Tote noch ohne Namen
Feuer-Hölle in Schweiz: „Kann überall passieren“
Nach der verheerenden Brandkatastrophe von Crans-Montana wird das ganze Ausmaß der Tragödie immer deutlicher. Mindestens 40 Menschen kamen bei dem Inferno in einer Bar in der Silvesternacht ums Leben – doch viele von ihnen sind noch immer nicht identifiziert. Die Behörden sprechen von einer Aufgabe, die äußerste Geduld verlangt, während Angehörige verzweifelt auf Gewissheit warten.
Die Leichen seien so stark verbrannt, dass die Identifizierung Tage dauern könne, teilten die Schweizer Behörden am Freitag mit. „Das erste Ziel ist es, allen Leichen Namen zuzuordnen“, sagte der Bürgermeister von Crans-Montana, Nicolas Feraud. Der Walliser Regierungspräsident Mathias Reynard erklärte, dass dafür Zahn- und DNA-Proben herangezogen würden. Man müsse sich „100-prozentig sicher“ sein, bevor Familien informiert werden.
Einige immer noch in Lebensgefahr
Neben den Todesopfern wurden bei dem Brand in der Bar „Le Constellation“ 115 Menschen verletzt, viele davon schwer. Einige befanden sich auch in der Nacht auf Freitag noch in Lebensgefahr. Besonders dramatisch ist die Lage jener Verletzten, die mit schwersten Verbrennungen in Spezialkliniken behandelt werden.
In der Universitätsklinik Lausanne wurden nach Angaben von Chefarzt Wassim Raffoul 13 Erwachsene und acht Minderjährige aufgenommen, deren Körperoberfläche zu mehr als 60 Prozent verbrannt ist. Dabei handle es sich um Verletzungen, deren Behandlung sehr lange dauern werde.
Nicht nur Brandwunden gefährlich
Zu den Verbrennungen kämen häufig weitere schwere Schäden hinzu, sagte Raffoul. Viele Patienten hätten Rauchgasvergiftungen erlitten, zudem Quetschungen oder Knochenbrüche durch das Gedränge. Auch giftige Dämpfe könnten eine Rolle gespielt haben, da beim Brand offenbar Kunststoffmaterial verbrannt sei. Bei Verbrennungen dieses Ausmaßes bestehe unter anderem die Gefahr eines Multiorganversagens – eine akute Lebensbedrohung.
Trauernder: „Das kann überall passieren“
Während Ärzte um das Leben der Verletzten kämpfen, trauert der Ort um die Opfer. Am Donnerstagabend versammelten sich Hunderte Menschen nahe dem Unglücksort, zündeten Kerzen an und legten Blumen nieder. „Man denkt, man ist hier sicher, aber das kann überall passieren“, sagte der 18-jährige Piermarco Pani, der die Bar gut kannte. Am Neujahrsabend nahmen rund 400 Gläubige an einer Messe in der Kirche von Crans-Montana teil, zelebriert vom Bischof von Sitten, Jean-Marie Lovey.
Der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin sprach von einer der schlimmsten Tragödien in der Geschichte des Landes. Die Flaggen am Parlament wurden für fünf Tage auf halbmast gesetzt.
Behörden sprechen von „Flashover“
Zur Brandursache laufen weiterhin Ermittlungen. Die Behörden gehen derzeit von einem Unfall aus, nicht von einem Anschlag. Die Walliser Kantonsregierung sprach von einem sogenannten „Flashover“ – einem Brandphänomen, bei dem sich ein Feuer durch extreme Hitze schlagartig im gesamten Raum ausbreitet.
Eine Brandschutzexpertin verglich das Geschehen mit einer Feuerwalze, die ohne Schutzkleidung kaum zu überleben sei. Die Generalstaatsanwältin des Kantons Wallis, Beatrice Pilloud, erklärte, die Hauptthese sei, dass der gesamte Raum Feuer gefangen habe und es zu einer Explosion gekommen sei.
Lärmschutzmaterial hat wohl Feuer gefangen
Noch offen ist, wie viele Menschen sich tatsächlich in der Bar befanden, ob die zugelassene Besucherzahl überschritten war und ob Notausgänge und Treppen den Vorschriften entsprachen. Auch die genaue Zündquelle ist unklar. Medienberichte und Videos aus sozialen Netzwerken deuten darauf hin, dass möglicherweise Lärmschutzmaterial an der Decke Feuer fing, als Gäste mit Wunderkerzen auf Champagnerflaschen hantierten. Pilloud kündigte an, sichergestellte Mobiltelefone auszuwerten.
Opfer auch aus Nachbarländern
Viele der Opfer sind jung. Laut der Direktorin des Universitätsspitals Lausanne sind die Patienten im Durchschnitt zwischen 16 und 26 Jahre alt. Eltern vermisster Jugendlicher suchten in sozialen Medien verzweifelt nach Informationen.
Zudem hat die Tragödie eine internationale Dimension: Italien meldete 16 vermisste Staatsbürger, rund ein Dutzend Italiener werden in Krankenhäusern behandelt. Frankreich spricht von acht Vermissten, ein Australier befindet sich unter den Verletzten. Österreicherinnen oder Österreicher waren nach Angaben des Außenministeriums in Wien nicht betroffen.
Österreich bot Hilfe bei Versorgung an
Mehrere Länder boten der Schweiz Hilfe an. Österreich erklärte sich bereit, zunächst fünf schwer verletzte Personen medizinisch zu übernehmen. Frankreich nahm Verletzte in Paris und Lyon auf, auch Italien, Schweden, Nordmazedonien und die Europäische Union sagten Unterstützung zu. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte, man stehe mit den Schweizer Behörden in Kontakt, um medizinische Hilfe über den EU-Katastrophenschutzmechanismus bereitzustellen.









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