26.05.2021 09:39 |

Seilbahn-Unglück

Betreiber gestehen Manipulation der Notbremse

Nach der Seilbahn-Katastrophe am Lago Maggiore gab es in der Nacht einen Wendepunkt in den Ermittlungen - vermutet wird menschliches Versagen, es gab drei Festnahmen. Dabei handelt es sich um den Eigentümer der Betreibergesellschaft Ferrovie del Mottarone, den Direktor sowie den Cheftechniker, wie italienische Medien berichteten. Sie seien um kurz vor vier Uhr nachts nach Verbania gebracht und in Untersuchungshaft genommen worden - noch am Mittwochmorgen legten sie Geständnisse ab, dass die Notbremse manipuliert wurde.

Wie die leitende Staatsanwältin Olimpia Bossi erklärte, würden Fotos zeigen, „dass das Notbremssystem offenbar manipuliert war, in dem Sinne, dass eine Metallgabel, die die Bremsen blockierte, dort fixiert worden war. Die Untersuchung hat bisher ergeben, dass das geschehen ist, um wiederholte Unterbrechungen der Seilbahn zu verhindern.“

Manipulation gestanden
„Sie haben gestanden, dass sie die Notbremse manipuliert haben“, berichtete ein Ermittler im Interview mit RAI 3. „Es gab Störungen in der Seilbahn. Die Wartung wurde eingeschaltet, sie hat das Problem nicht oder nur teilweise gelöst. Um weitere Betriebsunterbrechungen zu vermeiden, entschied man sich, die ,Gabel‘ an Ort und Stelle zu belassen, wodurch die Notbremse nicht funktionieren kann“, berichtete der Ermittler. Nicht ausgeschlossen wird, dass Ermittlungen gegen weitere Personen aufgenommen werden könnten.

Konkret wird den drei Festgenommenen zur Last gelegt, die Notbremse außer Betrieb gesetzt zu haben, nachdem es am Samstag - einen Tag vor dem Unglück - zu einer Dienstunterbrechung gekommen war. Laut den Ermittlern wurde der Spreizer der Notbremse, die die Kabinen im Falle eines Bruchs eines Seils blockieren sollte, nicht entfernt, um „eine Störung und Blockierung“ der Seilbahnanlage zu vermeiden. Damit funktionierte die Notbremse nicht.

Notbremssystem versagte
Offenbar hatte es an der Seilbahn in der jüngeren Vergangenheit mehrfach Fehlfunktionen gegeben, die immer wieder zum Stillstand der Gondel geführt hatten. Eine Reparatur hätte einen längeren Betriebsausfall nach sich gezogen. Bossi weiter: „Um diese Probleme zu beseitigen, haben die Betreiber in vollem Wissen der Chefs die Metallgabel nicht entfernt. Als das Seil riss, versagte also das Notbremssystem.“

Das System wies damit Abweichungen auf, die einen radikaleren Eingriff mit einer Dienstunterbrechung erfordert hätten. Die Notbremse sei in dem Glauben außer Betrieb gesetzt worden, dass ein Kabelbruch niemals hätte eintreten können.

Überwachungskamera beschlagnahmt
Die Staatsanwaltschaft der Stadt Verbania am Lago Maggiore hatte am Dienstag das Video einer Überwachungskamera beschlagnahmt, das den Unfall zeigt. Darauf sei zu sehen, wie ein Seil riss und die Kabine kurz vor der Bergstation am Monte Mottarone westlich des Lago Maggiore talwärts abstürzte. Bei dem Unglück am Pfingstsonntag waren 14 Menschen ums Leben gekommen, nur ein fünfjähriger Bub überlebte und ist mittlerweile außer Lebensgefahr. Die Gondel hatte ihr Ziel am Monte Mottarone fast erreicht, als das Zugseil riss.

Der Betreibergesellschaft zufolge war die Notbremse der Seilbahn erst Anfang des Monats zuletzt gewartet worden, eine Notfallübung mit einem simulierten Kabelriss und Notbremsen-Aktivierung sei im Dezember erfolgreich verlaufen.

Stephan Brodicky
Stephan Brodicky
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