16.09.2021 10:15 |

Tschechien entdecken

Nordmähren: Wandern bei unseren Nachbarn

Über Jahrhunderte pflegte Österreich mit Böhmen und Mähren enge Beziehungen. Ein Blick über die Grenze lohnt sich auch heute. Nordmähren bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten - nicht nur zum Wandern!

Eigentlich sind wir ja zum Wandern nach Tschechien gekommen. Doch hier, im Nordosten des Landes, gibt es außer mehreren hundert Kilometern gut markierter Wander- und Radwege auch noch so manch anderes Kleinod. Bei strahlendem Sonnenschein spazieren wir also durch die Altstadt von Olmütz. Wer diesen Namen hört, denkt meist nur an eines: Quargel. Dabei hat die einstige Hauptstadt Mährens weit mehr zu bieten als den doch etwas streng riechenden Käse, der sich vor allem durch seinen niedrigen Fettgehalt auszeichnet und für den es eine Vielfalt an Rezepten – von deftig bis süß – gibt. Die Tradition seiner Herstellung reicht bereits über 600 Jahre zurück, doch erst seit dem Jahr 2010 ist „Olmützer Quargel“ auch ein von der EU geschützter Ursprungsbegriff.

Dank der günstigen Lage war Olmütz über Jahrhunderte das Zentrum Mährens. Gleich nach Prag finden sich in der Stadt an der March die meisten Baudenkmäler des Landes. Sechs Barockbrunnen (ein siebenter, der Arion-Brunnen wurde 2002 erbaut), das gotische Rathaus und die Dreifaltigkeitssäule, die eine besondere Stellung einnimmt. Wie die meisten Bauwerke der Altstadt im Barockstil erbaut, ist die Säule mit einer Höhe von 34 Metern die größte ihrer Art in Mitteleuropa. In ihrem Inneren befindet sich eine kleine Kapelle, in der schon Maria Theresia – als erste Frau - ihre Gebete sprach.

Nur wenige Kilometer weiter, in Velká Bystrice, treffen wir David Kapsia. David ist Miteigentümer der Minibrauerei TVARG. Bierbrauen hat gerade in Tschechien eine lange Tradition. In den Kellern der ehemaligen Schlossbrauerei, in der bereits 1579 Bier gebraut wurde, hat man sich nach umfangreichen Rekonstruktionen der Wiederbelebung althergebrachter Bierbraukunst verschrieben. Neben traditionellen Lagerbieren werden auch obergärige Biere und saisonale Spezialitäten gebraut. Außerdem weiht uns David bei einer Verkostung seiner Produkte in die Geheimnisse des richtigen Bierzapfens ein. Denn nicht nur das Bier alleine macht den Geschmack. Auch wie es gezapft wird, spielt eine große Rolle.

Heißen Schwefelquellen verdankt Velké Losiny seine 450-jährige Tradition als Kurort. Doch eigentlich erlangte es wegen der Hexenverbrennungen, die hier im 17. Jahrhundert stattfanden, traurige Berühmtheit. Bevor wir zu unserer ersten Wanderung ins Altvatergebirge aufbrechen, besuchen wir die Ausstellung über die Hexenprozesse im benachbarten Šumperk (Mährisch-Schönberg), die auf sehr eindrucksvolle Art die damaligen Ereignisse aufarbeitet.

Pavel ist Wander-Guide und heute mit uns unterwegs
Mit ihm wandern wir auf dem „Kammweg“, einem rund 40 Kilometer langen Fernwanderweg. Erst geht es auf Forststraßen und Waldwegen durch Mischwälder und etwas sumpfiges Terrain zur Berghütte Svycarna. Noch etwa eine Stunde braucht man von hier auf den Praded, den mit 1492 Metern höchsten Berg Mährens. Während wir gehen, erzählt Pavel, dass der Berg auch den Namen „Altvater“ trägt und quasi wie ein Schutzgeist über seine Heimat wacht. Auf dem Gipfel befindet sich eine verglaste Aussichtsplattform, von der aus sich eine atemberaubende Aussicht auf eine Landschaft, die in Millionen von Jahren geformt wurde, offenbart.

Nach der mehrstündigen Wanderung erwartet uns in Jeseník ein erfrischender Spaziergang durch den einzigartigen „Balneopark“. Eine Wohltat für unsere müden Füße! Der Wassergarten hat verschiedene Stationen. Die belebenden Fußbäder mit Akupressur wecken unsere Lebensgeister. Der Naturarzt Vinzenz Prießnitz, der im 19. Jahrhundert nach einem schweren Unfall seine Verletzungen mit Kaltwasserumschlägen behandelte und damit Erfolg hatte, gilt als der Vater dieser Kaltwassertherapie.

An der Hauptstraße von Šumperk nach Jeseník, das als das eigentliche Tor ins Gesenke, wie das Altvatergebirge auch genannt wird, gilt, steht eine Papiermühle. Nur noch drei ihrer Art gib es in Europa. Bereits seit dem 16. Jahrhundert wird hier handgeschöpftes Papier hergestellt. Neben vielen Prominenten zählt auch die tschechische Regierung zu deren exklusiven Kunden.

Noch einmal treffen wir Pavel. Das Ziel diesmal ist der seit Juli 2021 fertiggestellte steinerne Aussichtsturm Dalimilova am Südrand des Rychlebské-Gebirges. Der Anstieg ist steil, und die gestrige Wanderung sitzt uns noch in den Knochen. Als Draufgabe erwarten uns etwa 160 Stufen zur Spitze des Turms. Aber es hat sich gelohnt! Denn die Aussicht ist einfach wunderbar.

Eva Bukovec, Kronen Zeitung

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