Wie Müll zu Wärme wird

Auge in Auge mit dem größten „Lagerfeuer“ von Wien

Wien
05.02.2026 19:00

220 Wiener Müllwagen laden täglich ihre Fracht in der Verbrennungsanlage Spittelau ab, wo sie in Wärme und Strom für Zehntausende verwandelt wird. Das sei nicht viel anders als bei einem großen Lagerfeuer, bekommt man dort zu hören – allerdings einem sehr speziellen, geheime Stollen unter der ganzen Stadt inklusive.

Je weiter man Stockwerk um Stockwerk in der Müllverbrennungsanlage im ikonischen Hundertwasser-Design bis zum Müllbunker hinuntersteigt, desto intensiver wird der Geruch. „Nach Veilchen riecht’s selten da herinnen, aber wir sind ja auch keine Zuckerlfabrik“, meint Uli Ponweiser. Er sieht seit schon seit drei Jahrzehnten in der Spittelau nach dem Rechten und hat den einen Schlüssel in seiner Tasche, der auch sonst versperrte Bereiche öffnet.

„Hausmüll brennt am besten“
Ponweiser selbst bemerkt den Geruch höchstens noch im Sommer – die Temperaturunterschiede aber schon: „Wir haben hier täglich Kneipp-Kur“, sagt er, als es vom grauen kalten Wetter und den in einer Reihe aufgefädelten Müllwagen hinein in die Anlage geht: in den gewaltigen Müllbunker oberhalb des Brennkessels, wo die erzeugte Wärme bereits ein wenig spürbar wird und zwei Kräne mit jedem Griff 1,6 Tonnen Müll zum Ofen schieben.

Auf die richtige Mischung kommt es an, damit der Müll gut brennt.
Auf die richtige Mischung kommt es an, damit der Müll gut brennt.(Bild: Eva Manhart)

Die beiden Kranführer müssen nicht einfach nur die Öfen am Brennen halten: Sie stellen damit auch die Müllmischung zusammen, die sich am besten verheizen lässt. Ohnehin wird aber nicht beliebig Abfall verbrannt. Wie aus einer Speisekarte sucht sich die Spittelau aus dem Müll der Stadt die nützlichen Bestandteile heraus und bestellt sie bei der MA 48. So entsteht ein Brennwert, der mit Braunkohle zu vergleichen ist. „Hausmüll brennt am besten“, sagt Ponweiser – und verwehrt sich zugleich vehement gegen „Gerüchte, dass die Fernwärme gegen Recycling ist“, im Gegenteil.

Brenzlige Situationen durch Gefahrstoffe im Hausmüll
Früher habe sich vor allem der sommerliche Müll durch viel mehr Alu-Getränkedosen ohne Brennwert bemerkbar gemacht, nennt Ponweiser ein Beispiel dafür, wie Recycling der Müllverbrennung hilft. Noch wichtiger sei aber die korrekte Entsorgung von Gefahrstoffen, von Lithiumbatterien bis hin zu Gasflaschen. Zuletzt fiel deshalb einer von zwei Heizkesseln eine Woche lang aus. Abgesehen von Ausfalls- und Reparaturkosten dauert allein das Hochfahren eines Kessels mit fossilen Brennstoffen 30 Stunden.

Wer in der Spittelau arbeitet, sollte schwindelfrei sein. Durch den Gitterrost blickt man acht ...
Wer in der Spittelau arbeitet, sollte schwindelfrei sein. Durch den Gitterrost blickt man acht Stockwerke in die Tiefe.(Bild: Eva Manhart)
Farbcodes ziehen sich durch die ganze Anlage: Rot für Wärme, etwa bei der Dampftrommel, dem ...
Farbcodes ziehen sich durch die ganze Anlage: Rot für Wärme, etwa bei der Dampftrommel, dem Herzstück der Energieerzeugung(Bild: Eva Manhart)
Grün steht für die Wasseraufbereitung: Hier entsteht – nach der Stromgewinnung – die Fernwärme.
Grün steht für die Wasseraufbereitung: Hier entsteht – nach der Stromgewinnung – die Fernwärme.(Bild: Eva Manhart)
Der blaue Bereich ist der Luftreinigung gewidmet.
Der blaue Bereich ist der Luftreinigung gewidmet.(Bild: Eva Manhart)
Hier beginnt der Leitungsweg bis ins AKH und weiter quer durch die Stadt.
Hier beginnt der Leitungsweg bis ins AKH und weiter quer durch die Stadt.(Bild: Eva Manhart)

Nach 30 Stunden Befeuerung hat der elf mal sechs Meter große Kessel 850 Grad – genug, um fast jedes Material zu verbrennen oder zumindest zu schmelzen. Ständig rutscht dort auf einer schiefen Ebene neuer Müll dem Feuer entgegen. Das Bemerkenswerte: Die Fläche, auf der die Flammen lodern, ist pro Kessel kaum 20 Quadratmeter groß. Und doch reicht das, um so viel Wärme zu erzeugen, wie 76.000 Haushalte verbrauchen – und so viel Strom, wie 30.000 Haushalte verbrauchen.

Geheimes Wegenetz unter der ganzen Stadt
Nur ein Teil der Energie aus der Spittelau kommt bei Privaten an: Das liegt an der Spittelau selbst, die rund ein Fünftel des erzeugten Stroms gleich wieder verbraucht, und andererseits am AKH, das der Spittelau fast ein Drittel der produzierten Fernwärme abkauft. Als Großkunde mit einem Energiebedarf wie ganz Wiener Neustadt hängt das Spital am Primär-Versorgungsnetz der Fernwärme: ein 560 Kilometer langer Ring aus gewaltigen Leitungen, von dem 110 Kilometer begehbar sind. Dazu kommen Wien-weit noch einmal 740 Kilometer Fernwärmeleitungen zu einzelnen Versorgungsgebieten.

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Wenn man will, kann man von hier unter der Stadt bis zum Hauptbahnhof und zum Ring gehen.

Uli Ponweiser, Müllverbrennung Spittelau

Ein gutes Geschäft ist die direkte Verbindung zur Spittelau nicht nur für das AKH – über Details des Großkunden-Tarifs wird der Mantel des Schweigens gebreitet – , sondern auch für die Wiener Bevölkerung, denn übrig bleiben nach der Müllverbrennung in der Spittelau von 1000 Tonnen Müll nur 200 Kilo Schlacke (aus ihr werden am Rautenweg Wertstoffe rückgewonnen und der Rest entgiftet), 20 Kilo Asche und nur ein Kilo giftiger Filterkuchen. Deponiert wird der nicht in Österreich, sondern in stillgelegten deutschen Bergwerken.

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