29.05.2021 08:30 |

Jetzt abdrehen

So wahrscheinlich ist ein Supergau im Schrott-AKW

In einem Gebiet mit dem höchsten Erdbebenrisiko ganz Europas steht der AKW-Schrottmeiler von Krško. Mittlerweile hat sich eine breite Front gegen die strahlende Zeitbombe gebildet. Aber wie wahrscheinlich ist ein sogenannter Supergau an unserer Grenze? Die „Steirerkrone“ hat einen Atomexperten dazu befragt.

Es ist kurz vor halb zwei Uhr nachts. Noch wenige Minuten und die bisher größte Nuklearkatastrophe nimmt am 26. April vor genau 35 Jahren ihren Lauf. Was eigentlich die Funktionstüchtigkeit von Block vier des Atomkraftwerks Tschernobyl überprüfen hätte sollen, entwickelt sich zur unkontrollierbaren Tragödie - die über 85.000 Menschen von einem Tag auf den anderen heimatlos macht. Getestet werden sollte, wie sich ein Stromausfall auf den Reaktorbetrieb auswirken würde, und ob die Rotationsenergie des auslaufenden Generators zur Notstromerzeugung genutzt werden kann.

Der Test ist schiefgegangen - mit bekanntlich verheerenden Folgen. Innerhalb weniger Sekunden gibt es zwei Explosionen. Die 1000 Tonnen schwere Abdeckplatte des Reaktorkerns wird gesprengt. Radioaktives Material strömt unkontrolliert in die Atmosphäre.

Nur 70 Kilometer von der steirischen Grenze entfernt, tickt heute noch in Krško eine strahlende Zeitbombe. Ein Lokalaugenschein von „Krone“ und Global 2000 förderte unlängst erhebliche Sicherheitsmängel im slowenischen Schrottreaktor zutage. Aber wie wahrscheinlich ist eine ähnliche Katastrophe wie in Tschernobyl direkt in unserer Nachbarschaft? Wann kommt es zu einem Supergau?

Hundertprozentige Sicherheit nicht möglich
„Bei einem Gau geht man vom größten anzunehmenden Unfall aus“, liefert Atom-Experte Nikolaus Müllner vom Institut für Risikoforschung der Universität für Bodenkultur vorweg eine Definition. „Der Begriff kommt ursprünglich von einer Risikoanalyse aus den USA. Bei einem Bewilligungsverfahren muss man den schlimmsten Unfall annehmen - und zeigen, dass ein Atomkraftwerk diesen bewältigen kann.“

Im japanischen Atomkraftwerk Fukushima rechnete man im schlimmsten Fall etwa mit bis zu fünf Meter hohen Wellen. Dass sich die Verantwortlichen schwer verkalkuliert hatten, zeigte sich vor zehn Jahren bei einem der schwersten Atomunfälle der Geschichte auf tragische Weise. 14 Meter hoch waren die Tsunamiwellen nach einem Erdbeben. Die notwendige Kühlung der Reaktoren fiel aus - erhebliche Mengen an Radioaktivität setzten sich frei.

Zitat Icon

Wenn man die Sicherheit eines Atomkraftwerks plant, kann man nie alles abdecken. Es kann immer passieren, dass Fehler gemacht oder kritische Stimmen nicht gehört werden.

Nikolaus Müllner, Atomexperte Universität für Bodenkultur

Für Müllner ein klarer „Supergau, weil der Unfall nicht mehr beherrschbar war.“ Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es für den Atomexperten bei derlei Kraftwerken ohnehin „in den seltensten Fällen. Die Risikoeinschätzung basiert immer nur auf Wahrscheinlichkeiten.“ Für den Schrottmeiler in Krško mitten in einem Erdbebengebiet wohl nicht die besten Voraussetzungen. „Es sollte noch genauer untersucht werden, wie hoch das Erdbebenrisiko ist“, warnt auch Müllner.

Birgit Samer
Birgit Samer
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