Taxi-Geschichten

Zwischen Nationalstolz und schlüpfrigen Fahrten

Wien
29.10.2022 11:00

Wir fahren mit und hören zu. „Krone“-Reporter Robert Fröwein setzt sich auf die Taxi- oder Uber-Rückbank und spricht mit den Fahrern über ihre Erlebnisse, ihre Sorgen, ihre Ängste. Menschliche Geschichten direkt aus dem Herzen Wiens.

Cosmin ist 48, lebt seit vielen Jahren in Mitteleuropa, fährt aufgrund der geringen Entfernung von Wien in seine Heimat Rumänien aber alle paar Wochen nach Hause. In fünf Stunden wäre er von Wien aus daheim, erzählt er stolz, denn „die genau kontrollierten Geschwindigkeitsbeschränkungen gibt es nur in Österreich. Wenn ich einmal über der Grenze bin, dann kann ich ordentlich Gas geben.“ Cosmin stammt aus Satu Mare im Norden Rumäniens. Nahe den Grenzen des Dreiländerecks Rumänien, Ungarn und der Ukraine. Dass die Hauptstadt Bukarest von Satu Mare aus fast gleich viel Fahrzeit in Anspruch nimmt wie Satu Mare von Wien, bringt Cosmin zum Lachen. „Der Straßenbau in Rumänien ist mit dem hier in Österreich natürlich nicht zu vergleichen. Selbst eine Autobahn kannst du dort nicht mit der Beschaffenheit von hier vergleichen.“

Bevor Cosmin vor knapp zwei Jahren nach Wien zog und seine Arbeit bei Uber aufnahm, war er einige Jahre in Deutschland. Die meiste Zeit davon als DPD-Fahrer in Nürnberg, später auch in München, Augsburg und einem kleinen Ort nahe Passau. Der ständige Zeitdruck und die schier unmenschlichen Arbeitszeiten als Paketfahrer haben ihn an den Rand des Burn Out gebracht. Für Cosmin war die Frage nicht mehr, ob er in eine andere Branche wechselt, sondern wann. „Dagegen ist Uber-Fahren das reinste Paradies. Egal wie viele Gäste ich am Tag habe, es kann mich nie so unter Druck setzen wie ein Kleinlaster voller Pakete, die an unzählige Adressen geliefert werden müssen.“

Während mir Cosmin von der Sehnsucht nach seiner Heimat erzählt, muss ich unweigerlich an die Traditionen in Österreich denken. Am deutlichsten fällt das am Nationalfeiertag ins Gewicht, der zufällig gerade ist. Im Zuge unserer flotten Fahrt kommen wir mitunter am Heldenplatz vorbei. Mächtige Panzer, beeindruckende Hubschrauber, abertausende Menschen. „Ich habe viele Fahrten hierher“, erklärt mir Cosmin, „den Leuten gefallen solche Veranstaltungen. Das ist was für die ganze Familie.“ Mit seiner eigenen würde er sich die Show zu gegebener Zeit gerne ansehen, so er endlich selbst Zeit dafür hat. „Wenn ich dann noch Uber fahren sollte, dann aber eher nicht. Da würde mir viel zu viel Geschäft entgehen.“

Cosmin macht es wie die meisten Uber-Fahrer mit Familie und fährt lieber die Tagschicht. Auch wenn sie finanziell nicht immer am lukrativsten ist, kann er sich so trotz herausfordernder Dienstzeiten genug Freiraum für seine Frau und die beiden Kinder schaffen. Mit ihnen redet er nicht immer offen über seine Fahrgäste, denn „sonst würde meine Frau irgendwann eifersüchtig werden, obwohl es dazu keinen Grund gibt“, lacht er verschämt. Wir sind mittlerweile auf Höhe der Staatsoper, deren äußerlicher Prunk in der einsetzenden Finsternis majestätische Züge verbreitet. Der Rumäne redet von „besonderen Gästen“ und quält sich anfangs sichtlich, genauer darauf einzugehen. Nach mehrmaliger Nachfrage betont er, viele Sexarbeiterinnen zu fahren. Schlüpfrige Skandalgeschichten kann man ihm nicht entlocken. Cosmin verweist streng und vertrauensvoll auf die fahrerische Schweigepflicht.

Während der Fahrt macht er sich keinen Stress. Anstatt von Auftrag zu Auftrag zu eilen, um in möglichst geringer Zeitspanne so viele Einnahmen wie möglich zu lukrieren, geht es ihm vorwiegend darum, beim Fahren eine möglichst gute Zeit zu haben. „Da kommt mir das Fixpreisschema natürlich entgegen“, lacht er, „ich bemerke aber seit Corona schon, dass die Ruhe, die die Menschen verspürt haben, nicht mehr da ist. Alles muss schnell gehen, alle sind permanent in Eile. So als hätten wir überhaupt nichts aus dieser Zeit gelernt.“ Cosmin fährt in wenigen Tagen wieder auf Familienbesuch in die Heimat. In der beschaulichen 100.000-Einwohner-Stadt ist man das Ungestüme und Schnelllebige sowieso nicht gewohnt. „Warum auch? Dadurch lösen sich die Probleme auch nicht besser.“

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