Taxi-Geschichten

Raus in die weite Welt: Wenn Grenzen zu eng werden

Wien
05.02.2022 11:00

Wir fahren mit und hören zu. „Krone“-Reporter Robert Fröwein setzt sich auf die Taxi- oder Uber-Rückbank und spricht mit den Fahrern über ihre Erlebnisse, ihre Sorgen, ihre Ängste. Menschliche Geschichten direkt aus dem Herzen Wiens.

Taxifahrer sind für gewöhnlich auf ein bestimmtes Areal beschränkt und bringen den Fahrgast zielgerichtet von A nach B. Abseits seiner Profession tanzt Helmut aber gerne aus der Reihe und überschreitet die geografischen Grenzen mit abenteuerlustiger Leidenschaft. „Thailand, Italien, Frankreich - ich war schon überall. Das Herumsitzen interessiert mich nicht. Sobald ich wieder etwas gespart habe, bin ich weg.“ Vor vielen Jahren heiratete Helmut eine Thailänderin und plante für 14 Tage nach Asien zu reisen, um die Kultur kennenzulernen und neue Eindrücke zu gewinnen. Aus zwei Wochen wurde ein halbes Jahr. Aus gemütlich am Strand liegen wurde ein Job in einem Elefantencamp.

„Ich stand mitten im Fluss und habe Elefanten mit der Bürste gewaschen. Das war einfach schön, eine ganz andere Form von Glück.“ Der Wiener ist genügsam und hält wenig auf Luxus. „Ich hatte eine kleine Pritsche, auf der haben wir geschlafen. Manchmal hast du nicht jeden Tag warmes Wasser. Auch die ganzen Käfer und Spinnen tun dir nichts - die gibt es in Vorarlberg genauso. Nur sind sie da weniger giftig.“ Über den Alltagsstress arbeitender Menschen in Österreich kann Helmut nur lachen. Wird es ihm hier zu viel, fährt er einfach los. Seine kleine Gemeindebauwohnung im 21. Bezirk ist durch einen alten Vertrag leistbar und gibt ihm die Freiheit, seine Zelte temporär abzubrechen, wann immer er will.

„Ich bin geschieden und frei. Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen und will etwas von der Welt sehen.“ Als es Helmut wieder einmal zu viel wurde, ging er nach Frankreich, um saisonal bei der Weintraubenernte zu helfen. „Wir haben dort auch in einfachsten Unterkünften geschlafen, aber hatten die beste Zeit.“ In Italien lief er mit eiskalten Bieren am Strand entlang, um Touristen Abkühlung zu verschaffen. „Der Deutsche zahlt nicht Tausende Euro für sich und seine Familie, damit er dann die ganze Zeit selbst zur Strandbar rennt. Der will bedient werden.“ Wenn die Polizei ihn bei der nicht ganz legalen Betätigung vertrieb, verschwand er für eine halbe Stunde und kam wieder. „Die Bürokratie ist eine ganz andere. Die tun sich dort wegen einem wie mir nichts an. Und wenn es zu haarig wurde, dann stieg ich in meinen alten VW-Bus und fuhr halt fünf Ortschaften weiter.“

Helmut riss mit 14 das erste Mal von daheim aus, aber Polizei und Jugendamt hatten etwas gegen die ersehnte Freiheit. „Ich habe das Leben anders gesehen. Ich hatte Besseres vor, als in die Schule zu gehen.“ Den Schulabschluss machte er trotzdem. Danach beendete er erfolgreich eine Lehre als Kunstschmied in Klosterneuburg, doch so richtig warm wurde er mit den standardisierten Mechanismen der Gesellschaft nicht. „Ich habe sechs Geschwister und war es immer gewohnt, wenig zu haben. Mir macht es nichts aus, wenn das Tischtuch im Gasthaus einen Fleck hat oder die Matratze nicht so bequem ist. Heute wollen die Leute zu viel, weil sie bei uns alles haben können.“

Mit gewissen Strömungen des Zeitgeists fängt Helmut wenig an. „Ich bin 64 und war in meinem Leben zweimal im Spital. Einmal davon war es eine Falschmeldung. Und dann kommen die Jungen heute und erklären mir, sie können dieses und jenes nicht mehr essen. Wo kommen wir denn da hin?“ Noch diesen Herbst beginnt die Pension, die ob seiner vielen Reisen und beruflichen Abwesenheiten nicht üppig ausfallen wird. Erste Pläne für 2023 sind aber geschmiedet. „China mit einer lieben Freundin. Da war ich noch nie und es interessiert mich. Natürlich abseits der Touristen-Hotspots. Und wenn es mich dort nicht freut, dann fahr ich halt wieder heim.“ In die kleine Wohnung, die mit 170 Euro immer leistbar ist.

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