09.08.2020 16:00 |

„Autos wie Bananen“

Immer mehr Rückrufe: „Produkt reift beim Kunden“

Der Trend zu riesigen Rückrufaktionen der Autoindustrie setzt sich weiter fort. Sie sind Ausdruck einer sich im Wandel befindlichen Industrie, die zunehmend stärker ihre Produkte beim Kunden reifen lässt.

In den Jahren 2019 und 2020 haben die Rückrufquoten der Autohersteller erneut ein hohes Niveau erreicht. Wie eine Untersuchung des deutschen Forschungsinstitutes Center of Automotive Management (CAM) zeigt, wurden allein im Referenzmarkt USA im Jahr 2019 und dem ersten Halbjahr 2020 rund 55 Millionen Pkw in die Werkstätten beordert.

Für das Jahr 2019 berechneten die Analysten eine Quote (die Zahl zurückgerufener Fahrzeuge relativ zur Zahl der Neuzulassungen) von 219 Prozent. Im Jahr zuvor waren es 159 Prozent. Das erste Halbjahr dieses Jahres lag mit 266 Prozent nochmals deutlich höher. In den Jahren von 2014 und 2019 kam es zu einem Allzeit-Negativrekord von über 250 Millionen zurückgerufenen Fahrzeugen allein in den USA. Das entspricht einer Rückrufquote von 243 Prozent. Damit wurden fast zweieinhalb Mal mehr Fahrzeuge in Werkstätten zurückbeordert, als im gleichen Zeitraum verkauft wurden.

Die Hersteller mit der höchsten Rückrufquote
Im vergangenen Jahr wiesen die Hersteller Subaru (473%), Volkswagen (403%), Daimler (400%), Ford (292%) und BMW (286%) die höchsten sicherheitstechnischen Rückrufquoten in den USA auf. Im ersten Halbjahr 2020 liegen Toyota (555%), Nissan (488%) und Honda (467%) sowie Ford (341%) und BMW (304%) mit den höchsten Quoten vorne.

Bei der Rückrufmenge belegen die Negativ-Spitzenplätze Ford mit 7,01 Millionen, GM mit 6,35 Millionen sowie Fiat Chrysler mit 4,90 Millionen zurückgerufenen Pkw. Die Mängel betreffen im Einzelfall sehr unterschiedliche sicherheitsrelevante Bauteile. Hier nennt das CAM unter anderem Automatikgetriebe, Bremslicht oder Airbags.

„Autoentwicklung wie Bananenreife
Studienleiter Stefan Bratzel vergleicht “die Produktherstellung mancher Automobilunternehmen„ mit dem typischen Reifeprozess von Baananen: “ Das Produkt reift erst beim Kunden." Das verärgere vielfach die Autokäufer und könne zu Personen- und Sachschäden führen. Außerdem koste es die Hersteller mittel- und langfristig viel Geld und schade ihrem Image.

Vielfältige Ursachen für die hohe Fehlerquote
Als Gründe für die wachsenden Qualitätsprobleme sieht das CAM die steigende technische Komplexität der Fahrzeuge, eine Zunahme der Entwicklungsgeschwindigkeit angesichts steigenden Wettbewerbs und den damit einhergehenden Kostendruck. Außerdem wurden erhebliche Teile der Wertschöpfung Zulieferern übertragen, was nach einem unternehmensübergreifenden sowie internationalen und damit komplexeren Qualitätsmanagement verlangt.

Schließlich sorgt die Gleichteilestrategie zu Mengeneffekten, welche bei spät entdeckten Fehlern zu millionenfachen Rückrufen führen.

(SPX)

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