Zwei Kindheitsfreunde erfüllen sich alle Lebensträume und basteln zwischen Teneriffa und Wien an elektronischer Indie-Shoegaze-Hyperpop-Musik, die in Mexiko wie wild gefeiert wird. Nun veröffentlichen Emil Paiker und Louis Springer alias Peach Tinted ihr Album „White Honda Legend“ – und erzählen uns im Interview von ihrem aufregenden Leben.
Das Pferd von hinten aufzäumen – ein Spruch, der perfekt zum Duo Peach Tinted passt, weil sie ihre Karriere schon immer nach dieser Prämisse lebten. Die erste EP haben die beiden Freunde Emil Paiker und Louis Springer halblegal während der Corona-Pandemie aufgenommen. „Wir haben damals studiert und es gab nur Online-Vorlesungen. Louis kam am Nachmittag, was für mich quasi in der Früh war, zu mir, und wir haben an Songs gearbeitet. Ich habe dann bis zum nächsten Tag am Morgen bei mir im Studio an den Sounds weitergebastelt“, so Paiker im gemeinsamem „Krone“-Gespräch, „das war eine extrem intensive, aber auch wichtige Zeit für uns. Die meisten Bands starten mit kleinen Gigs und bauen sich eine lokale Fanbase auf. Da wir während der Pandemie nicht spielen konnten, schrieben wir Kuratoren, Musikblogs und andere Leute an und haben uns so ein internationales Publikum aufgebaut. Gleichzeitig hat uns in Österreich kein Mensch gekannt, weil wir hier nie was gemacht haben.“
Selbst ist die Band
Peach Tinted sind eine Mischung aus Indie, Grunge, Hyperpop, Dream Pop, Shoegaze und sommerlichen Gefühlen. Wie keine zweite Band schaffen sie es scheinbar mühelos, gleichermaßen ein Gefühl von Nostalgie wie zeitgemäße Soundstrukturen miteinander zu vermischen. Rein von den Streamingzahlen her kommt das besonders gut in Mexiko an. „Die Leute dort sind sehr passioniert, was Musik aus dieser Richtung angeht“, so Springer, „dazu haben wir beide von 2022 bis 2024 in Spanien gelebt und die Landessprache gut erlernt. Zudem können wir uns gut selbst organisieren und haben alle Zügel in unserer Hand. Das macht wohl die Mischung aus.“ Ihr vor kurzem veröffentlichtes Debütalbum nennt sich „White Honda Legend“ und ist neben dem etwas elektronischeren Album der Wiener Atzur schon das zweite in Wien gefertigte Werk in kurzer Zeit, das mit südländischen und sommerlichen Vibes auffährt und damit besonders gut in den internationalen Markt passt.
„Das Wetter und das Lebensgefühl in Spanien sind einfach ganz anders“, erklärt Paiker, „wir haben zwei Jahre lang auf Teneriffa gelebt. Dort ist alles viel lockerer und ungezwungener. Keiner kannte uns und wir konnten uns musikalisch und auch persönlich neu erfinden. In Wien gibt es doch immer Kreise, wo sich alle kennen und es wird dadurch automatisch schwieriger, sich auszuleben.“ Eine wichtige Prämisse war auch, dass neben dem guten Wetter auch das Leben auf den Kanaren leistbarer war. „Wir wohnten am Land, etwa 20 Minuten von der Stadt Santa Cruz entfernt, die etwa so groß wie Graz ist. Unser Haus hatte rund 25 Quadratmeter, wo wir das Studio eingebaut haben, dazu gab es eine Gartenhütte, in der Luis schlief. Ich schlief im Studio. Natürlich ist das sehr eng und herausfordernd, aber wir konnten Musik machen, wann und wie wir wollten. Das geht aber auch nur, wenn man sehr eng und intensiv miteinander befreundet ist.“
Dem Bauchgefühl vertrauen
Peach Tinted sehen sich als Außenseiter, die Musik für Außenseiter machen. Songtitel wie „Freak“, „Living Wrong“ oder „Wired“ gehen inhaltlich zum Teil in diese Richtung. Die Sensibilität der Musiker geht direkt in den Bandnamen ein, der Nostalgie, Motivation und das Nachvorneschauen miteinander verbindet. „Wir haben sehr viele warme Elemente in unserem Sound. Verzerrte Gitarren vermischen sich mit intensiven Drum-Computern und aus all dem soll ein bittersüßes Gefühl hervorgehen. Wir wollen Kontraste und nicht 100 Prozent einer bestimmten Emotion.“ Paiker und Springer denken nicht in Genres, sondern in Gefühlen. „Es hat technisch eine Weile gedauert, bis wir die Elemente so zusammenbauen konnten, wie wir es mögen. Der Sound verändert sich bei uns, weil wir oft neue technische Möglichkeiten entdecken. Aus dem Experimentieren entstehen Lieder. Wir sind sehr intuitive Menschen, die stark nach dem Bauchgefühl gehen – und wir werden uns am Ende immer einig.“
Anders als die meisten aus ihrer Generation ticken Peach Tinted auch, wenn es um Autos geht. Während bei der urbanen Generation Z der mobile Untersatz zum Todfeind auserkoren wird, erfüllten sich die beiden mit dem Kauf eines weißen Honda Legend in Spanien einen Lebenstraum, der schlussendlich zum Albumtitel führte. „Ich hatte auf Teneriffa einen kleinen VW Polo, der ein bisschen langweilig war“, lacht Springer, „dann habe ich im Netz plötzlich diesen weißen Honda mit V8-Motor gesehen und musste sofort zuschlagen.“ In Wien wird man ihn damit aber nicht herumfahren sehen. „Er ist aktuell am spanischen Festland. Hier würde er kein Pickerl mehr kriegen, in Spanien ist das alles ein bisschen lockerer.“ Für die beiden hat das Auto eine vielseitige Symbolik. „Es steht für Risikobereitschaft, für Aufbruchstimmung und für ein ganz bestimmtes Lebensgefühl. Ich habe als Kind auch viel ,Need For Speed‘ gespielt. Wir verwenden zudem Kameras aus den 80er-Jahren, um damit unsere Videos zu drehen. Wir suchen immer nach Risiko und Reibung. Daraus entsteht schlussendlich auch unsere Musik.“
Ein schwieriger Balanceakt
Dass die beiden Musiker, die seit ihrem zehnten Lebensjahr untrennbar miteinander verbunden sind, aktuell wieder in Wien leben, liegt an gesundheitlichen Problemen in Springers Familie. „Meinem Vater geht es nicht so gut und ich unterstütze ihn, wo ich kann. Das mache ich gerne, weil er auch immer für mich da war.“ Sollten sich die Probleme hoffentlich lösen lassen, steht einer weiteren Auslandsstation jedenfalls nichts im Wege. „Wir könnten uns beide gut vorstellen, wieder woanders hinzugehen. Absolut kein Problem.“ Die dichte Freundschaft mit dem starken Fokus auf das gemeinsame musikalische Schaffen lässt natürlich wenig Raum für partnerschaftliche Beziehungen. „Ein ewiger Balanceakt“, lachen die beiden, „wir sprechen sehr oft über dieses Thema und es ist auch ein Teil des Albums. Vielleicht ist das für uns sogar das schwierigste Rätsel, das es zu lösen gilt.“ Mit „White Honda Legend“ geht es jetzt live nach Mexiko und Paris - auf einen Österreich-Termin gilt es vorerst leider noch zu warten.
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