooperieren und daraus etwas kreieren, das für alle Beteiligten lohnend ist. „Darin liegt das Erfolgsgeheimnis“, so Stroppel, „du kannst das Rad in der Musik nicht neu erfinden, aber du musst aus dem Bestehenden etwas Neues zusammenbauen. Die meisten Musiker machen den Fehler, dass sie ihren absoluten Lieblingskünstlern nacheifern. Aber was die gemacht haben, das gibt es schon. Damit ziehst du niemanden an Land. Wir haben selber lange nach unserer Authentizität gesucht und daran gefeilt, aber jetzt haben wir eine Nische gefunden, wo alles passt. Es ist neu, es passt zu uns und wir haben unheimlich viel Spaß.“
Der Spaß ist für die fünf Bandmitglieder der kleinste gemeinsame Nenner – so unterschiedlich verteilen sich die musikalischen Geschmäcker. Mit dem plötzlich losgebrochenen Hype um ihre Musik müssen die Künstler noch immer umgehen lernen. „Alles wird größer und anstrengender. Du brauchst die ganze Zeit neue Musikvideos, die auch was hermachen müssen. Du musst ständig auf Social Media präsent sein. Wir spielen nicht mehr Wochenendkonzerte, wenn wir Zeit haben, sondern richtige Touren und Festivals. Wird die Bühne größer, müssen Equipment und Showelemente mitwachsen. Es ist eine ständige Veränderung, die dir keine Zeit zum Atmen lässt.“ Kaum ist der Lebenstraum von einer Karriere als Profimusiker erfüllt, stellen sich nachhaltige Zweifel ein? „Es gibt immer Unsicherheiten. Ich muss mich selbst oft zwicken und mich daran erinnern, dass ich mal als Zimmermann gearbeitet habe, wo mir im Winter die Pisse in der Hose runterlief. Ich hatte mein Leben lang das Ziel, mit der Musik mein Geld zu verdienen. Jetzt passiert das und ich lerne, es zu genießen.“
Aus Überzeugung cringe
Um eigenständig zu sein, muss man sich manchmal von Normen lösen. „Ich hatte auf der Uni einen Gesangscoach und sie hat mir erklärt, dass ich meinen eigenen Ton finden muss“, so Stroppel, „ich klang mal wie All That Remains, dann wie Linkin Park, aber nie wie ich. Als ich es anders probierte, war es cringe. Aber dieses Cringesein ist entscheidend, denn es ist anders und neu.“ Mittlerweile ziehen bei den Butcher Sisters alle an einem Strang, um diesen frisch aufgepoppten Traum so lange wie möglich leben zu können. Das Songwriting wird in der ganzen Band aufgeteilt, selbiges gilt für alles andere. „Unser Glück ist, dass wir alle aus dem Medienbereich kommen. Wir können also unsere Videos selbst machen, uns organisieren und brauchen daher sehr wenige Menschen von außen. Diese DIY-Arbeitsweise erleichtert uns das Leben erheblich, weil wir unsere Visionen so umsetzen können, wie wir sie für richtig halten.“ Bei all dem schrägen Spaß, steckt viel Arbeit hinter dem Erfolg. „In den 15 Jahren haben wir alle Tiefs und Misserfolge erlebt, die es gibt. Irgendwann hat es aber geklickt und alles lief wie von selbst. Das soll jetzt so lang wie möglich so weitergehen.“
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