20.01.2021 12:34 |

„Haben es geschafft!“

Die Internationale Presse über Bidens Amtsantritt

Am Mittwoch tritt der Demokrat Joe Biden (78) in einer feierlichen Zeremonie die 46. US-Präsidentschaft an. 25.000 Soldaten der Nationalgarde befinden sich in Washington, um ihm und Kamala Harris einen reibungslosen Amtsantritt garantieren. Gala, Bälle oder Zuschauermassen wird es Corona-bedingt nicht geben, Washington ist trotzdem im Ausnahmezustand. Internationale Tageszeitungen kommentieren das künftige Verhältnis zwischen den USA und Europa, die Erwartungen an die neue US-Administration und das Dreamteam Biden/Harris wie folgt:

„Politiken“ (Kopenhagen): „Wenn Donald Trump in irgendeiner Weise etwas Gutes für die Demokratie getan hat, dann war es, uns daran zu erinnern, dass wir sie niemals als selbstverständlich betrachten dürfen. Er hat uns daran erinnert, dass wir sowohl sie als auch den Rechtsstaat, der ihre Grundlage bildet, leicht verlieren können, wenn wir sie nicht bewahren. Deshalb hat die Amtseinführung des Demokraten Joe Biden als neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten am Mittwoch auch mehr als den zeremoniellen Charakter, an den wir uns fast gewöhnt hatten.“

„Rzeczpospolita“ (Warschau): "Wir beginnen eine neue Ära. Die Ära von Joe Biden. Sie wird anders sein als die, die jetzt zu Ende geht. Aber nicht alles Schlechte, was Trump angerichtet hat, lässt sich so leicht zurückdrehen. Und nicht alles, was er getan hat, war schlecht für die Interessen Amerikas und die Sicherheit auf der Welt ...“

„Washington Post“: "Nun, wir haben es geschafft. Etwa 1461 Tage, nachdem Donald Trump sein Amt als Präsident angetreten hat, muss er es verlassen. Nachdem er im Kampf um die Wiederwahl am 3. November Joseph R. Biden Jr. unterlag, wird dieser am Mittwochmittag als 46. Präsident vereidigt. Viele Amerikaner, die den Schaden begutachten, den Mr. Trump angerichtet hat - am spektakulärsten durch die Aufwiegelung des Mobs am Kapitol am 6. Januar - sind verständlicherweise nicht geneigt, etwas viel Positiveres als Erleichterung zu empfinden. Sie sollten jedoch dieses bedeutsame Ereignis nicht unter Wert verkaufen ...“

„La Repubblica“ (Rom): „Donald Trump sagt den Kampf an, sein neustes Video vor dem Verlassen des Weißen Hauses ist alles andere als ein Abschied: Es ist ein Versprechen und eine Drohung. Bis zuletzt will er seinem rechtmäßigen Nachfolger noch einen kleinen Schaden zufügen, er schickt die Air Force One nicht, um Joe Biden in Wilmington, Delaware, abzuholen. Der 46. Präsident ist gezwungen, ein Privatflugzeug zu benutzen ...“

Das Alter des „Großvaters“ bringt für diesen das Risiko mit sich, dass viele ihn als Kurzzeit-Präsidenten sehen, der nur eine Amtszeit macht (...) Doch auf ihn selbst warten ab jetzt drei gewaltige Herausforderungen: Massenimpfungen, wirtschaftliche Erholung und der Wiederaufbau eines Dialogs mit fast der Hälfte Amerikas, die nicht einmal die Rechtmäßigkeit der Regierung anerkennt."

„l‘Alsace“ (Straßburg): "Joe Biden (...) ist ein Übergangspräsident, der vor allem aus Ablehnung der Person und der Politik des (Vorgängers) Donald Trump gewählt wurde. Der neue Mieter des Weißen Hauses verkörpert mit 78 Jahren nur die Gegenwart - und nicht die Zukunft. Es ist illusorisch zu glauben, dass sich die Politik der Vereinigten Staaten radikal ändern wird ...“

„De Tijd“ (Brüssel): „Die Gestaltung der Beziehungen zu Europa wird eine delikate Übung. Militärisch sollen sie durch die Nato verstärkt werden. Doch auch unter Biden werden die USA verlangen, dass die Mitglieder der Transatlantik-Organisation ihre Militärausgaben erhöhen. Ein scharfer Konflikt mit China und Russland zeichnet sich ab. Dafür sind höhere Verteidigungsausgaben erforderlich. Wird Europa bei der Aufrüstung mitmachen? Und werden die Sanktionen, die Donald Trump verhängt hat, aufgehoben? Das ist nicht sicher ...“

„Lidove noviny“ (Prag): „Es ist schwer, der Anführer eines Landes zu sein, das in zwei unversöhnliche Lager gespalten ist. Joe Biden wird keine völlige Aussöhnung zuwege bringen, denn dafür müsste er 74 Millionen US-Amerikaner umerziehen, die für Donald Trump gestimmt hatten. Sicherlich wird er erreichen können, dass eine Mehrheit der Bevölkerung ihn als legitimen Präsidenten anerkennt. Doch Biden wird niemals alle US-Amerikaner davon überzeugen können, dass kein Unterschied zwischen legaler und illegaler Migration gemacht werden sollte. In dieser Frage werden die USA nie einig sein. Für den Anfang würde es vielleicht reichen, wenn Biden gegensätzliche Meinungen als legitim anerkennen würde - und nicht als einen Ausdruck von Fanatismus, Populismus oder gar Faschismus, also als etwas, was es auszutreiben gilt.“

„Times“ (London): "Joe Biden geht zu Recht davon aus, dass Amerika immer dann am stärksten ist, wenn es mit Verbündeten zusammenarbeitet. Er muss zeigen, dass Amerika seinen Führungswillen nicht verloren hat. Nirgendwo wird diese Führung so gebraucht, wie bei den zwei vordringlichsten Herausforderungen, mit denen westliche Demokratien konfrontiert sind: China und der Klimawandel. Biden ist zwar weniger konfrontativ als sein Vorgänger, doch er hat klargemacht, dass auch er China als strategischen Rivalen des Westens betrachtet ...“

„De Telegraaf“ (Amsterdam): „Das Misstrauen in der amerikanischen Gesellschaft sitzt tief. Die gegenseitigen Vorbehalte sind Teil des Vermächtnisses des scheidenden Präsidenten Trump. Seit seiner Wahlniederlage hat er sich von seiner schlechtesten Seite gezeigt. Das hat dem Land geschadet und die Präsidentschaft befleckt (...) Doch es sind vor allem sein irrationaler Widerstand gegen die verlorenen Wahlen und sein Flirt mit der Gewalt im Vorfeld der Erstürmung des Kapitols, die Trump übel mitspielen. Sie erschweren ein Comeback im Jahr 2024. Andererseits bleibt abzuwarten, wie lange der Optimismus über den “frischen Wind“ beim Antritt von Joe Biden andauern wird.“

„Tages-Anzeiger“ (Zürich): "Joe Biden ist ein überzeugter Multilateralist, steht für eine Weltordnung, die auf gemeinsam fixierten Regeln basiert. Die USA werden rasch ins Pariser Klimaabkommen oder in die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zurückkehren. Klar wird es auch in Zukunft Meinungsverschiedenheiten geben, etwa zu Nordstream 2, der Pipeline, die russisches Gas nach Europa liefern soll und den Kontinent noch abhängiger von den Energielieferungen aus Moskau machen würde. Oder bei der einseitigen Lastenteilung in der Nato.

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