Talk mit Erfolgscoach

Bjelica: Bei Dinamo ist das wie Russisch Roulette!

Drei Mal ist er an der Pforte zur Champions League gestanden und zwei Mal hat er sie auch durchschritten, einmal mit der Wiener Austria gegen Dinamo Zagreb und nun mit Dinamo Zagreb - Nenad Bjelica und die Königsklasse im europäischen Fußball, das passt einfach zusammen! sportkrone.at traf den ehemaligen WAC- und Austria-Trainer in Zagreb, um sich von den Zielen des kroatischen Rekordmeisters gegen Manchester City, Atalanta Bergamo und Schachtjor Donezk genauso erzählen zu lassen, wie von dem finanziellen Kraftakt, den der Klub Jahr für Jahr leisten muss, oder den Problemen im Land des Fußball-Vizeweltmeisters!

krone.at: Nenad, vor einem Jahr noch sind Sie knapp gescheitert, heuer haben Sie ihn dagegen geschafft - den Einzug in die Champions League mit Dinamo Zagreb. Wie geht es Ihnen kurz vor den ersten Spielen?
Nenad Bjelica: (grinst) Mir geht‘s gut! Was wir uns vor einem Jahr schon erträumt hatten, haben wir jetzt geschafft. Damals waren wir sehr unglücklich: Wir haben 1:0 geführt, und dann hat uns ein Doppelschlag binnen zwei Minuten…

krone.at: …gegen die Young Boys Bern…
Bjelica: …von der Champions League ferngehalten. Aber wir haben dann in der Europa League unsere Gruppe gewonnen und wirklich tolle Leistungen gebracht. Aber sie ist natürlich weiter unser Ziel geblieben. Jetzt freuen wir uns sehr und hoffen, dass wir minimum sechs Spiele in der Champions League genießen dürfen…

krone.at: Wie sehr haben Sie in Trondheim gezittert, dass nach dem Heim-2:0 noch etwas passieren könnte?
Bjelica: Ja, im Fußball ist es immer so, dass du erst nach 180 Minuten sicher sein kannst, dass du weiterkommst. Wenn man sieht, wie in der letzten Saison im Champions-League-Halbfinale Ajax Amsterdam und der FC Barcelona gescheitert sind, dann weiß man, dass im Fußball alles möglich ist. Ja, wir haben 2:0 geführt, aber wir sind trotzdem sehr bescheiden nach Trondheim gefahren. Natürlich zitterst du immer ein bisschen, auch weil Rosenborg in der 1. Spielhälfte auch mit den Fans im Rücken stark gedrückt hat. Aber am Schluss sind wir weitergekommen…

krone.at: Ungeachtet der Young-Boys-Enttäuschung - Ihnen kann man keinen schlechten Schnitt nachsagen, was Qualifikationen für die Champions League anbelangt: Dreimal haben Sie es mit von Ihnen trainierten Teams versucht und zweimal sind Sie weitergekommen. Heuer mit Dinamo und einmal davor gegen Dinamo, Sie erinnern sich?
Bjelica: Ja, mit der Austria, das war historisch für die Austria - und für den österreichischen Fußball! Immerhin haben wir damals fünf Punkte geholt, nur in der Osim-Zeit, denke ich, bei Sturm haben sie es noch besser gemacht. Ich persönlich freue mich, dass ich es aus drei Versuchen zweimal geschafft habe, noch dazu als einziger kroatischer Trainer mit zwei verschiedenen Klubs. Mit einem österreichischen und einem kroatischen, was auch nicht üblich ist.

krone.at: 2013 haben Sie mit der Austria gegen Atletico Madrid, St. Petersburg und FC Porto 1 Sieg, 2 Remis sowie 3 Niederlagen eingefahren. Dinamo ist bei den letzten vier Antritten in der Champions League nicht unbedingt so erfolgreich gewesen…
Bjelica: Überhaupt nicht, überhaupt nicht!

krone.at: Da gab es in 24 Partien bei 1 Sieg und 1 Remis satte 22 Pleiten. Was darf man heuer von Dinamo erwarten?
Bjelica: Ich hoffe, dass wir mehr Punkte machen werden, auch wenn ich mir jetzt kein konkretes Ziel setze. Und wir haben eine Gruppe, in der das möglich ist. Natürlich ist mit Manchester City eine wirklich überragende Mannschaft dabei und auch Schachtjor Donezk oder Atalanta haben Mannschaften mit einem viel größeren Transfermarktwert und viel höheren Budgets. Trotzdem glaube ich, dass wir unsere Chancen haben werden - und es motiviert uns, dass Dinamo bei den vergangenen vier Versuchen nur zweimal NICHT verloren hat. Das wollen wir verbessern!

krone.at: Dinamo Zagreb hat keinen Milliardär als Gönner in der Hinterhand, wie Red Bull Salzburg mit Dietrich Mateschitz. Wie schafft man es bei Dinamo in finanzieller Hinsicht trotzdem, bei „den Großen“ mitzuspielen?
Bjelica: Wenn du hier bei Dinamo in die Saison startest, dann ist das eigentlich immer wie Russisch Roulette …

krone.at: (lacht erstaunt)
Bjelica: Unser Budget beträgt 35 Millionen Euro und nur 3,5 Millionen davon sind zum Saisonstart über Sponsoren, Fernsehgeld, Eintrittskarten, Fanshop-Erträge usw. gesichert, also gerade mal zehn Prozent! Den Rest müssen wir mit Spielerverkäufen oder mit der Qualifikation für Europa erst hereinbringen. Aber das ist nicht einfach und du kannst nie, nie richtig planen, du stehst jedes Jahr extrem unter Druck! Natürlich ist es nicht einfach, Erfolge zu feiern UND Spieler zu entwickeln. Jetzt haben wir in unserem Kader für die Champions League sieben, acht ganz junge Spieler angemeldet und vielleicht wird der eine oder andere davon eine Chance bekommen. Wir müssen sie auch einfach präsentieren, damit alle sehen: Okay, Dinamo hat wieder junge Spieler! Später verkaufen wir sie - und so leben wir.

krone.at: Dinamo ist seit 2005 nur zweimal NICHT Meister geworden. Auch im Europacup spielt man zumindest im Herbst stets mit voller Kraft mit. Peinlich ist es wohl nicht, gerade von so einem Klub verpflichtet zu werden. Wie kann man den Stellenwert von Dinamo für Kroatien und den Balkan am besten in Worte fassen?
Bjelica: Ich glaube, Dinamo ist nicht nur der größte Verein in Kroatien oder am Balkan. Dinamo hat sich in den vergangenen 30 Jahren, seit Kroatien unabhängig ist, als der größte Verein in der ganzen Region etabliert. Da würde ich auch Polen, Tschechien, Slowakei, Österreich, Bulgarien, Rumänien, alle diese Osteuropa-Länder miteinbeziehen. Dinamo ist jetzt zum 7. Mal in der Champions League und in der Europa League auch zum 5. Mal - nur einmal überhaupt hat man es weder in die Champions League noch die Europa League geschafft.

krone.at: Kroatien, das ist das Land des Fußball-Vizeweltmeisters - ist auch der Liga-Fußball hier zwischen Zagreb, Osijek, Split und Rijeka vizeweltmeisterlich?
Bjelica: (lacht) Nein, nein, nein! Dafür haben wir die finanziellen Möglichkeiten einfach nicht. Wie ich vorhin gesagt habe: Es ist sehr schwierig, die Qualität bei Dinamo zu halten - du musst hier jedes Jahr zwei, drei Spieler verkaufen und so verlierst du enorm an Qualität. Problematisch bei der Liga sind die fehlenden Sponsoren, das Fernsehen und die Stadien. Ich habe ja vor 15, 16 Monaten in Polen gearbeitet, und dort ist man uns 20 Jahre voraus, was die Infrastruktur betrifft, was die Organisation betrifft oder was das Fernsehen betrifft. Von daher ist alles, was Dinamo von Jahr zu Jahr schafft, einfach großartig.

krone.at: Im Frühjahr bin ich beim Spiel gegen Benfica Lissabon in eurem Stadion auf den Stufen gesessen, weil so viele Fans da gewesen sind. Statt der beinahe 30.000 Zuschauer in dieser Partie sind in der Liga durchschnittlich allerdings nur rund 4100 Leute dabei. Wieso ist das so?
Bjelica: Tja, Dinamo ist in den letzten 13 Jahren zwölfmal Meister geworden, die Leute sind die nationalen Erfolge inzwischen gewöhnt. Vorige Saison haben wir die Meisterschaft mit 25 Punkten Vorsprung vor dem Zweiten gewonnen. Wir haben Spiele gehabt wie gegen Benfica, mit 30.000 Fans im Stadion - und dann drei Tage später sind wir vor 1500 Zuschauern gegen Inter Zaprešić angetreten, das ist wirklich bitter…

Hannes Maierhofer (in Zagreb)

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