Fr, 20. Juli 2018

Kolumne Im Gespräch

08.07.2018 08:00

„Schau auf das Schöne, was dein Herz tief berührt“

Von dem Dichter Rainer Maria Rilke wird die Geschichte erzählt, dass er immer, wenn er in Paris war, mittags mit einer Freundin spazieren ging. Sie kamen stets an einer Bettlerin vorbei, die stumm, unbeteiligt und starr auf ihrem Platz saß. Nie sah sie einen Geber an. Die Freundin legte jedes Mal ein Geldstück in die Hand der Bettlerin, Rilke hingegen gab ihr nichts. Daraufhin angesprochen, meinte er, man müsse ihrem Herzen, nicht ihrer Hand schenken ...

Eines Tages brachte Rilke eine kaum erblühte, weiße Rose mit und legte sie in die Hand der alten Frau. Die Bettlerin sah zu ihm empor, küsste seine Hand, erhob sich und ging mit der Rose von dannen. Die nächsten Tage blieb die Bettlerin verschwunden. Erst eine Woche später war sie wieder auf ihrem gewohnten Platz - stumm, unbeteiligt und starr. Die Freundin konnte ihre Verwunderung nicht unterdrücken und fragte Rilke, wovon die Bettlerin denn all die Tage gelebt habe. Rilke antwortete: „Von der Rose“.

So schön diese Geschichte ist, so sehr ist klar, dass niemand von einer Rose, nicht einmal von einem ganzen Rosenstrauch leben kann. Der Anblick ist wunderschön, aber der Bauch bleibt leer. Aber diese Rose gab der Frau etwas ganz Besonderes, sie berührte ihr Innerstes. Die Bettlerin hatte, solange die Rose blühte, Kraft, Energie und Lebensmut. Erst nachdem die Rose verblüht war, ging sie wieder in ihren Alltag und damit auch in ihre Sorgen und Nöte zurück.

Diese Geschichte macht darauf aufmerksam:
Schaue nicht nur auf das Alltägliche, auf all deine Arbeit und auf die vielen Dinge, die jeden Tag zu tun sind. Schau nicht nur auf deine Sorgen und Nöte. Schau auch auf das Schöne und auf das, was dein Herz ganz tief berührt, schau auf das, was glücklich macht. Vom Apostel Paulus können wir lernen: „Gegenüber jedem erfüllt eure Pflicht und Schuldigkeit! Nur in der Liebe ist es anders: Hier gibt es keine begrenzte Pflicht, sie ist grenzenlos. Denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt.“

Die Liebe ist der Maßstab aller Dinge
Nach Liebe sehnt sich jeder Mensch, aber das Leben zeigt im Großen wie im Kleinen, dass gerade die mangelnde Liebe so viel Unheil entstehen lässt, auf der Welt im Großen und auch in unseren Familien im Kleinen. Mangelnde Liebe treibt viele Dornen, die stechen und die tiefe Wunden reißen, manche sogar so tief, dass sie nie mehr heilen. Dornenhecken, so erzählt auch das Märchen von Schneewittchen, sind nur durch die Liebe zu bezwingen. Möge der Sommer wieder verstärkt Gelegenheit bieten, sich wieder vermehrt an den herrlichen Blüten und Früchten zu erfreuen. Die Dornen gehören zwar dazu, wie bei jeder Rose, aber sie sollen nicht das Leben bestimmen.

Evangelische Pfarrerin Ingrid Tschank, Kronen Zeitung.
ingrid.tschank[@]bnet.at

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