26.04.2020 08:00 |

Steiermark History

Die Murauer Höhensonne als Wunder-Heilmittel

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachte ein Grazer Arzt eine neuartige Lichttherapie in die Steiermark: Auf der vor genau 100 Jahren erbauten Stolzalpe wurden damit an Tuberkulose erkrankte Kinder behandelt.

Das ist ein schöner Berg! Und dort, zwölfhundert Meter hoch, soll ein Sonnenkurort entstehen, der wie kein zweiter berufen sein wird, Kranken volle Genesung zu bringen“, so schreibt der steirische Heimatdichter Peter Rosegger 1914 in seiner Erzählung „Sonnenmenschen“.

1920, vor genau 100 Jahren, war sie dann gebaut, die ersehnte Sonnenheilstätte, hoch über Murau, auf der schönen Stolzalpe. An diesem Standort, mitten in dichtem Wald und saftigem Grün, zählte man mit Stolz 2000 Sonnenstunden im Jahr, mehr noch als im weltbekannten Schweizer Luftkurort Davos. Aus der Schweiz in die Steiermark importiert wurde auch die Heilmethode der Heliotherapie, also der Sonnenkur.

Tuberkulose wurde zu einer Volkskrankheit
Der Grazer Arzt Arnold Wittek erfuhr dort von der revolutionären Methode zur Behandlung von Tuberkulose-Kranken. Ab 1850 wurde die heimtückische Infektion mit der Zunahme der Industrialisierung zu einer wahren Volkskrankheit, zumeist waren Lungen und Knochen der Patienten befallen. „Am häufigsten erkrankten Kinder an der Knochentuberkulose. Im Sinne der Erhaltung der Volksgesundheit suchte man nun intensiv nach geeigneten Therapien und erkannte, dass Sonnenlicht besonders heilsam war“, erklärt Norbert Weiss, Grazer Historiker und Verfasser zahlreicher Publikationen zum steirischen Spitalswesen. Eine erste „Sonnenkinderstation“ wurde bereits 1912 in der Villa Barbara im obersteirischen Neumarkt eingerichtet; weil es aber viel mehr junge Patienten als Krankenbetten gab, brachte Mediziner Wittek die sonnige Stolzalpe ins Spiel.

Nachdem dort auf bis über 1300 Metern Seehöhe in wenigen Jahren Abstand mehrere Neubauten errichtet worden waren, gab es nun genügend Platz für die Kleinen, die meist aus ärmeren Familien stammten. Dort verbrachten sie viel Zeit bei Liegekuren auf den südseitigen Terrassen – und sogar das Klassenzimmer wurde kurzerhand ins Freie verlegt, freilich bei schönem Wetter: „Wesentlich war, dass die Haut so viel Sonnenlicht wie möglich aufnehmen konnte. Eine Volksschullehrerin kam eigens aus Murau auf die Stolzalpe und unterrichtete die Kinder, die mit ihren Schreibtafeln auf der Wiese lagen“, weiß Norbert Weiss.

Antibiotika ersetzten die Sonnenlicht-Therapie
Bis 1950 wurden in der Steiermark mit der Heliotherapie beachtliche Heilerfolge erzielt, dann allerdings traten die Antibiotika den Siegeszug an. „Die Tuberkulosetherapie wurde auf dieE innahme dieser Medikamente umgestellt. Damit hatte die Krankheit ihren Schrecken endlich verloren“, erklärt Norbert Weiss.

Jörg Schwaiger
Jörg Schwaiger
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