Die „Wilde Wanda“

Auf den Spuren von Wiens einziger Zuhälterin

Literatur
17.12.2025 18:00

Die lesbische Zuhälterin Wanda Kuchwalek (1947-2004) und Wiens Unterwelt sind die Protagonisten im neuen Buch von Clemens Marschall. Der Autor zeichnet ein Leben der Extreme nach – und befördert dabei Erstaunliches zutage.

kmm

Sie war gefürchtet und verehrt, brutal und verletzlich, in Wien zu Hause und wohl doch nirgends daheim: Auf einem Streifzug durch Wien hat sich Autor Clemens Marschall wie auf einer elliptischen Bahn dem Leben der Wanda Kuchwalek, genannt „Wilde Wanda“, genähert. Wie nebenbei erzählt er dabei auch von einem ganz anderen Wesen: von Wien, im Untergang begriffen.

Manche behaupten, Wien würde immer gerade untergehen – mag sein. Doch Marschall hat sich spezialisiert: Auf Randzonen, die von den meisten gerne gemieden werden. Auf Cafés, in die man lieber nicht den Fuß setzt. Auf Typen, die man besser nicht blöd anspricht, und auf Berufe, die keinen Uniabschluss voraussetzen, sondern Durchsetzungsvermögen.

In dieser Wiener Unterwelt, in der einst Orson Welles als „Dritter Mann“ im Prater über die friedliebende Schweiz lästerte, wurde Wanda Kuchwalek groß. Der Prater war damals für viele ein Unort, allzu viel Illegales spielte sich dort ab. Für Kuchwalek wurde der Prater prägend. So suchte sie einst in der Hauptallee nach ihrer Liebsten, die dort auf den Strich ging. Mit dabei hatte Wanda ein paar Rasierklingen – welches Problem damit aus der Welt geschafft werden sollte, soll hier nicht verraten werden ...

Autor Clemens Marschall: nachlesen im Archiv, zuhören im Beisl
Autor Clemens Marschall: nachlesen im Archiv, zuhören im Beisl(Bild: Jana Madzigon)

Clemens Marschall hat über Jahre geforscht und gesucht, gelesen und zugehört, leere Kilometer gespult, manchmal vielleicht auch ein wenig Glück gehabt und lässt seine Leserschaft unmittelbar an den Dramen in Wandas Leben teilhaben. An ihrer familiär-prekären Ausgangssituation, an Stationen in Folteranstalten – Kinderheimen –, am Bau ihrer kriminellen Karriere, an verführten Gefängnisaufseherinnen, am medialen Hochjubeln, steten Balancieren von Sehnsucht und Selbstzerstörung – und an Wandas Ende.

Patina statt Pathos
Die beschattete Seite Wiens, das Halbseidene, Abseitige, mitunter Schmuddelige und längst Vergangene lässt Marschall auf knapp 200 Seiten auferstehen – nicht wie eine Filmkulisse, vor deren Umrissen Wandas Leben nachgezeichnet wird. Viel eher wird die Stadt Wien selbst zur Protagonistin in Marschalls Erzählung. Dabei zieht er eine scharfe Linie, die die Lektüre besonders reizvoll macht: Patina statt Pathos, Entrümpelung in der Legendenkammer statt rührselige Verklärung, eine Dosis Abkühlung in den medial gern aufgebauschten Erzählungen über Gauner, Strizzis und Vorstadtcasanovas.

Letztere bekommen insgesamt wohltuend wenig Bühne, steht doch Wiens erste und einzige Zuhälterin im Rampenlicht. Für feministische Heldinneninszenierungen eignet sich Wanda Kuchwalek, die sich offen als Lesbe bekannte, als das noch mit Kerker bestraft werden konnte, aber nicht. Trotz ihres rebellischen Anrennens gegen Konventionen und dem noch immer vernehmbaren Echo auf ihre urbane Ikonenhaftigkeit. Kuchwalek kämpfte nicht für eine Sache, Solidarisierung war nicht ihr Metier.

„Wilde Wanda“. Brandstätter Verlag, 206 Seiten, 25,95 Euro
„Wilde Wanda“. Brandstätter Verlag, 206 Seiten, 25,95 Euro(Bild: Brandstätter Verlag)

Der Autor baut nicht am Mythos Wanda, der über viele Jahre im Boulevard für sensationelle Schlagzeilen sorgte, weiter, er demontiert diesen aber auch nicht. Stattdessen bietet er an, ihn auf seiner fast 20 Jahre währenden Gespensterjagd zu begleiten und die teils haarsträubenden Begebenheiten in Wandas Werdegang mitzuerleben. Marschall schreibt, als würde er die Geschichte der trinkenden, prügelnden und alles dominierenden Wanda, die mit Medien gleichermaßen spielte wie mit Karten, einem Freund erzählen – fasziniert, neugierig, selbst fast ein wenig ungläubig, dass so viele tragische wie irrwitzige Details in einem Leben Platz finden können.

Zwischen Jukebox und Bar
Wer dieses Buch liest und nächstens durch Wien streift, wirft vielleicht einmal einen genaueren Blick auf jene Beisln und Cafés, die man sonst ganz gerne übersieht. Wer weiß, was sich dort zwischen Jukebox und Bar abspielt Nacht für Nacht. Stolz ist Marschall übrigens darauf, seit der Veröffentlichung „noch von niemandem Watschn“ bekommen zu haben. Gemeint sind damit aber nicht die Rezensenten seines Buchs, sondern dessen Protagonisten.

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