Umwelterfolg

Ein Pakt für die tiefblaue wogende Seele der Erde

Klima
16.01.2026 13:00

Wenn Mauern zu Meeren werden, dann ist etwas Außergewöhnliches passiert. Am Samstag tritt nach jahrzehntelangem Ringen das UN-Hochseeschutzabkommen in Kraft.

Es ist ein Vertrag, der nichts weniger will, als die letzten freien Ozeane unseres Planeten vor dem Ausverkauf zu bewahren. Greenpeace feiert diesen historischen Moment nicht mit Konfetti, sondern mit Farbe: Streetart in 13 Ländern auf fünf Kontinenten. Auch Österreich ist dabei – mit einem monumentalen Wandgemälde mitten in Graz.

Der Ozean, der unser Klima atmet
Die Hohe See ist kein fernes Niemandsland. Sie ist Klimamaschine, Lebensspenderin, Nahrungsquelle. Rund zwei Drittel der Weltmeere liegen außerhalb nationaler Grenzen – bisher nahezu schutzlos. In den vergangenen zehn Jahren haben die Ozeane rund 30 Prozent der menschengemachten CO2-Emissionen geschluckt. Still, zuverlässig, bis zur Erschöpfung. Gleichzeitig werden sie überfischt, vermüllt, aufgegraben. Tiefseebergbau, industrielle Fischerei und Plastik setzen einem System zu, das längst am Limit ist.

Graffiti gegen Gier
In der Grazer Daungasse prangt seit Kurzem ein sechs mal 30 Meter großes Wandgemälde. Die Künstler Florian Perl und Gernot Passath haben im Auftrag von Greenpeace eine Unterwasserwelt geschaffen, die zugleich betört und beunruhigt. Bunte Tiefseearten schweben neben düsteren Symbolen menschlicher Eingriffe. Netze, Maschinen, Müll – eine visuelle Anklage gegen eine Wirtschaft, die glaubt, der Ozean sei unendlich belastbar. Streetart als Weckruf.

Ein Vertrag mit Zähnen
Das UN-Hochseeschutzabkommen, auch Global Ocean Treaty oder BBNJ-Abkommen genannt, hat im September 2025 die entscheidende Schwelle von 60 teilnehmenden Staaten überschritten. Damit tritt es nun, 120 Tage später, offiziell in Kraft. Erstmals gibt es einen rechtsverbindlichen Rahmen, um internationale Gewässer wirksam zu schützen und zu managen. Aktivitäten mit potenziell schädlichen Folgen müssen künftig auf ihre Umweltverträglichkeit geprüft werden. Schutzgebiete können auf wissenschaftlicher Basis ausgewiesen werden. Bislang sind gerade einmal 0,9 Prozent der Hohen See wirklich geschützt – ein erschütternder Wert.

30 Prozent bis 2030 – ein Wettlauf gegen die Zeit
Das Ziel ist klar, der Weg steinig: Bis 2030 sollen 30 Prozent der Weltmeere unter strengen Schutz gestellt werden. Um das zu erreichen, müssten jedes Jahr mehr als 12 Millionen Quadratkilometer neue Schutzgebiete ausgewiesen werden – jährlich eine Fläche größer als Kanada. „Jeder Monat Verzögerung bedeutet mehr Schaden für fragile Ökosysteme, von denen wir alle abhängig sind“, warnt Greenpeace-Meeresexperte Lukas Meus. Der Vertrag sei ein Meilenstein, sagt er – aber nur dann wirksam, wenn Regierungen handeln.

Österreich: Unterschrieben, aber nicht geliefert
Österreich hat das Abkommen unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert. Dabei hat der Nationalrat bereits im November 2025 eine rasche Ratifizierung beschlossen. Greenpeace fordert nun, dass die Bundesregierung diesem Beschluss endlich Taten folgen lässt. Denn auch ein Binnenland trägt Verantwortung für die Meere - politisch, wirtschaftlich, moralisch.

Der nächste große Moment
Zwischen August 2026 und Jänner 2027 soll die erste „Ocean COP“ stattfinden, die erste Vertragsstaatenkonferenz. Dort könnten erstmals konkrete Schutzgebiete vorgeschlagen und beschlossen werden. Es wäre der Moment, an dem aus Worten Karten werden – und aus Hoffnung Schutz. Bis dahin erinnern bunte Wände in grauen Städten daran, was auf dem Spiel steht. Der Ozean kann nicht demonstrieren. Aber wir können.

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