Erdogan vor dem Sturz?
Türkei: „Situation besitzt viel Sprengpotenzial“
Showdown am Bosporus: Hunderttausende gehen in der Türkei aus Protest gegen die Verhaftung des türkischen Oppositionschefs Ekrem Imamoğlu auf die Straße. Steht der autoritäre Präsident Recep Tayyip Erdogan vor dem Sturz? Krone+ hat den Politologen Cengiz Günay zur brenzligen Situation befragt – mit spannenden Erkenntnissen.
„Krone+“: Die Festnahme von Ekrem Imamoğlu und seine Absetzung als Bürgermeister von Istanbul erzürnen dieser Tage die Türkei. Präsident Recep Erdogan begründet diese Maßnahmen u.a. mit Korruptionsvorwürfen sowie der Unterstützung der verbotenen Kurden-Organisation PKK. Ist dies in irgendeiner Weise glaubhaft oder versucht er nur, seinen Erzfeind auszuschalten?
Cengiz Günay: Es ist der Versuch, den politischen Rivalen auszuschalten. Der Präsident versucht gar nicht mehr, dies zu verschleiern. Das ist „in your face“, um einen neudeutschen Ausdruck zu verwenden. Vor wenigen Tagen hat die Universität Istanbul auf massiven Druck von Erdogan den Abschluss von Ekrem Imamoğlu annulliert. Ein Universitätsabschluss ist in der Türkei aber die Voraussetzung für eine Präsidentschaftskandidatur. Brisant ist, dass es seit Jahren Gerüchte gibt, dass Erdogan sein eigenes Uni-Diplom gefälscht habe. Die angeblichen PKK-Vorwürfe in Richtung İmamoğlu sind jedenfalls lächerlich, schließlich hat die Regierung selbst einen Friedensprozess mit den Kurden eingeläutet. Und was die angebliche Korruption betrifft: Ermittlungen wegen Korruption gibt es in der Türkei ausschließlich gegen Menschen, die mit Erdogan im Clinch liegen. Diese Ungerechtigkeiten, diese Scheinjustiz – das treibt die Türken auf die Straße und befeuert ihre Wut.

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