Seit seinem Chart-Erfolg „Magisch“ mit Edin (2018) kennt man Olexesh nicht nur als Straßenrapper, sondern auch als Künstler mit Mainstream-Potenzial. Der gebürtige Ukrainer bleibt zwar dem rauen Sound seiner Kranichstein-Wurzeln treu, doch mit seinem neuen Werk „Beluga“ schlägt er wieder hörbar kommerziellere Töne an.
Es gibt Rapper, die erzählen ihre Geschichte. Und es gibt Rapper wie Olexesh (Oleksij Kossarew), die eine ganze Welt erschaffen – eine Welt aus Kranichstein, Motorengeräuschen und einem Akzent, der seit mehr als zehn Jahren zum festen Sound des Frankfurter Labels 385i gehört. Die Rapper Celo & Abdi holten ihn damals ins Team und legten damit den Grundstein für eine Karriere, die weit über Musik hinausgeht. Heute ist Olexesh nicht nur Rapper, sondern auch Schauspieler: In der Netflix-Serie „Skylines“ stand er mit Nimo vor der Kamera, in Felix Lobrechts Film „Sonne und Beton“ übernahm er ebenfalls eine Rolle. Diese Vielseitigkeit prägt auch sein neues Album „Beluga“, das selbstbewusst zwischen Streetrap, Experiment und kommerziellem Feinschliff pendelt.
Schon im Intro macht er klar, was seine Haltung ist: Er ist ein Veteran, jemand, der ein Jahrzehnt im Business war und immer noch mit derselben Wucht rappt wie am ersten Tag. Diese Härte zieht sich wie ein Faden durch das Album, auch wenn Olexesh diesmal deutlich offener für melodische, massentaugliche Momente ist. Stücke wie „Brennpunkt“ mit Nimo oder „Parkplatz“ zeigen ihn in einer glatt produzierten, fast schon funkigen Soundwelt – ein Stil, den man in den letzten Jahren eher mit Apache 207 assoziiert. Dass er nach Jahren wieder mit Nimo auf einem Track auftaucht, fühlt sich fast nostalgisch an, besonders weil die beiden zuletzt 2019 musikalisch zusammengefunden hatten.
Ein bisschen Kommerz schadet nicht
Trotz der kommerziellen Elemente bleibt der Kern von „Beluga“ rau. Immer wieder bricht der alte Olexesh durch: düstere Bässe, schnelle Flows und Straßenbilder, die so präzise wirken, als wären sie direkt aus Kranichstein heraus fotografiert. Tracks wie „Ich und mein RS“ oder der Titeltrack „Beluga“ mit Celo & Abdi holen genau diesen Vibe zurück – kompromisslos und ohne radiofreundliche Rundungen. Hier zeigt sich seine größte Stärke: das Dokumentieren und Erzählen dieser Welt.
Zwischendurch erlaubt er sich Ausflüge in neue Richtungen. Mit Amo, Edin oder Benjie entstehen Tracks, die Pop, Autotune und Nostalgie miteinander vermischen. Besonders „Anders“ mit Edin – die lang erwartete Reunion nach dem Mega-Hit „Magisch“ - zeigt, dass Olexesh sehr wohl weiß, wie man moderne, eingängige Hooks baut, auch wenn der Zauber von 2018 diesmal nicht ganz reproduziert wird. Aber trotzdem, es ist schön zu sehen, dass die beiden auf einem Track wieder drauf sind: Denn mit Edin hatte er den einzigen kommerziellen Nummer-eins-Hit damals und nur dadurch wurde Olexesh noch bekannter.
Hommage an Seed
Beim Song „Ganja“ sticht sofort das legendäre Sample aus Seeeds gleichnamigem Hit hervor – ein klarer Rückgriff auf die 2000er und eine Hommage, die jeder sofort erkennt, egal ob jung oder alt. Der Song ist ziemlich clever gewählt und perfekt in den modernen Sound eingebettet worden.
Auffällig ist außerdem, wie nah Olexesh in mehreren Songs an persönliche Themen herangeht. Immer wieder tauchen Beziehungen, Loyalität und Identität auf – mal direkt, mal zwischen den Zeilen. Er wechselt dabei von zarten Lovesong-Andeutungen (Break My Heart) zu vulgärem Schlagabtausch wie in „Pusi Kurac“, wo er gemeinsam mit Rapper Zined in einen dialogartigen Austausch geht. Genau dieser Mix macht einen Teil des Albums so spannend: Olexesh zeigt sich mal hart, mal verletzlich, mal OG, mal jemand, der offensichtlich noch immer zwischen Gefühl und Fassade pendelt. Der Titeltrack „Beluga“ schwankt dadurch ständig zwischen Intimität und Aggression, zwischen altbekanntem Straßenimage und dem Wunsch, neue Facetten zu öffnen. Man merkt, dass er sich nicht mehr nur auf eine Version von sich selbst beschränkt – sondern verschiedene Seiten zulässt, auch wenn diese sich manchmal widersprechen.
Fazit: „Beluga“ zeigt einen Olexesh, der genau weiß, woher er kommt – und trotzdem Lust hat, sich neu zu erfinden. Er wechselt mühelos zwischen hartem Frankfurter Straßenrap und modernen, poppigen Produktionen. Manche Stellen klingen bewusst kommerzieller, andere liefern die rohe Energie, für die man ihn seit Jahren schätzt.
Unterm Strich beweist der heute 37-Jährige vor allem eines: Fleiß, Wandelbarkeit und die Fähigkeit, auch nach mehr als einem Jahrzehnt im Game noch genauso hungrig zu klingen wie am Anfang. Wenn „Beluga“ etwas bestätigt, dann genau das: Olexesh bleibt ein Arbeiter – nur diesmal im grauen Gucci-Beluga-Anzug.

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.