Interview & Wien-Gig

Archive: „Zwischendurch verloren wir die Linie“

Musik
26.02.2026 05:00

Seit mehr als 30 Jahren erfreuen die Briten Archive ihre Fans mit einer nicht fassbaren Mischung aus Trip-Hop, Downtempo, Shoegaze und Rock-Versatzstücken. Das neue Album „Glass Minds“, das man Anfang April in der Wiener Arena vorstellt, schlägt dabei den Bogen in die Vergangenheit. Mastermind Darius Keeler verrät uns im „Krone“-Talk mehr zum gelungenen Werk.

kmm

Ein paar Handvoll glückliche Gewinner aus ganz Europa und geladene Gäste wurden vor wenigen Wochen im Radiokulturhaus Zeuge einer ganz speziellen Performance. Die englischen Stilverweigerer und Trip-Hop-Liebhaber Archive haben sich via FM4 mit ORF Radio-Symphonieorchester Wien zusammengetan, um Archives brandneues Album „Glass Minds“ und ein paar ausgewählte Highlights aus der Vergangenheit zum Besten zu geben. Das Ergebnis wird man voraussichtlich im Herbst oder Winter auch auf Vinyl und als Bewegtbild erstehen können, das angesprochene Studiowerk „Glass Minds“ ist bereits dieser Tage auf den Markt und zeigt die Londoner auch nach mehr als 30 Jahren ihres Bestehens in herausragender Form. Gerade für die spezielle Wien-Performance war es noch besser, dass die beiden Haupt-Songwriter Darius Keeler und Dan Griffiths bereits einen orchestrierten Rahmen für das Album im Kopf hatten.

Mit den Vibes von früher
„Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich das Lied ,Nimrod‘ von Edgar Elger gehört habe, in einer Version mit Chor“, so Keeler im Gespräch mit der „Krone“, „dann habe ich mir, motiviert davon, eine Brass-Version des Liedes angehört und mir wurde sofort wieder in Erinnerung gerufen, wie scheinbar mühelos einen so klassische Lieder in eine ganz andere Welt transferieren können. Ich habe dann für das Album sehr stark mit Sounds experimentiert. Bläser, Streicher, Keyboards – so wurde ,Glass Minds‘ am Ende so vielschichtig im Klang.“ Die Vermischung aus dem für Archive so typischen Trip-Hop, Shoegaze und partiellen Prog-Rock mit klassisch-orchestralen Elementen spürt man jedenfalls mehr denn je. Zudem hat „Glass Minds“ stellenweise Vibes des Debütalbums „Londinium“, mit dem Archive vor genau 30 Jahren zu einer der spannendsten Bands von der britischen Insel wurden.

„Dieser Bogen hat sich beim Songwriting fast von selbst ergeben“, lacht Keeler, „wir sind keine Nostalgiker, sondern blicken immer voraus, aber die Soundstrukturen, die Klangmuster, die ich beim Komponieren verwendet habe, die haben immer eine Brücke in die Vergangenheit geschlagen. Vor allem der Song, Patterns‘ ist sehr stark an unsere Frühzeit angelehnt, weil er Downtempo in den Mittelpunkt stellt. Dieses Feeling hat sich dann durch das ganze Album gezogen, auch wenn ich sehr überrascht darüber bin, wie sich die unterschiedlichen Songs zusammengefügt haben.“ 2022 veröffentlichten Archive ein monumentales Doppelalbum namens „Call To Arms And Angels“, das wesentlich konzeptioneller angelegt war. „Aber auch düsterer“, betont Keeler, „die Pandemie hat unser Mindset natürlich auch geprägt, das floss direkt in das Album rein. ,Glass Minds‘ ist kein fröhliches Werk, atmet aber schon eine ganz andere Luft als der Vorgänger.“

Fokus auf den Gesang
In mehreren Interviews hat Keeler zudem betont, mit einigen Alben und Liedern Archives aus den 2010er-Jahren nicht sonderlich glücklich zu sein. „Wir hatten unsere guten Momente, es war nicht alles schlecht, aber zu einem großen Teil haben wir ein bisschen die Linie der Band verloren. Richtig glücklich bin ich nur mit ,Axiom` aus 2014, ein sehr wichtiger Moment für die Band. Ansonsten haben wir uns zu sehr im Experimentieren und Herumlavieren verloren, es fehlte an Power und Durchsetzungskraft.“ „Glass Minds“ lebt nicht nur von der musikalischen Vielseitigkeit. Keeler hat den Stimmen besonders viel Raum gegeben. Neben dem etatmäßigen Frontmann Pollard Berrier (der vor gut 20 Jahren auch eine Zeit lang in Wien lebte und bei Bauchklang sang) und Lisa Mottram duellieren sich in den sphärischen Liedern zu Höchstleistungen. Dazu zeigt sich Rapper Jimmy Collins auf dem flotten Highlight „Heads Are Gonna Roll” (das vor allem live eine unglaubliche Wucht entfacht) von einer intensiven Wucht. „Poesie trifft auf Schönheit und Durchschlagskraft“, lacht Keeler erneut, „wir haben uns selbst überraschen wollen und das ist uns sehr gut gelungen.“

Trotz der gewohnt elektronischen Zugangsweise verwehren sich Archive bewusst gegen die künstliche Intelligenz, auch wenn Keeler sich nicht per se als Antagonist dieser Strömung sieht. „Wie alles im Leben muss man auch dieses Thema im richtigen Kontext sehen. Es ist zu befürchten, dass die KI zum Nachteil oder gar zur Auslöschung der Menschheit missbraucht wird, ich habe da eher die Science-Fiction-Vision von medizinischer Hilfe und vielfacher Erleichterung in meinem Kopf herumschwirren – auch wenn das wahrscheinlich relativ naiv ist.“ Archive selbst würden sich generell seit jeher in einer Art eigenen Blase befinden. „Wir haben immer das gemacht, was wir für richtig halten, und das hat sich in den letzten 30 Jahren nicht verändert, auch wenn sich sonst vielleicht alles verändert hat. Die Musik schützt uns vielleicht auch ein bisschen vor all den Dinge, die draußen in der Welt passieren. Ich bin aber niemand, der technische Errungenschaften oder Veränderungen ablehnt. Ich will all das aber verstehen und mir dann überlegen, ob ich es als sinnvoll empfinde oder nicht.“

Glaube an die Menschheit
Ohne das Internet hätte Archive aber auch nicht zu so einer Kultband erwachsen können. „Die Radios haben mit unseren Liedern nie viel anfangen können, wir müssen es unseren Konzerten und dem Internet verdanken, dass wir ein so tolles und zahlreiches Publikum gewinnen konnten.“ „Glass Minds“ bricht auch mit der gängigen Popmusikanalyse, dass man die Leute möglichst schnell fangen müsste. Fast jeder Song ergießt sich in Überlänge und weist ausladende Intros aus. „Das sind wir, das ist unser Ding. Ich weiß, dass die Welt zu einem ziemlich oberflächlichen Ort verkommen ist, aber ich habe noch immer den großen Glauben daran, dass sehr viel Tiefe in der Menschheit steckt. Zumindest komponieren wir offenbar für jene Leute, die diese Form von Tiefe schätzen können.“ Nicht zuletzt die jahrelang Kreativpartnerschaft mit Dan Griffiths sorgt dafür, dass Keeler immer noch voller Motivation steckt. „Wir sind ein Kollektiv, viel mehr noch eine Familie. Eine offene Umgebung, wo es immer erwünscht ist, dass jeder und jede seine Ideen einbringt.“

Live in Wien
Mit „Glass Minds“ im Gepäck sind Archive auf einer ersten Tour am 7. April in der Wiener Arena zu sehen. Unter www.oeticket.com gibt es noch Karten für das Konzerthighlight.

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