Hand aufs Herz: Könnten Sie noch ohne Smartphone leben? Wie geht Fasten 2.0? Welchen Verzicht hat unsere Gesellschaft bitter nötig? Und was würde ein kollektives Experiment punkto Digital-, Konsum- und Empörungsfasten bringen? Die bekannte Philosophin Lisz Hirn gibt Antworten.
Fast die Hälfte aller Österreicher möchte 2026 bewussten Verzicht in den Alltag integrieren. Die gängigste Praxis ist das Genussfasten zwischen Aschermittwoch und Ostern, um durch das Weglassen bestimmter Lebensmittel oder Mahlzeiten den Körper zu entgiften und Gewicht zu reduzieren. Auch Konsumfasten als Antwort auf Überfluss und die ausbeuterische Fast-Fashion-Industrie entwickelt sich zu einem wachsenden Trend. Statt Impulskäufe oder unbedachte Online-Bestellungen zu tätigen, kaufen viele nur noch das Nötigste, lassen Altes reparieren und nutzen Tauschbörsen und Second-Hand-Läden. Das trägt zu einem nachhaltigeren Umgang mit Ressourcen bei, entlastet das Haushaltsbudget und bringt einen obendrein aus einem Mangelgefühl in die Fülle, weil man wertschätzt, was man bereits besitzt.
Überlastetes Nervensystem
Die permanente Erreichbarkeit in unserer Dauerreiz-Gesellschaft stimuliert aber auch den Wunsch nach digitalem Fasten. Nicht umsonst versuchen immer mehr Menschen durch Verzicht von Smartphones sowie Social Media- und Gamingplattformen dem fortlaufenden Stress, Vergleichsdruck und Alarm-Modus zu entkommen und wieder mehr Ruhe und Klarheit im realen Leben zu gewinnen. Oft, weil es gar nicht mehr anders geht – Stichwort mentale Erschöpfung.
Aus diesem Grund steht bei Jung und Alt in zunehmendem Maß auch Soziales Fasten hoch im Kurs. Dabei werden negative Gespräche, Klatsch und Drama gezielt vermieden und Kontakte zu Menschen, die einem nicht guttun, reduziert oder gar beendet.
Selbstgenügsamkeit hat immer schon provoziert
„Fasten ist eben ein Akt der Freiheit. Schon antike Denker wie Sokrates oder Seneca übten freiwilligen Verzicht, um unabhängig von äußeren Dingen zu werden. Wer verzichten kann, wird nicht beherrscht“, sagt die bekannte Philosophin Lisz Hirn, die familiär bedingt einen engen Kontakt zum Burgenland hat und bei „Philosophischen Cafés“ inspiriert – so auch am 20. Mai im Kaplan am Kurpark in Bad Tatzmannsdorf.
Besonders in unserer Gesellschaft, die stark von Konsum, Status und „Likes“ geprägt ist, sei Fasten eine Form der Selbstermächtigung, weil es die eigene Aufmerksamkeit stabilisiert, Impulskontrolle stärkt, die emotionale Reaktivität senkt und die Integrität und Frustrationstoleranz erhöht – eine Fähigkeit, die in unserer Kultur, wo jedes Bedürfnis sofort befriedigt werden will, oft zu kurz kommt. Heilsam sei Verzicht auch, weil er uns auf die Frage zurückwirft: Was benötige ich tatsächlich für ein gutes Leben?
Fasten bedeutet nicht nur Verzicht, sondern auch Enzug. Jeder Entzug zeigt, wo Abhängigkeiten bestehen.
Philosophin Dr. Lisz Hirn
Weg mit künstlichen Bedürfnisse
„Diogenes von Sinope, der berühmteste Vertreter der kynischen Philosophenschule, provozierte mit seiner Bescheidenheit. Setzte er sie als Waffe gegenüber der begüterten Oberschicht ein? Oder war seine inszenierte Armut eine Form aktionistischer Gesellschaftskritik? In jedem Fall war er kein naiver Sozialromantiker, sondern der Auffassung, dass derjenige, der weniger Dinge bedarf, besser leben kann als der Rest“, sagt Hirn.
Deshalb lehnten die Kyniker unnötigen Besitz und sämtliche Konventionen ab: „Menschen, die sich künstlich Bedürfnisse schaffen, die sie dann mühsam befriedigen müssen, waren in ihren Augen völlig unvernünftig. Denn je mehr man braucht, desto mehr Unannehmlichkeiten und Kompromisse muss man in Kauf nehmen. Im schlimmsten Fall korrumpiert man sogar sich selbst“, so Hirn.
Wie wäre es einmal mit Empörungsfasten?
In Zeiten, wo jeder rechthaben will und alles kommentieren und verurteilen könne, empfiehlt die promovierte Geisteswissenschaftlerin auch „Empörungsfasten“. Statt sich kopflos an emotionalen Online-Debatten oder Shitstorms zu beteiligen und so unbewusst zu Spaltung und Radikalisierung beizutragen, könne jeder versuchen, Reaktionspausen einzulegen und Dinge erst zu verstehen, bevor man sie bewertet.
Zwar ändern sich Gesellschaften selten durch Einsicht allein. Oft passieren Paradigmenwechsel und große Verhaltensänderungen nur unter Druck nach globalen Krisen, wirtschaftlichen Schocks, ökologischen Kipppunkten oder gesellschaftlichen Erschütterungen – wie der Corona-Pandemie, als plötzlich Dinge möglich waren, die man zuvor für undenkbar hielt. Aber was würde geschehen, wenn wir alle punkto Digital-, Konsum- und Empörungsfasten ein freiwilliges kollektives 30-Tage-Experiment wagen? Wären wir zu diesem Verzicht überhaupt noch imstande? Oder würden sich vor lauter Langeweile, Entzugserscheinungen, Furcht vor Bedeutungsverlust und Angst, etwas zu verpassen, Unruhe und Widerstand in der Bevölkerung breit machen?
Erst kommt die Überforderung, dann das Aufatmen
„Ja, damit ist zu rechnen. Vor allem bei all jenen Menschen, die die Sinnleere und den entstehenden Freiraum mit etwas anderem füllen müssten“, so Hirn. Doch nach und nach würden alle merken, dass es ihnen besser geht. Dass weniger Reize mehr Tiefe ermöglichen, mehr Fokus, mehr Gespräche, ruhigeren Schlaf, weniger finanziellen Druck, ein besseres soziales Klima – kurzum: Gewinn statt Verlust. „Man könnte an Haltestellen, in Öffis und in Cafés wieder in Gesichter schauen, die nicht nach auf Bildschirme gerichtet sind und vielleicht sogar ein Lächeln zeigen“, ist Hirn überzeugt.
Und welche Auswirkungen hätte so ein Experiment auf unsere wachstumsgetriebene Ökonomie? „Die Wirtschaft würde es überleben, denn selbst Fasten lässt sich bekanntlich hervorragend verkaufen. Die Frage ist nur: Welche Art von Wirtschaft soll überleben?“
Solange der Leidensdruck der Mehrheit nicht groß genug ist und Verzicht von der breiten Masse als Rückschritt wahrgenommen wird, bleibt jedenfalls alles beim Alten. Doch der Trend zu Minimalismus und dem einfachen Leben zeigen: Der Wandel kommt – nicht als große Revolution, sondern als schleichende Kulturverschiebung.
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