10.12.2017 08:35 |

"Krone"-Interview

Läuten jetzt die Hochzeitsglocken, Herr Tolar?

Ehe für alle, sie kommt jetzt fix. ORF-Urgestein Günter Tolar (78) nahm das zum Anlass, seinem Gerald (23 Jahre jünger) live in der "ZiB 2" einen Heiratsantrag zu machen. Mit Conny Bischofberger spricht der erste bekennende Homosexuelle des Landes über Anfeindungen und Aids, Kickl und den Kardinal und seine späte große Liebe.

Ein gelbes Einfamilienhaus am Ortsende von Berndorf, Niederösterreich. Günter Tolar kommt raus auf die Straße, um uns zu empfangen. Trotz Minusgraden trägt er ein kurzes blaues T-Shirt. Drinnen in der Wohnküche sind zwei schokobraune Labradore sehr aufgeregt. "Und das ist mein Göttergatte", sagt Günter Tolar und bittet Gerald, der nicht so gerne in der Öffentlichkeit steht, neben ihm Platz zu nehmen.

25 Jahre ist es her, dass Tolar sich - als erster Prominenter - im Magazin "News" als homosexuell geoutet hat. Die Schlagzeile lautete damals noch "Tragödie Aids - Tolars dramatischer Appell". Sein Partner hatte sich ein Jahr vorher - nach einer eindeutigen Diagnose - das Leben genommen.

Tolars späte große Liebe heißt Gerald: Seit 2001 lebt der Schauspieler, Buchautor und Ex-ORF-Moderator mit dem heute 55-Jährigen zusammen und hat diese Woche live bei Armin Wolf in der "ZiB 2" offiziell um seine Hand angehalten.

"Krone": Herr Tolar, wie hat der "Göttergatte" auf Ihren Heiratsantrag reagiert?
Günter Tolar: Er hat natürlich "Ja" gesagt. Aber angestoßen haben wir schon vorher drauf, bei einem großen Fest, mit Prosecco.

Was bedeutet die Entscheidung "Ehe für alle" für Sie beide?
Wir müssen uns jetzt anschauen, wie die Rechtssituation ist, ob es Übergangsbestimmungen gibt. Wenn man die eingetragene Partnerschaft, mit der wir ganz zufrieden sind, erst aufheben müsste, um zu heiraten, dann wäre das mühsam. Ich glaube auch, dass ÖVP und FPÖ uns da noch Steine in den Weg legen werden.

Warum glauben Sie das?
Gerade den einzigen zwei Parteien, die gegen Homosexuelle sind, setzt der VGH so was vor. Ich kann mir gut vorstellen, dass Herbert Kickl (FPÖ-Generalsekretär, Anm.) jetzt zu Hause sitzt und sich überlegt, wie er uns das Leben schwer machen kann. Man hat ja gesehen, wie hasserfüllt er auf die Entscheidung reagiert hat. Ich glaube, die haben sich da selbst in etwas hineingeritten. Ein Gesetz hätten sie wieder abschaffen können, aber eine höchstgerichtliche Entscheidung nicht.

War es eine wichtige Entscheidung? Die eingetragene Partnerschaft sichert Sie ja auch gut ab.
Ja, weil sie von gesellschaftspolitischer Relevanz ist. Ich lebe gern in Österreich und ich bin halt auch gern ein Mensch erster Klasse. Dieser Schritt bringt uns ethisch und menschenrechtlich weiter, ich würde sagen er bringt Österreich endlich ins 21. Jahrhundert.

Läuten jetzt die Hochzeitsglocken?
Wenn Sie damit eine kirchliche Hochzeit meinen: Darüber hab' ich mir nicht die geringsten Gedanken gemacht. Die Kirche hat von mir viel Geld gekriegt, ich hab' Kirchensteuer gezahlt wie ein Trottel. Aber dann bin ich ausgetreten. Weil wir im Katechismus als bemitleidenswerte Menschen bezeichnet werden.

Gottes Segen ist Ihnen also nicht wichtig?
Bitte, denken Sie an den Automatismus. Die Ehe wird im Himmel geschlossen und ist unauflöslich. Wenn man sich dann irgendwann doch trennen sollte, wird man exkommuniziert. Nicht bös sein, aber das muss ich nicht haben! Dazu ist mir eine Verbindung zwischen zwei Menschen zu ernst, als dass ich mich so einem mittelalterlichen Firlefanz unterziehen würde.

Verstehen Sie die Bedenken der katholischen Kirche gegen die "Ehe für alle"? Kardinal Schönborn meint, die Verfassungsrichter hätten "den Blick für die besondere Natur der Ehe verloren". Die Verbindung zwischen Mann und Frau sei wie keine andere Beziehung dazu geeignet, Kinder hervorzubringen.
Da komme ich mit dem alten Killerargument: Dann dürften 50- oder 60-Jährige auch nicht heiraten, weil bei denen wird sich der Kindersegen in Grenzen halten. Die Ehe ist eben nicht nur eine Verbindung von Mann und Frau, sondern von zwei Menschen, die sich lieben und einander vertrauen und einen Pakt schließen, aufgrund dessen sie zusammen leben und zusammen wirtschaften. Keine Ehe wird weniger geschlossen, wenn auch Homosexuelle heiraten, und kein Kind weniger wird geboren.

Waren Kinder ein Thema für Sie?
Nein. Ich bin in zwei Jahren 80. Und selbst wenn wir uns vor 30 Jahren schon gekannt hätten: Damals waren Gerald Croupier und ich dauernd weiß der Kuckuck wo unterwegs.

Sie nennen Gerald Ihren Mann. Was wird sich in der Ehe ändern?
Nichts. Wir fühlen uns schon verheiratet. Wir werden auch nicht den Namen des anderen annehmen.

"Wer ist bei Ihnen die Frau?" Empfinden Sie die Frage als dumm?
In Zeiten, wo der Feminismus alle Rollenbilder abgeschafft hat: ja. Ich antworte trotzdem: Wir kochen beide gern! Und die Entscheidung, welchen Staubsauger wir kaufen, haben wir gemeinsam getroffen.

Was schätzen Sie an Gerald am meisten?
Das ist schwer zu sagen, denn der Kerl ist ein Gesamtkunstwerk. Er ist genau das, was ich brauche. Er gibt mir Sicherheit, sowohl äußere als auch innere. Er ist verlässlich, eine Krücke, ein Gehstock, ein Sessel mit Lehne. Ich merk grad, dass ich ihm das so noch nie gesagt habe.
(Gerald hat aufmerksam zugehört und Tränen in den Augen.)

Spielt der Altersunterschied eine Rolle?
Das müssen Sie ihn fragen! Er ist ja mit einem alten Scheißer zusammen! (Beide lachen, dann sagt Gerald: Für mich nicht. Der Günter ist für sein Alter noch sehr flott unterwegs. Man merkt ihm seine 78 überhaupt nicht an.)

Herr Tolar, Sie sind vor 25 Jahren an die Öffentlichkeit gegangen und haben gesagt: Jawohl, ich bin schwul. Hatten Sie es als Prominenter leichter?
Ob ich es leichter oder schwerer hatte, das war mir damals völlig wurscht. Ich war an dem Punkt angelangt, wo ich gesagt habe: Schluss mit dem Versteckspiel! Ich muss raus aus dem Kokon. Alfons Haider warnte mich damals: Das ist ein Gang zum Schafott!

War es das?
Nein, es ist gutgegangen. Sehr gut sogar. Ich bekam 3000 Briefe von Betroffenen, die sich dann auch geoutet haben, in ihren Familien, vor Müttern und Vätern und Freunden. Nur wenige schrieben: "Sie sind eine Drecksau."

Der damalige ORF-General Gerd Bacher schrieb, "die öffentliche Zurschaustellung Ihres Privatleben widert die Öffentlichkeit an und ist unternehmensschädigend". Konnten Sie sich mit Bacher aussprechen?
Mit Bacher konnte man sich nicht aussprechen. Mir wurde einfach mitgeteilt: Am 14. Dezember 1992 moderieren Sie Ihre letzte Sendung. Nach dem Outing wurde ich dann herumgereicht wie ein Kalb mit zwei Köpfen - von Veranstaltung zu Veranstaltung, sogar bei Frau Schreinemakers war ich in der Sendung. In Deutschland WURDEN Prominente damals geoutet, aber ich habe es freiwillig gemacht.

Sehen Sie sich als Pionier der Homosexuellen-Bewegung?
Ich glaube, ich habe der Bewegung ein Gesicht gegeben, weil ich der erste war, der aus der Anonymität herausgetreten ist. Alfons Haider ist mir dann gefolgt.

Ist Conchita Wurst auch eine Pionierin?
Sie hat mitgeholfen, die Selbstverständlichkeit einzuzementieren. Mann oder Frau, wurscht! Es gibt eine Vielfalt an Lebensmodellen. Ihr Glück ist, dass sie auch noch hervorragend singen kann. Und dann gewinnt sie sogar den Song Contest für uns!

Ihr damaliger Freund hatte sich vor Ihrem Outing das Leben genommen, weil er Aids hatte. Ist da noch ein großer Schmerz da?
Es war furchtbar, aber es ist vorbei. Es war ein großer Schmerz, aber er hat mich auch mutig gemacht. Ich habe mich vor Leute hingestellt und gesagt: Der Norbert hat sich vor den Zug geworfen aus Angst vor der Gesellschaft, aus Angst vor euch! In allen Beziehungen nach ihm war er immer noch ein Maßstab. Erst Gerald hat ihn überstrahlt. Jetzt ist Norbert nur noch Erinnerung.

Wenn Sie zurückblicken, was war das Absurdeste, das Ihnen als Homosexueller passiert ist?
Das war in den späten 60er-Jahren in der "Alten Lampe". Damals stand Schwulsein noch unter Strafe. Eines Abends gab es eine Razzia und ich geb' meinem Partner einen festen Schmatz. Hab' ich schon eine Hand auf meiner Schulter gehabt. "Na Burschi", sagte ein Polizist, "das hättest jetzt nicht machen sollen!" Wir wurden abgeführt und eingesperrt. Am nächsten Morgen ließen sie uns erst gehen. Das Lustige war: Sie sperrten uns in eine Zweierzelle! Und wir hatten dort viel Spaß.

Wenn Sie sich heute, 2017, etwas wünschen dürften, was wäre es dann?
Ich würde mir wünschen, dass Outings gar nicht mehr notwendig sind. Ob jemand schwul ist oder hetero, sollte nicht mehr der Rede wert sein. Weil es niemanden etwas angeht. Aber vor allem, weil es wurscht ist.

Zur Person
Günter Tolar, geboren am 9. Juli 1939 in Wels, moderierte seit den 60er-Jahren etliche ORF-Shows ("Wer 3x lügt", "Rätselbox", "Made in Austria", "Tohuwabohu"). 1992 outet er sich als erster österreichischer Prominenter und engagiert sich für die Rechte von Homosexuellen und HIV-Kranken. Davor hatte sich sein damaliger Freund nach einer Aids-Diagnose das Leben genommen. Seit 2001 ist Tolar mit dem Rehabilitationstrainer Gerald Rackl zusammen, seit 2010 sind sie verpartnert. Die beiden leben mit zwei Labradoren in Berndorf, Niederösterreich.

Interview: Conny Bischofberger

Produktvergleiche

Alle Produkte sehen
Newsletter