„Wie Kirchenglocken“

Muezzin-Ruf in deutscher Stadt sorgt für Zündstoff

Deutschland
26.02.2026 18:30

Im deutschen Göttingen ertönte jetzt erstmals öffentlich der Muezzin-Ruf zum Fastenbrechen im Ramadan. Während die Stadtspitze von einem „bewegenden Moment“ spricht, warnen Kritiker vor falscher Toleranz. Die Debatte trifft einen empfindlichen Nerv.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Universitätsstadt war am Dienstagabend der sogenannte Adhān, der islamische Gebetsruf, öffentlich zu hören. Anlass war das Fastenbrechen im Ramadan. Beschlossen wurde der Ruf am „Runden Tisch der Religionen“, gemeinsam mit Vertretern aus Politik, Verwaltung und verschiedenen Glaubensgemeinschaften. Auch weitere Institutionen der Stadtgesellschaft nahmen an der Veranstaltung teil.

Stadt pocht auf Grundrechte
Oberbürgermeisterin Petra Broistedt bezeichnete den ersten Ruf am Dienstag als „bewegenden Moment“ – und als „besonders für Göttingen“. Für sie ist das Ereignis ein klares Bekenntnis zu den Grundrechten. Maßgeblich sei Artikel 4 des deutschen Grundgesetzes, der die Religionsfreiheit garantiere. Diese schütze nicht nur die innere Glaubensüberzeugung, sondern auch deren sicht- und hörbare Ausübung.

Die Stadt sehe sich verpflichtet, alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften nach denselben rechtlichen Maßstäben zu behandeln. Dabei verwies sie ausdrücklich auf die Gleichbehandlung von Kirchenglocken und dem islamischen Gebetsruf.

Diesen „besonderen Moment“ teilte Broistedt zudem öffentlich und stellte ein Video des Muezzin-Rufs auf ihre Facebook-Seite.

Nach Darstellung der Stadt handle es sich nicht um ein politisches Signal, sondern um den „Schutz gemeinsamer Freiheitsrechte“. In Zeiten gesellschaftlicher Spannungen wolle Göttingen bewusst auf Dialog und Respekt setzen. Der Muezzin-Ruf sei Ausdruck eines pluralen Gemeinwesens.

Gebetszeit im Ramadan
Das bedeutet der Muezzin-Ruf

Der Muezzin ist die Person, die im Islam zum rituellen Gebet aufruft. Der Gebetsruf – auf Arabisch Adhān – wird traditionell vom Minarett einer Moschee vorgetragen, heute meist über Lautsprecher. Er ertönt fünfmal täglich und erinnert Gläubige an die festgelegten Gebetszeiten. Der Text des Adhān enthält unter anderem das Glaubensbekenntnis und die Einladung zum Gebet.

Historisch hatte der Ruf auch eine praktische Funktion, da es keine Uhren gab und er die Tagesstruktur vorgab. Während des Fastenmonats Ramadan erhält er besondere Bedeutung: Am Abend signalisiert er das Ende des täglichen Fastens und leitet das gemeinsame Fastenbrechen ein. Für viele Muslime ist dieser Moment spirituell und gemeinschaftlich besonders wichtig.

Zustimmung – aber auch scharfe Kritik
Laut Stadt seien bislang nur „nicht nennenswerte“ kritische Rückmeldungen eingelangt. Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche sprachen sich für ein geregeltes Miteinander im öffentlichen Raum aus. Auch die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Göttingen, Jacqueline Jürgenliemk, unterstützt den Schritt.

Zitat Icon

Interreligiöser Dialog ist der richtige Weg gegen Vorurteile und Hass.

Jacqueline Jürgenliemk, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Göttingen

Junge Union warnt vor „falscher Toleranz“
Doch es gibt Gegenwind, unter anderem von der Jungen Union – der gemeinsamen Jugendorganisation der deutschen Parteien CDU (Christlich Demokratische Union) und CSU (Christlich-Soziale Union). Sie warnt vor „falscher Toleranz“. Auf Instagram heißt es: „Glocken dienen historisch der zeitlichen Orientierung, während der Muezzin-Ruf ein verkündendes Glaubensbekenntnis darstellt, das den eigenen Glauben über andere erhebt.“ Solche Aktionen stärkten nur „die radikalen Ränder“.

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