10.000 Kärntnerinnen und Kärntner sind an Demenz erkrankt – Tendenz steigend. Nicht ausschließlich Erkrankte, sondern auch deren Angehörige sind von den Veränderungen betroffen. Kulturvermittlung, Polizeibeamte, Mitarbeiter in Behörden werden für den Umgang mit Dementen geschult.
Wer vergisst, ob er den Herd ausgeschaltet hat, wann er sich mit wem treffen wollte und wer immer öfter Merkzettel braucht, um den Alltag zu meistern, könnte erste Symptome einer Demenzerkrankung haben. Rund 50 verschiedene Demenzformen sind bekannt, die bekannteste ist Alzheimer.
Derzeit dürften in Österreich rund 170.000 Menschen dement sein; zwei Drittel von ihnen sind Frauen. In Kärnten dürfte es etwa 10.000 direkt Betroffene geben; doch auch deren Familien und Freunde sind von der Erkrankung betroffen, denn nach und nach ändert sich der Alltag im Zusammensein mit Demenzerkrankten. Routineaufgaben werden für Erkrankte zu Herausforderung, sie können bekannte Gesichter nicht wiedererkennen, Gesprächen nicht folgen, sie finden immer öfter ein Wort nicht mehr, lassen Gegenstände an ungewöhnlichen Orten liegen, wo sie diese nicht mehr finden können, wie den Zahnersatz in der Butterdose im Kühlschrank oder Schlüssel im Backrohr.
Misstrauen, Aggression, Rückzug, Hilflosigkeit
Betroffene nehmen die Veränderungen wahr, ziehen sich zurück oder werden verbal aggressiv, entwickeln Misstrauen gegen andere, werden unruhig, traurig, hilflos.
Weltweit sind rund 55 Millionen Menschen von Demenzerkrankungen betroffen, im Jahr 2050 dürften es 139 Millionen sein.
In Österreich leben derzeit etwa 170.000 Menschen mit einer Demenzerkrankung. 2050 könnten es laut einer Schätzung des Gesundheitsministeriums über 290.000 Betroffene sein.
Zum Welt-Demenztag am 21. September wird darauf aufmerksam gemacht, wie es Menschen mit Demenz und wie es deren Angehörigen geht und wo es Hilfe gibt. Das Motto lautet heuer: Demenz – Mensch sein und bleiben.
Die neue, andere Welt, kann eine gute Welt werden
Eine Kärntnerin, die ihre demenzkranke Mutter jahrelang pflegte, erzählt der „Krone“: „Als Mutti so dement wurde, dass sie nicht mehr im Haus umherlaufen und Geschirrtücher ins heiße Backrohr oder Zucker in den Wassertank der Kaffeemaschine geben konnte, als sie nicht mehr aggressiv wurde, weil sie etwas nicht mehr finden konnte, sondern Zeitungen und Bilderbücher anschaute, darin malte, mit ihrem Plüschhund spielte, Reime vor sich hinplapperte – dann war sie glücklich und zufrieden, was mir wiederum alles leichter machte. Sie lebte in einer anderen Welt, aber es war für sie eine gute Welt.“
Nicht-Wissen macht unsicher – daher setzen wir auf Aufklärung und Schulung.
Kärntens Gesundheitslandesrätin Beate Prettner
Aufklärung, Schulung und Unterstützung von Betroffenen und Angehörigen sind die großen Ziele der Demenzstrategie, die in Österreich seit zehn Jahren verfolgt wird. Denn alleine muss man mit der Diagnose nicht sein, es gibt zahlreiche Stellen, die Hilfe anbieten. In 114 Kärntner Gemeinden gibt es eine Pflegenahversorgung mit rund 600 für die Begleitung von Dementen geschulten Ehrenamtlichen. Mittlerweile wurde ein Netz aus Demenzcafés, Angehörigen-Stammtischen und Demenz-aktiven-Gemeinden aufgebaut. Selbsthilfegruppen unterstützen Angehörige.
In Klagenfurt und Villach sind in den Krankenhäusern Spezialambulanzen eingerichtet, zudem gibt es eine mobile Demenz-Diagnostik und ein Coaching. „Frühe Diagnose und Begleitung sind entscheidend, um Betroffene in der Mitte der Gesellschaft zu halten“, unterstreicht Gesundheitslandesrätin Beate Prettner.
Eigens ausgebildete Demenzbegleiterinnen kommen ins Haus
Diplomierte Demenzbegleiterinnen wie Katharina Rausch und Anna Lippitz aus St. Andrä im Lavanttal bringen Erkrankten und deren Angehörigen Verständnis entgegen und entlasten die Familien: „Es ist wichtig, dass niemand alleine gelassen wird mit den Alltagsproblemen.“
Allein in den vergangenen zwei Jahren habe es, so Prettner, mehr als 220 Vorträge und Schulungen zu dem Thema gegeben, um Unsicherheiten abzubauen.
Man darf an Demenz Erkrankte nicht unter Druck setzen. Baut man in Ruhe im Gespräch Vertrauen auf, fällt den Erkrankten vielleicht wieder einiges ein und man kann ihnen besser helfen.
Revierinspektorin Kristina Kapellari von der Landespolizeidirektion
Feingefühl der Polizisten
Geschult werden auch Polizeibeamte, denn bei Einsätzen können sie jederzeit auf Demenzkranke treffen. „Das Wandern ist ein Symptom von Demenzerkrankungen; Betroffene gehen los, finden aber womöglich mehr zurück. Findet man sie, ist es wichtig, feinfühlig mit ihnen zu reden. Es hilft nichts, x-mal nach dem Namen und der Wohnadresse zu fragen, wenn die Person das momentan nicht weiß. Man muss sie in Ruhe in ein Gespräch verwickeln, Vertrauen aufbauen“, so Revierinspektorin Kristina Kapellari von der Landespolizeidirektion. Dazu gebe es Schulungen, Tipps aus Listen, doch wesentlich sei das Gespür. „Ich hatte selbst mehrmals Kontakt mit einer Frau, die die Abgängigkeit ihres Mannes anzeigen wollte. Doch er war schon verstorben. Da kann man nicht kurz und hart sagen: Der lebt nicht mehr. In der Situation muss man mit Feingefühl bitten: Erzählen Sie mir doch von Ihrem Mann. Man muss sich Zeit nehmen, zuhören.“
Schulungen auch für Büromitarbeiter mit Parteienverkehr
Über die Kärntner Verwaltungsakademie lernen Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes, wie man mit desorientieren Menschen umgeht.
Unterstützungen gibt es viele, beispielsweise bei der Caritas unter https://www.caritas-pflege.at/kaernten/infos-aktuelles/demenzberatung oder bei der Diakonie unter https://www.diakonie.at/unsere-angebote-und-einrichtungen/mobile-angebote-fuer-menschen-mit-demenz-und-ihre-angehoerigen oder bei der Volkshilfe unter https://www.demenz-hilfe.at/beratung/kaernten
Einige Seniorenwohnheime sind auf Demenzerkrankungen spezialisiert, so hat beispielsweise das Lebenshilfe-Heim am Radsberg in Ebenthal eine Demenzstation.
Einen Überblick über Anlaufstellen findet man auf der Homepage des Landes Kärnten https://www.ktn.gv.at/Themen-AZ/Details?thema=131&subthema=180&detail=1121
Trotz Demenz einen Ausflug ins Museum genießen
Damit Demenzerkrankte auch am kulturellen Leben teilhaben können, bieten viele Galerien und Museen spezielle Führungen an. „Da sind die Erklärungen nicht so komplex, man geht bei Technik und Stil nicht extrem in die Tiefe. Ein Kulturvermittler muss ohnehin immer auf die Gruppe eingehen, mit Dementen vielleicht noch ein bisschen sensibler sein“, so Kulturvermittler Sebastian Heidler von der Klagenfurter Stadtgalerie.
Auf enormen Zuspruch traf die erste Führung für Demenzerkrankte und deren Angehörige im Wolfsberger Museum Lavanthaus. Am Mittwoch, 5. November (13.30 bis 15 Uhr), steht eine weitere kostenlose Spezialführung unter dem Titel „Seinerzeit“ auf dem Programm, wobei alte Haushaltsgegenstände und Handwerksgegenstände im Fokus stehen. „Da haben die an Demenz Erkrankten meistens einen Bezug dazu, da sehen sie was Vertrautes. Die Gruppengröße haben wir auf sieben Personen limitiert, damit wir besonders gut auf alle eingehen können“, so Daniel Polsinger von der Stadtgemeinde Wolfsberg.
Das Kärnten Museum in Klagenfurt bietet für Demenzerkrankte am 19. Oktober (10 Uhr) eine Spezialführung zum Thema Erinnerungsjahr an. Die Wappenbilder im Wappensaal können Demente am 22. Oktober erkunden.
Demenzfreundlich beten und feiern
Im Evangelischen Gemeindehaus in Moosburg wird am 21. September ein demenzfreundlicher Gottesdienst gefeiert (9 Uhr).
Finanzielle Unterstützung für Pflegende
Damit sich pflegende Angehörige durch eine professionelle Ersatzpflege vertreten lassen können, wenn sie selbst krank sind oder im Urlaub neue Kraft tanken, kann beim Sozialministeriumservice um finanzielle Unterstützung für zumindest vier bis maximal 28 Tage pro Jahr angesucht werden.
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