Jubiläum Porgy&Bess

Die lange Tradition des Jazz in der Riemergasse

Kultur
27.12.2025 06:00
Porträt von Verena Kienast
Von Verena Kienast

Mit einem vielseitigen musikalischen Fest feiert das Porgy&Bess zum Jahresausklang erfolgreiche 25 Jahre am Standort in der Riemergasse 11 in der Wiener Innenstadt.

„Der schönste Platz ist auf der Bühne“, sagt Christoph Huber, künstlerischer Leiter des Jazzclubs über seine Arbeitsstätte in der Riemergasse 11 in der Wiener Innenstadt, weil man von hier aus die beste Sicht auf den schönen Raum und das Publikum habe. „Die Größe ist ideal, die Akustik und die Technik ebenso.“ Der Vorteil gegenüber dem ursprünglichen Standort des vor 33 Jahren gegründeten Clubs im ehemaligen Kabarett Fledermaus – ebenfalls in der Innenstadt: Das kulturell durchaus geschichtsträchtige Lokal ein paar Gassen weiter wurde von Grund auf umgebaut und nach den aktuellen Bedürfnissen gestaltet.

Ein manchmal mühsamer, aber letztlich lohnender Weg, dessen Ergebnis nun also seit einem Vierteljahrhundert ausgezeichnet funktioniert. Das wissen die Musiker, das Publikum und auch die Kritik zu schätzen und die britische Zeitung „The Guardian“ zählt das Porgy zu einem der zehn besten Jazzclubs Europas.

Drei Viertel des Gründungsquartetts des Porgy: Renald Deppe, Christoph Huber und Mathias Rüegg ...
Drei Viertel des Gründungsquartetts des Porgy: Renald Deppe, Christoph Huber und Mathias Rüegg (von links)(Bild: Porgy&Bess)

„Bis auf wenige Ausnahmen haben fast alle Jazzgrößen bei uns gespielt“, erzählt Huber. Saxophonist Branford Marsalis, Pianistin Carla Bley bis wenige Jahre vor ihrem Tod, Gitarrist John Scofield und Multiinstrumentalist John Zorn spielten hier und immer wieder Saxophonist Charles Lloyd. Auch Nigel Kennedy geigte mit seinem polnischen Quartett mehrmals auf. Um nur einige zu nennen. Und die einschlägige heimische und junge europäische Musikszene hat hier natürlich ebenfalls eine Heimstatt.

Das Lob der Musiker
Sie alle verbindet bzw. verband mit dem Porgy eine langjährige, oft auch freundschaftliche Beziehung, die auf dem in jeder Hinsicht respektvollen Umgang, aber auch auf der Atmosphäre des Raums beruht. „Das Porgy&Bess ist der beste Ort in Europa, um unsere Musik zu machen“, lobte beispielsweise Saxophonist Dave Liebman: „Der Klang, der Umgang mit den Musikern und mit dem Publikum sind immer ausgezeichnet.“

Dem Porgy freundschaftlich verbunden: Charles Lloyd
Dem Porgy freundschaftlich verbunden: Charles Lloyd(Bild: Wolfgang Gonaus)

Das „Geheimnis“ des Porgy: Die Musiker fühlen sich wohl und spielen gern hier, das spürt das Publikum, was wiederum auf die Musiker und den Club zurückwirkt. Es ist ein Ort der Begegnung und des Austauschs von Musikern für Musiker – und Musikliebhaber. Und im Publikum fand sich auch immer wieder ganz spontan musikalische Prominenz wie Rod Stewart oder Prince, der einen Tag vor seinem Konzert im Juni 2014 vorbeischaute.

Tradition zum Jahreswechsel
Einer der persönlichen Höhepunkte für den geistigen Vater und Teil des Gründungsquartetts des Porgy&Bess, den Schweizer Pianisten, Komponisten und Bandleader Mathias Rüegg waren die Sylvester- und Neujahrskonzerte seines Vienna Art Orchestra ab der Eröffnung in der Riemergasse bis 2008: Daran nahmen nicht nur internationale Gastmusiker teil, sondern das Programm mit dem Titel „All that Strauss“ bezog sich tatsächlich jeweils auf das berühmte Pendant der Wiener Philharmoniker im Musikverein. Seit 2011 bestreitet nun der Wiener Gitarrist Karl Ratzer mit seinem Ensemble den musikalischen Jahreswechsel. So lange er das möchte und kann.

Gewaltige Veränderungen: Vom Varieté und Pornokino zum hoch geschätzten Jazzclub.
Gewaltige Veränderungen: Vom Varieté und Pornokino zum hoch geschätzten Jazzclub.(Bild: Porgy&Bess)

„Alles, was man sich vorstellen kann, passiert“
In einem derart komplexen Betrieb, wie es ein Jazzclub mit täglichem Konzertbetrieb und hunderten individuellen Musiker- und anderen Persönlichkeiten darstellt, ist freilich auch mit Missgeschicken zu rechnen: „Alles, was man sich vorstellen kann, passiert auch“, stellt Christoph Huber erstaunlich entspannt fest. Freejazz-Legende Cecil Taylor etwa, der sich vor seinem geplanten Auftritt in Wien weigerte, in New York ins Flugzeug zu steigen, und stattdessen zwei Wochen später kommen wollte.

Oder der zwischen Deutschland und Wien abhanden gekommene Pianist Andy Bey, der für sein Solo-Konzert vor ausverkauftem Haus über einen Umweg über Klagenfurt um 22.00 Uhr auftauchte – und dann ein denkwürdiges Konzert spielte oder auch das britische Trio Azimuth, das wegen Überbuchung des Flugzeugs und beharrlicher Ignoranz der Fluglinie nicht nach Wien gelangte... Ganz abgesehen von haustechnischen Problemen, mit denen Christoph Huber und sein Team im allgemeinen ziemlich gelassen umgehen und gelernt haben, zu improvisieren.

Konzerte zum weltweiten Mithören
Ein glänzendes Beispiel für Improvisation und Kreativität stellte man gleich zu Beginn des Lockdowns in der Corona-Pandemie im April 2000 auf die Beine: Zweieinhalb Wochen nachdem alle Kulturinstitutionen für die Öffentlichkeit geschlossen wurden, wurde das Konzertleben in der Riemergasse 11 wieder aufgenommen – ohne Publikum aber dank technischer Expertise von IT-Mann Friedemann Derschmidt, der auch das Medienlabor in der Akademie der bildenden Künste leitet, frei zugänglich gestreamt über das Internet. Nach dem Prinzip „Pay as You wish“ und die Menschen waren zu dieser Zeit durchaus großzügig.

Schon 1943 wurde im Kellerlokal in der Riemergasse 11 Jazz gespielt – von Franzosen.
Schon 1943 wurde im Kellerlokal in der Riemergasse 11 Jazz gespielt – von Franzosen.(Bild: Porgy&Bess)

Zunächst traten nun heimische Musiker in kleinen Formationen auf, dann auch internationale Musiker, die in der Ausnahmesituation in Wien oder nicht allzu weit davon gestrandet waren. Es galt: „Wer nach Wien kommt, soll spielen.“ Und ein faires Honorar erhalten. Das Streaming-Angebot hat die internationale Sichtbarkeit des Clubs deutlich erhöht und wurde beibehalten. Mittlerweile verfügt das Porgy über ein Archiv mit 1800 Mitschnitten und eine Mediathek mit Abo-Modell ist geplant.

Die Kreativität in der Programmgestaltung reicht von Portraits und Länderschwerpunkten über die Stagebands, die immer eine ganze Saison lang einmal im Monat auftreten, bis zur Carte blanche, wobei ein ausgewählter Musiker oder eine Musikerin nach Belieben musikalische Freunde einladen kann.

Seit Jahrzehnten ein beliebter Musikklub – das Porgy&Bess
Seit Jahrzehnten ein beliebter Musikklub – das Porgy&Bess(Bild: APA/HERBERT P. OCZERET)

Und weil sich das Porgy nicht nur als Jazzclub, sondern auch als Austragungsort für angrenzende Musikgebiete und durchaus experimentelle Formate versteht, ist der Bogen des Angebots weit gespannt. Das Publikum vertraut der Auswahl. Das zeigt sich nicht zuletzt in der ausgezeichneten Resonanz auf die Member Card, die das ganze Jahr lang den unbegrenzten Besuch erlaubt, und die ein Grundbudget sichergestellt. Wie sich das Porgy tatsächlich zu großen Teilen eigenfinanziert.

Schon lange ein guter Ort der Kultur
Die kulturelle Geschichte im Haus Riemergasse 11 beginnt schon Mitte des 19. Jahrhunderts mit einer Kleinkunstbühne der Schauspielerin Helene Odilon, der Frau von Alexander Girardi. Kabarett Varieté und schließlich ein erotisches Kino, das als Rondell „Raucherkino“ bekannt wurde, folgten.

Jazz wurde im Kellerlokal bereits ab 1942 gespielt, von einer französischen Swingband, die aus Frankreich zur Zwangsarbeit nach Wien gebracht worden war und die nebenbei weiter musikalisch auftrat. Geduldet von den Nationalsozialisten. Nach dem Krieg spielten hier unter anderem auch Friedrich Gulda, der im Haus gegenüber wohnte, und Joe Zawinul.

Der erotisch-pornografische Kinobetrieb wurde 1991 eingestellt. Nach einigen Jahren Stillstand scheiterte zunächst der Plan, das Lokal für die freie Theaterszene zu adaptieren und es wurde schließlich 1998 dem Porgy&Bess zugesprochen. Denn der Club war nach fünf Jahren im Cabaret Fledermaus erneut auf Herbergssuche.

So schön und so groß
So nahm der aus den vier Gründungsmitgliedern Mathias Rüegg, Renald Deppe, Gabriele Matic und Christoph Huber bestehende Verein das doch beträchtliche finanzielle Risiko auf sich, die Räumlichkeiten zu sanieren und zu adaptieren. Mit Geschick und Glück konnten sowohl die öffentliche Hand als auch private Sponsoren gewonnen werden und die Bank für den nötigen Kredit überzeugt. Und so wurde ein flexibler Raum gestaltet, der 350 Besuchern Platz bietet und Musiker und Publikum anhaltend begeistert. Den Vorteil des neuen Porgy bringt Christoph Huber auf den Punkt: „Es ist schön und groß.“

Zum Jubiläum hat Christoph Huber 25 Musiker und Musikerinnen eingeladen, die dem Porgy&Bess in irgendeiner Weise verbunden sind, und sich von jedem einen eigenen zehnminütigen Beitrag zum Fest gewünscht. So werden bei der Präsentation am 28. Dezember ab 19.30 Uhr unter dem Titel „Rondo à la Rondell“ unter anderen Mathias Rüegg, Lorenz Raab, Christoph Cech, Doretta Carter und Harry Sokal mit musikalischen Freunden ihr Geschenk überreichen und das Ergebnis der erfolgreichen Herbergssuche des vergangenen Jahrhunderts feiern.

www.porgy.at

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