10.06.2021 09:02 |

ÖSV-Ära geht zu Ende

Schröcksnadel: „Man hat mich Verräter genannt!“

Nach 31 Jahren Amtszeit tritt Peter Schröcksnadel nicht mehr als Präsident des Österreichischen Skiverbandes an. Gegenüber der APA schildert der 79-jährige Tiroler die Gründe und erklärt auch, warum man ihn damals „Verräter“ nannte. Wehmut ist kein Abschiedsbegleiter, betont dabei der Spitzen-Sportfunktionär, der den für die Schneesportarten zuständigen ÖSV in seiner Ära zum erfolgreichsten Sportverband Österreichs gemacht hat:

Warum hören Sie auf?
Peter Schröcksnadel: „Durch Corona bin ich eigentlich eh schon ein Jahr länger geblieben. Ich wollte kein Präsident sein, der 80 ist. So einfach ist das. Ich mache das nun 31 Jahre. Irgendwann ist Schluss. Die Frage ist immer, wann ist der richtige Zeitpunkt?“

Und? Ist es nun der richtige Moment?
„Vielleicht wäre der auch etwas früher möglich gewesen. Aber das heurige Jahr war sicher auch ein richtiger Zeitpunkt. Es war Corona, was es sehr unangenehm, aber auch sehr herausfordernd gemacht hat. Anfangs hat man gesagt, der Alte kann das eh nimmer. Man hat aber gesehen, dass man, auch wenn man älter ist, noch sehr gute Leistungen bringen kann. Wir waren sportlich gut und bei der WM super. Den Nationencup zu gewinnen, war bei elf verletzten Damen unmöglich. Unsere Erfolge haben aber gezeigt, dass das Loch nach Marcel Hirscher relativ schnell gefüllt wurde und wir eine starke Mannschaft haben. Wir waren erfolgreich, auch finanziell. Trotz Corona. Es wird ein Verband übergeben, der finanziell stark ist. Ich glaube, es ist der richtige Zeitpunkt.“

Welche Gefühle kommen bei Ihnen auf? Auch Wehmut?
„So etwas habe ich eigentlich nicht. Schon in meiner Firma habe ich vor 20 Jahren alles Operative abgegeben. Auch da ist keine Wehmut oder Trauer aufgekommen. Es sind dann abgeschlossene Kapitel. Dort wie da habe und werde ich mich nicht weiter einmischen, für Fragen bin ich aber immer gerne da. Ich werde in Zukunft mit großer Freude bei den Rennen sein, aber keinen Druck mehr haben. Dieser Druck hat mich in meiner Zeit als Präsident immer belastet. Der ist dann weg und man kann die Rennen mit Genuss verfolgen.“

Wie fällt die persönliche Gesamtbilanz der Ära Peter Schröcksnadel als ÖSV-Präsident aus?
„Wenn du was anfängst, weißt du nie wirklich, wo du hinkommst. Ich verfolge die sogenannte Polsterzipfel-Methode. Ich habe beim Skiverband begonnen in einer Zeit, als keiner Präsident werden wollte. Der ÖSV war kleiner, als Kitzbühel es als Club ist. Das Wichtigste war, dass der Skiverband nicht pleitegeht. Man kann nicht gleich den ganzen Polster haben, sondern muss ihn an einem Zipfel nehmen und langsam, nach und nach zu sich ziehen. Dann hast du am Schluss den ganzen Polster.“

Sie sind seit 1990 im Amt. Die Anfangsjahre als Präsident waren schwierig und auch bitter wegen schwerer Unfälle. Haben Sie da nie überlegt, das Handtuch zu werfen?
„Nein, weil die Herausforderung mein Thema war. Damals war der Skipool eigentlich die Rennsportorganisation und die Skifirmen haben bestimmt, wie der Rennsport läuft. Aber niemand hat wirklich die Verantwortung übernommen. Für mich war das Wichtigste, zu gewinnen, ob auf ausländischem Material, war mir wurscht. Man hat mich deshalb Verräter genannt. Aber das Schlechteste ist, auf österreichischem Material zu verlieren. Dann hat der ÖSV den Rennsport übernommen. Damit hat sich sehr viel verändert und es ist der Start dafür gekommen, dass wir uns selbst vermarkten konnten.“

Die tödlichen Rennunfälle von Gernot Reinstadler und Ulrike Maier oder die Unfalltode von Rudi Nierlich oder Richard Kröll haben Ihnen aber doch bestimmt sehr zugesetzt, oder?
„Das waren Jahre, wo ich wirklich aufhören wollte. Wo ich mich gefragt habe, warum bin ich für einen Sport verantwortlich, in dem es so viele Tote gibt. Es war eine schwierige Zeit. Aber ich habe mich entschieden, weiter zu machen und gedacht, alles was man tun kann, ist die Sicherheit zu erhöhen. Dadurch wird der Skisport an Ansehen gewinnen.“

Auf der anderen Seite gab es da goldene Jahrzehnte, Petra Kronberger, Anna Veith, Marlies Schild und vor allem Hermann Maier und Marcel Hirscher, oder?
„Und Benni Raich oder Stephan Eberharter. Es gab viele, die in meiner Ära gewonnen haben. Man darf niemand vergessen. Hermann war ein Über-Athlet, Hirschers Erfolge sind wahrscheinlich nicht mehr machbar.“

In Zahlen gab es in Ihrer Ära 1.288 Weltcupsiege und 409 Medaillen bei WM und Olympia. Stolz?
„Ich habe immer nur auf das nächste Jahr geschaut, nie auf Zahlen oder Rekorde. Es sind die Athleten, die gewinnen. Ich konnte nur beitragen, indem ich die Voraussetzungen dafür schaffe. Mich freut, dass wir so viel gewonnen haben. Aber zusammengezählt habe ich nie.“

Sie mussten sich mit vielen Krisen auseinandersetzen. Den Dopingskandal von Turin vor allem. Was sagen Sie im Rückblick?
„Wir hatten dort zwei gedopte Biathleten. Alle anderen wurden wegen erwiesener Unschuld freigesprochen. Ich habe gekämpft, weil unser Verband nie gedopt, nie Geld dafür ausgegeben hat. Hätte ich damals aufgeben, dann hätten wir verloren und der Skiverband hätte den größten Doping-Skandal der Geschichte gehabt. Wenn du in so einem Moment nachgibst und das Thema manifest wird, nur weil man sich nicht verteidigt, dann hätte Österreich von 2006 weg alt ausgeschaut. So hat sich das Ganze beruhigt. Wäre ich damals nicht geblieben, wäre der damals größte Skandal in der Dopinggeschichte an Österreich picken geblieben.“

Legendär war Ihr Spruch vom „too small to make good doping“. Den kann man zweideutig interpretieren. Ist Ihnen der spontan eingefallen oder war das hintergründig gemeint?
„Er kam spontan. Ich wollte klarstellen, dass wir in unserem Skiverband nicht professionell dopen. Es wurde aber alles auf dem Verband abgeladen. Es kann jedem Verband passieren, dass ein Athlet dopt. Man sieht es überall. Aber dopen ist erstens Betrug und zweitens gehört eine große Portion Dummheit dazu. Wenn einer dopt, wird der gesamte Verband beschädigt. Mit diesen Dingen musste ich leben. Ich habe aber jedes Mal den Verband verteidigt.“

Interessant war vor wenigen Jahren auch das Thema Me Too und die speziellen Vorwürfe an den ÖSV. Das bezog sich ja fast nur auf die Zeit vor Ihnen. Wie sind Sie damit umgegangen?
„Das Thema ist anfangs so weit aus deiner Zeit draußen, dass du zunächst mal gar nicht darüber nachdenkst. Ich habe erst gar nicht erkannt, worum es da eigentlich geht. Aber es hat sich sicher weltweit was verändert. Meist wurden aber die Schuldigen genannt, bei uns nicht. Gut war, dass wir dadurch im Verband Dinge aufbauen konnten, damit wir so etwas in Zukunft von Anfang an vermeiden können. Durch ‘optimal sports‘ sind wir sicher besser vorbereitet als andere Verbände, sollte etwas in diese Richtung passieren.“

Sie waren auch im Sommersport engagiert. Wo steht der österreichische Sport generell?
„Wir haben viele Talente. Wenn die gut gemanagt werden und die Infrastruktur vorhanden ist, können wir genauso gut werden wie jedes andere Land der Welt. Hinsichtlich Infrastruktur haben andere Länder weit mehr und bessere Voraussetzungen. Wir sind politisch nicht stark genug vertreten. Ich glaube, die Politik nimmt den Sport und die Kunst nicht besonders ernst. Das hat man auch in der Coronakrise gesehen.“

Im Winter gewinnt Österreich viel, im Sommer deutlich weniger. Warum?
„Naja, auch im Winter gewinnen wir eigentlich nur was in zwei Bereichen. Im Rodeln und bei den Schneesportarten.“

Wie viel Rolle spielt die Politik im österreichischen Sport?
„Man sieht ja alleine an den Dachverbänden, dass der Sport bei uns politisch gesteuert wird. Wenn man sich davon emanzipiert, und das ist mir vor 30 Jahren gelungen, dann kann man sehr erfolgreich werden. Wir waren damals über den Pool dominiert von der Politik und der Kammer. Diese Abhängigkeit konnte ich auflösen. Ab da waren sie zwar Partner, haben sich aber nicht in das Sportgeschehen eingemischt. 30 Jahre lang ist es gelungen, den Verband unabhängig von der Politik zu führen. Egal welche Farben gerade dran waren. Wir waren immer neutral. Ich hoffe, dass mein Nachfolger das auch so halten kann.“

Die Suche nach Ihrem Nachfolger ist etwas entgleist und hätte Ihr „Lebenswerk“ fast kaputt gemacht. Was ist passiert?
„Es hat mich gar nicht gefreut, wie es gelaufen ist. Aber es gibt nun einen designierten Präsidenten, ich kenne Karl Schmidhofer seit 20 Jahren. Wenn er die Politik vom Verband fernhalten kann, was ich hoffe, weil er sein Nationalrats-Mandat zurückgibt, kann das schon gutgehen.“

Sie waren vor allem gegen Michael Walchhofer als Nachfolger, hätten Anfangs am liebsten Patrick Ortlieb gehabt, am Ende Renate Götschl. Wird es trotzdem am 19. Juni eine geordnete Übergabe geben? Viele trauen dem noch immer nicht?
„Von meiner Seite aus wird es eine geordnete Übergabe geben. Ich werde mich auch in Zukunft sicher nicht einmischen und es liegt am neuen Präsidenten, ob er von mir einen Rat haben will oder nicht. Berührungspunkte gibt es ja wegen meiner Position im FIS-Vorstand ohnehin, die Zusammenarbeit dafür biete ich ihm natürlich auch an. Ich wünsche mir vor allem, dass der Skisport in Österreich in Zukunft möglichst unpolitisch und möglichst erfolgreich wird.“

Also keine Rede vom nachgesagten Altbauernsyndrom und Nicht-Loslassen-Können?
„Ach wo. Außerdem muss man das ja eigentlich anders sehen. Wenn ein Jungbauer übernimmt, ist kein Jungbauer so dumm, dass er den Altbauern nicht fragt. Bei uns ist im Moment die junge Welle da. Die Alten gelten nichts und die Jungen sind die Stars. Die Wahrheit liegt meiner Meinung nach in der Mitte. Es gibt Junge, die total alt sind im Kopf und es gibt Alte, die total jung sind im Kopf. Da zähle ich mich dazu. Das kann man aber nicht am Gesicht oder den Falten ablesen, sondern an den Taten. Wichtig ist, mit Sportlern, Trainern und Mitarbeitern auf Augenhöhe zu sein. Nicht einfach nur der Chef sein, der anschafft. Bei uns wurde bisher immer alles diskutiert, die besseren Argumente und beste Lösung wurden dann durchgezogen.“

Sie haben sich oft sehr spontan zu Wort gemeldet.
„Weil ich halt ehrlich bin. Ich habe im Grunde immer gesagt, was ich denke und nicht anders gedacht, als ich es gesagt habe.“

Was raten Sie ihrem Nachfolger?
„Politische Unabhängigkeit, wie gesagt. Wenn man politisch fixiert ist, hat man keine Chance. In der Mitte bleiben, nicht in die linke oder rechte Front. Wir sind nicht abhängig vom Staat. Die wichtigste Entscheidung im Sport ist, unabhängig zu sein.“

Ihre Ära geht zu Ende. Wie fällt Ihr Resume aus?
„Ich habe eine sehr interessante Zeit erlebt, um den Verband dorthin zu bringen, wo er heute steht. Das freut mich natürlich, es hätte auch anders kommen können. Es ist aber keine Wehmut da. Bei mir ist immer der Sportler im Mittelpunkt gestanden. Und wir haben Geld verdient für den Sport und nicht durch den Sport. Diesen Weg habe ich für mich immer gelebt. Und ich bin zufrieden in der Form, dass ich sagen kann, ich übergebe einen sehr wertvollen Verband, der finanziell gut dasteht, organisatorisch super und sportlich sehr, sehr gut ist. Sowas zu erhalten, ist oft schwieriger, als es aufzubauen. Aber ich sehe durchaus die Möglichkeit für meinen Nachfolger, das auf diesem Level zu halten. Das wünsche ich ihm auch.“

Was kommt nun auf Sie zu? Fischen? Selbst wieder Rennen fahren? Mehr Zeit für die über ein Dutzend große Enkelschar?
„Das Krebsforschungsprojekt nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, ich bin dort ja auch im Board. Vielleicht nehme ich mir auch mehr Zeit, um in meinen Skigebieten Skifahren zu gehen. Die Zeit für‘s Fischen habe ich mir ja immer genommen. Mir ist nicht bange, dass ich nicht genug Möglichkeiten bekomme, Dinge aufzubauen und ich werde eher nicht im Lehnstuhl sitzen. Ich werde auch wieder bei Senioren-Weltmeisterschaften starten, jetzt habe ich ja wieder Zeit zum Trainieren.“

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