Heute Abend (20.15 Uhr, ORF 1) gibt es die ersten drei Episoden der sechsteiligen Miniserie „Das Vergessen“ mit Julia Koschitz in der Rolle der demenzkranken Polizistin Pia Kraus. Die beiden Regisseur Johanna Moder und Daniel Prochaska standen der „Krone“ dafür Rede und Antwort.
Es ist der Albtraum aller Eltern. Die schwer pubertierende Amelie (Fabia Matuschek) verschwindet nach einem Streit mit ihrer Mutter Caro (Martina Ebm) spurlos. Das beschauliche Dorf Engelsberg in der ruhigen Diaspora Oberösterreichs ist erschüttert und Polizistin Pia Kraus (Julia Koschitz) ermittelt beharrlich, weil sie persönlich befangen ist – sie ist Caros Schwester und die beiden Familien sind eng miteinander verstrickt. Doch nicht nur die familiäre Nähe führt bei den Ermittlungen zu Problemen, Pia wurde unlängst erst mit der erschütternden Diagnose Demenz konfrontiert. Weder ihr Mann Jonas (Matthias Koeberlin), noch ihre Kinder Vivian (Anja Pichler) und Linus (Leopold Pallua) wissen Bescheid, sondern nur ihre Ärztin Anni Rath (Regula Grauwiller). Im Alltag fällt ihre Krankheit zunehmend auf, doch die Ermittlungen erlauben es Pia nicht, beruflich kürzerzutreten. Sie tut alles, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Visuell aus dem Fenster gelehnt
Die ORF/ARD-Degeto-Co-Produktion „Das Vergessen“ (ab heute, 20.15 Uhr, ORF 1) braucht sich in puncto Intensität, Spannung und professionelle Inszenierung nicht vor der internationalen Konkurrenz im Streamingbereich verstecken. Die ersten vier Folgen hat Daniel Prochaska inszeniert, die beiden finalen die Grazerin Johanna Moder. Dass zwei Regisseure an einer Serie arbeiten, ist nicht unüblich, wohl aber ist die Figurenzeichnung speziell. „Bei Johannas Folgen am Ende ist der Zustand von Pia Kraus schon ganz anders als bei mir“, so Prochaska im gemeinsamen „Krone“-Gespräch, „sie konnte sich damit visuell und erzählerisch noch weiter rauslehnen. Mit dieser Krankheit kann man auch visuell sehr gut spielen und wir haben versucht, das Maximum herauszuholen.“ Wichtig war die Grundausstattung. Man hat sich schnell auf die Farbe Blau und eine düstere, herbstliche Inszenierung geeignet, von wo aus sich beide entfalten konnten.
Das Thema Demenz ist in der Gesellschaft so relevant und wichtig wie nie zuvor, insofern hat man neben der spannenden Umsetzung auch den inhaltlichen Zeitgeist getroffen. Eine Krankheit, die das Umfeld stärker belastet als die erkrankte Person selbst – insofern ist vor allem die Rolle der Kinder von Polizistin Kraus gut gecastet. „Sie haben das sensationell getroffen und dann haben wir Julia, die sich zu 150 Prozent ihrer Figur verschreibt. Sie zerbricht im Laufe der Geschichte und nur das Ziel, diesen Fall zu lösen, hält sie zuweilen noch zusammen. Filmisch war es auch interessant den Fokus darauf zu legen, wem man vertrauen kann, wie das Umfeld reagiert und was der Schicksalsschlag für alle Beteiligten bedeutet. Es war zuweilen auch eine Gratwanderung, wie wir die Serie inszenieren, weil es manchmal wahrscheinlich grenzwertig ist, wie hart manche Szenen sind. Wichtig war auch zu zeigen, dass das Schicksal brutal ist, aber es selbst da immer wieder schöne Momente der Nähe und der Wärme geben kann.“
Viele Fragen tun sich auf
„Das Vergessen“ konzentriert sich nicht nur auf den Kriminalfall und die Thriller-Momente, sondern vor allem auch auf die Dramatik und die Zwischenmenschlichkeit. Wie verschieben sich die Verantwortungen, wenn die Krankheit voranschreitet? Was passiert, wenn die Mutter abwesend ist? Dort findet die Serie geschickt den Spagat zwischen intensiver Figurenzeichnungen und schonungsloser Realität. „So ein Thema zu bearbeiten, macht auch was mit einem selbst“, ergänzt Prochaska, „ich bin 42 und könnte theoretisch in zwei bis drei Jahren auch daran erkranken. Ich habe selbst Kinder und muss sagen, dass es einen wachrüttelt, wenn man sich damit beschäftigt.“ Für Koschitz war die Rolle auch eine besondere Herausforderung. „Die Rolle hat einen riesigen Konflikt auszutragen und je größer der Konflikt, umso schöner die Rolle. Pia versucht so viel wie möglich zu vertuschen, zu verdrängen und zu überspielen. Alle Taktiken, um sich irgendwie selbst zu schützen.“
Moder freut auch das Vertrauen der Partner. „Für Fernsehverhältnisse sind wir mit dieser Serie sehr mutig unterwegs, was ich toll finde. Durch die Krankheit konnten wir auch visuell viel mehr machen, als es uns sonst möglich gewesen wäre. Wir wollten dem Zuschauer dieses Vergessen veranschaulichen und begreiflich machen.“ Als befruchtend und zufriedenstellend empfand Moder die erste Zusammenarbeit mit dem Kollegen Prochaska. „Man lernt andere Zugänge und stimmt sich gut miteinander ab. Daniel verwendet zum Beispiel sehr viel Musik in der Inszenierung, das ist für mich normalerweise kein großes Thema.“ Auch Prochaska ist voll des Lobes über die Partnerin: „Wir haben uns getroffen und sofort gewusst, wir machen das zusammen. Wir ordnen uns der Geschichte unter, es gibt keine Egos und wir finden einen gemeinsamen Stil. Wir haben uns etwa früh beide für die gleichen Linsen zum Drehen geeinigt. Da merkt man dann schon früh, dass Gemeinsamkeiten vorhanden sind und uns ähnliche Dinge gefallen.“
Mit einer Handschrift zeichnen
Die Zusammenarbeit war trotz bekannter Namen sehr niederschwellig. „Es gibt heute weniger Hierarchien auf Sets als früher“, so Moder, „aber deshalb sind noch immer viele Egos am Werk. Es ist nicht leicht. Es gibt für gewöhnlich viele Meinungen und Haltungen, auf die man sich einigen muss und wir haben versucht, schnell eine Verbindung zueinander zu finden.“ Prochaska ergänzt: „Ich finde, die Serie hat Johannas und meine Handschrift, das sieht man von der ersten Einstellung bis zum Schluss. Ein Riesenvorteil war auch, dass wir von vornherein wussten, dass diese Handlung nur eine Staffel trägt. Normalerweise lässt man immer gerne eine Tür offen und versucht zu schauen, wohin man geht, aber diese Thematik ist nach dieser Staffel beendet.“ Moder freut sich über das Ergebnis. „Wir haben beide einen sehr hohen Anspruch und nehmen uns da die besten Serien zum Vorbild. Unser Ziel ist, die Zuseher dazu zu bringen, dass sie noch viel mehr sehen wollen.“ Die Grundlage dafür ist geschaffen – und ab heute im Fernsehen zu sehen.
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