17.01.2021 10:24 |

Hacker im „Krone“-Talk

„Kanzler und Minister machen auf hysterisch“

Rotkreuz-Chef Gerry Foitik übrigens auch. Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) über Lockdown-Öffnungen trotz Briten-Mutation und wieso 20 Prozent aller Erkrankten sie wohl schon längst haben.

„Krone“: Herr Stadtrat, Sie wollen den Lockdown ja lieber heute als morgen beenden. Wie soll das möglich sein?
Peter Hacker: Im Sommer wurde die Corona-Ampel auf der Grundlogik aufgebaut, dass wir jede Woche jeden Bezirk analysieren. Wir sehen jetzt seit vier Wochen ein stabiles Infektionsgeschehen. Es ist für die Wiener nicht nachvollziehbar, warum man in Wien nicht auf den Tennisplatz oder ins Museum darf, nur damit man in Salzburg ein Skirennen abhalten kann. Die Evidenz spricht momentan in mehreren Bezirken Österreichs nicht dafür, weiter einen völligen Lockdown zu machen.

Die Corona-Ampel steht in Wien auf Rot.
Eine absurde Entscheidung. Jetzt sind wir zum vierten Mal nach den eigenen Spielregeln dieser Kommission bei der risikoadjustierten Inzidenz unter 100. Und dann wird im Bund vorgeschlagen, wir stimmen nicht nach Bezirken ab, sondern machen einen Bericht über ganz Österreich. Die Kommission führt sich so selbst ad absurdum.

Also könnte man die Kommission auch abschaffen?
Wenn es so bleibt, könnte man sie abschaffen.

Wenn es nach Ihnen geht, soll also auch die Gastronomie rasch wieder öffnen?
Ja, ich glaube, dass vieles geöffnet werden kann, aber mit Hirn.

Aber wie will man denn die Gastronomie mit Hirn öffnen? Glauben Sie, dass nach acht Bier die besten Entscheidungen getroffen werden?
Nein, das glaube ich nicht. Aber die Leute, die meinen, sie müssen acht Bier beim Wirt saufen, tun das jetzt auch schon. Die meisten Menschen wollen wieder ein Schnitzel genießen, und es spricht überhaupt nichts dagegen. Man geht mit der Maske ins Lokal, mit der Maske aufs Klo, man trifft sich nicht im riesengroßen Freundeskreis, und man hat zwischen Tisch und Tisch genügend Abstand.

Aber Herr Stadtrat, in Irland und Großbritannien explodieren wegen der Mutation die Zahlen, Deutschland diskutiert einen Mega-Lockdown, der Rotkreuz-Chef warnt vor einer Katastrophe, und Sie wollen Halligalli?
Ich will überhaupt nicht Halligalli, ich will nicht missverstanden werden und auch nicht missinterpretiert. Wenn ich mich zurückziehen könnte in einen Zweitwohnsitz mit Weinkeller und Swimmingpool, dann könnte ich mir einen Lockdown bis in den Herbst hinein vorstellen. Gar nicht vorstellbar ist der Lockdown für jemanden, der jeden Tag mit Rotz und Wasser kämpfen muss, damit er die Familie durchbringt, in Kurzarbeit ist und mit den drei Kindern dann auch noch Home-Office am Küchentisch machen muss in einer 50-m²-Wohnung. Diese Leute sind mir wichtig.

Schauen wir uns die Briten-Mutation an. Wie viele Wiener sind daran erkrankt?
Eine spannende Fragestellung. Wieso wissen wir das eigentlich nicht? Es gibt ein zentrales Institut in diesem Land, das verantwortlich ist, diese Analysen zu machen, und es ist erstaunlich, mit welcher Gelassenheit wir zur Kenntnis nehmen, dass dieser Job wie einer von vielen nicht erledigt ist. Ich rechne damit, dass wir diese Mutation seit vielen Wochen in Österreich haben. Ich wäre nicht überrascht, wenn das Ergebnis der Untersuchungen, die ich in Auftrag gegeben habe, zeigt, dass zwischen 15 und 20 Prozent der Erkrankungen auf diese Mutation zurückzuführen sind. Alle positiven Proben, die in Wien genommen werden, werden ab sofort darauf untersucht.

Mit Ihren Prognosen ist das oft so eine Sache. Sie haben am 12. März noch gesagt, ein Lockdown für Wien sei „denkunmöglich“. Mittlerweile sind wir im Dritten.
Ich bin schlecht beim Prognostizieren dessen, was diese Bundesregierung tut. So gesehen haben Sie recht. Die setzen Handlungen, die ich mir tatsächlich nicht einmal ausdenken könnte.

Aber noch einmal: Wir wissen nicht, wie diese Mutation in Wien wütet, und trotzdem haben Sie Öffnungsfantasien. Das ist doch skurril.
Nein, wieso denn? Die Mutation ist schon die ganze Zeit da, aber es ist kein Hollywood-Zombie-Virus. Es bleibt das Covid-19-Virus. Und jetzt machen wir einen auf hysterisch.

Anerkannte Virologen machen auf hysterisch?
Nein, das kann ich nicht erkennen. Ich kann Hobbyvirologen erkennen und Bundeskanzler und Gesundheitsminister, die einen auf hysterisch machen. Oder einen Rotkreuz-Rettungskommandanten.

Gerry Foitik ist hysterisch?
Wir folgen doch ständig einem permanenten Muster der Kommunikationsstrategie dieser Bundesregierung. Zunächst einmal wird ein Thema reingeworfen, dann schaut man, wie reagiert die Presse, dann schickt man irgendwelche Experten nach, und dann machen wir wieder eine Verschärfung, nur damit wir ja nicht in Bewegung kommen.

Also auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die bekanntlich nicht aus dem Dunstkreis der ÖVP stammt und einen Mega-Lockdown will, ist hysterisch?
Sie weiß ja ganz genau, dass sie dafür die Zustimmung ihrer Bundesländer braucht, und wir wissen, wie die bei der letzten Vereinbarung reagiert haben, weil sie das differenzierter handhaben. Darum geht es mir.

Kommen wir zurück nach Wien. Wieso ist es Ihnen nicht gelungen, die Altenheime zu schützen?
Ich finde, das ist uns hervorragend gelungen.

Von rund 1300 Toten in Wien insgesamt, sind 500 in Heimen zu verzeichnen. Das sind 40 Prozent. Das klingt nicht nach einer Erfolgsstory.
Ich meine das alles andere als zynisch: Faktum ist, die meisten Wiener sterben grundsätzlich im Pensionistenheim oder im Spital und nirgendwo anders.

Die Personen in den Heimen sind also Ihrer Meinung nach mehr mit Corona gestorben als an?
Das ist das Problem der Statistik, dass wir keine führen mit Personen, die an Corona gestorben sind, sondern nur solche, mit Menschen, die mit und an Corona gestorben sind. Es gibt keine Differenzierung.

Mit welchen Worten würden Sie den Impfstart in Österreich beschreiben?
Slow Motion. Darum ist es der Bundesregierung sicher recht, dass wir nicht mehr über das Impfen reden, sondern über die Mutation.

Wann hat Wien die berühmte Herdenimmunität erreicht?
Diese Frage haben wir im Kreis der Wissenschafter intensiv diskutiert. Wir vermuten, dass wir uns mit 60 Prozent nicht mehr zufriedengeben können. Sondern je nachdem wie sich die Infektiosität weiterentwickelt, desto höher muss die Durchimpfungsrate sein. Wir müssen mit 80 oder 85 Prozent rechnen.

So viele Wiener wollen sich laut Umfragen nicht impfen lassen. Wir erreichen sie nie.
Schauen wir mal. Wir haben Statistiken, wie hoch die Nicht-Bereitschaft zum Impfen beim Gesundheitspersonal sei, und die Praxis lehrt uns gerade, dass es am Ende ganz anders aussieht.

Bereuen Sie einige Ihrer Aussagen eigentlich später?
Ja, natürlich, auch ich bin manchmal müde und unkonzentriert. Aber ich stehe schon grundsätzlich zu dem, was ich sage.

Wie viele Zigaretten rauchen Sie eigentlich pro Tag?
Eine Packung.

Ein Drittel aller Krebserkrankungen geht auf das Rauchen zurück. Haben Sie keine Angst?
Wie alle Raucher: nein. Ich habe noch nie den Anspruch an mich gehabt, ein perfekter Mensch zu sein.

Was kommt nach dem Tod?
Nichts.

Michael Pommer, Kronen Zeitung

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