03.07.2022 11:00 |

Taxi-Geschichten

Spritpreiserhöhungen und das Duell der Klimasünder

Wir fahren mit und hören zu. „Krone“-Reporter Robert Fröwein setzt sich auf die Taxi- oder Uber-Rückbank und spricht mit den Fahrern über ihre Erlebnisse, ihre Sorgen, ihre Ängste. Menschliche Geschichten direkt aus dem Herzen Wiens.

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Selbst mit dem „Spritpreisrechner“ findet man hierzulande nur mehr wenige ausgewählte Tankstellen, die Benzin um unter zwei Euro pro Liter anbieten. Die Teuerungswelle hat Österreich weiter fest im Griff, doch nirgendwo fallen die Preiserhöhungen so wuchtig ins Gewicht wie beim Tanken. Wer sein Auto vor gut zwei Jahren noch um rund 50 Euro getankt hat, legt mittlerweile locker mehr als 100 Euro auf den Tisch. Gehälter und Löhne sind freilich nicht so exponentiell gestiegen, was das bloße Autofahren zu einem mobilen Luxusgut macht. Damit einhergehend müssen auch die Taxler und Mietwagenfahrer in Wien um ihre Existenz kämpfen, denn die Teuerungswelle wird am Ende auf den Kunden weitergegeben.

„Am Anfang bin ich noch nach Ungarn zum Tanken gefahren“, lacht mein Fahrer Djordje, „dort haben sie den Spritpreis gedeckelt.“ Der Serbe wohnt am südlichen Stadtrand von Wien und ist nicht allzu weit von der ungarischen Grenze entfernt. „Natürlich braucht man seine Zeit, bis man schlussendlich dort ist, aber selbst die Zusatzkilometer wiegen den Benzinpreis locker auf.“ Die ungarische Regierung hat diesem munteren Treiben freilich schnell ein Ende gemacht. Aufgrund der eklatanten Preisunterschiede wurden die ungarischen Tankstellen von Österreichern regelrecht gestürmt, woraus sie relativ schnell ihre Konsequenzen gezogen haben. Tanktouristen wurde das Auffüllen verboten, Security-Mitarbeiter wurden eigens für die Tankstellenbewachung herangezogen. Eine fast schon dystopische Szenerie.

„Die Menschen sind ja nicht nur wegen des Sprits über die Grenze gefahren“, so Djordje, „sie gehen dort zum Zahnarzt, kaufen sich Lebensmittel, ihr Duschgel und gehen Essen. Ich habe Freunde, die sich mit einer Fahrt nach Ungarn und allen Einkäufen pro Monat rund 200 Euro sparen. Da tut man sich die längere Fahrzeit gerne an.“ Doch die aktuelle Lage treibt die Menschen noch viel weiter Richtung Osteuropa. Djordje stammt aus einem kleinen Dorf, etwa zwei Autostunden von Belgrad entfernt. Wenn er frei hat, fährt er oft für ein verlängertes Wochenende oder ein paar Tage zum Ausspannen zu seiner Familie nach Hause - und nützt auch die Tanksituation. „Ich versuche mit so wenig Benzin wie möglich in Wien wegzufahren, damit ich das erste Mal in Serbien volltanke. Der Unterschied ist so groß, dass es sich immer rechnet.“

In Ungarn hat die Orban-Regierung die günstigen Preise bislang erhalten können, doch sie gelten nur noch für Einheimische. Das stellt nicht nur Tanktouristen vor ein Problem, sondern auch jene, die nur auf der Durchreise sind. „Wenn du nach Serbien, Rumänen oder Bulgarien willst, dann fährst du immer durch Ungarn. Doch mit dem österreichischen Kennzeichen zahlst du immer Preise, die unseren hier angelehnt sind und nie die günstigen ungarischen. Es ist ihnen dort egal, ob du jetzt nur zum Tanken kommst oder viel tiefer in das Land hineinfährst, da wird überhaupt kein Unterschied gemacht.“ Dass Djordje, ein über alle Maßen begeisterter Autofahrer, nun bereits überlegt, ob er überhaupt noch mit dem Auto heimfahren soll, ist bezeichnend für die aktuelle Situation.

„Wenn ich nur Handgepäck habe, kann ich für ein paar wenige Euro von Wien nach Belgrad fliegen. Dort brauche ich dann ein Mietauto, um zu mir nach Hause zu kommen, aber einen kleinen Ford Fiesta ohne besondere Ausstattung kriegt man für neun Euro am Tag plus Benzin.“ Diese Änderung der Reisegewohnheiten führe schlussendlich zum nächsten Klimadebakel, wie mir der durchaus umweltbewusste Djordje weiter vorrechnet und mit einem auf seinem Smartphone geöffneten Artikel einer Wissenschaftspublikation unterstreicht. „Ein zweiwöchiger Urlaub in Mallorca mit dem Flugzeug verursacht so viel CO2, wie das Auto, wenn man es das ganze Jahr fährt.“ Da atmet man selbst im schlimmen Klimasündervergleich noch einmal ganz kräftig durch…

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