Band im Gespräch

Xiu Xiu: Ein musikalischer David-Lynch-Fiebertraum

Musik
16.11.2025 06:00

Mit seiner Band Xiu Xiu kanalisiert Jamie Stewart seit mehr als zwei Dekaden schwere Geschichten und negative Emotionen in Songs. Heute Abend (16. November) kommt er mit einer David-Lynch-Spezialshow in die Wiener Szene. Der „Krone“ gab er vorab Einblick in sein schweres Seelenleben.

kmm

Kommen wir zuerst zur Gegenwart – Anfang des Jahres verstarb die Regie-Legende David Lynch, was die halbe Kunst- und Kulturszene auf diesem Globus aus den Angeln warf. Unter anderem auch Xiu Xiu-Mastermind Jamie Stewart, selbst schon ein Leben lang Freund des Düsteren und Sinistren. Mit dem höchstpersönlichen Segen des Verstorbenen durfte der amerikanische Klangtüftler 2016 das Album „Plays The Music Of Twin Peaks“ veröffentlichen und damit auf Tour gehen. Nur zwei Jahre später legte Stewart das Projekt ad acta – zu groß waren Respekt, Liebe und Ehrfurcht gegenüber der Kultserie aus den frühen 90er-Jahren. Nach Lynchs Tod häuften sich beim äußerst umtriebigen Stewart wiederum die Anfragen, dem Großmeister des Mystischen Tribut zu zollen, was nun zum ambitionierten neuen Projekt führte. Xiu Xiu nehmen sich auf der aktuellen Tour des Lynch-Kultfilms „Eraserhead“ an. Es ist ein Live-Konzept mit begleitendem Film, bei dem Feldaufnahmen, konzertspezifische, selbstgebaute Instrumente, Orgel, modulare Synthesizer, Gesang, Blitzlicht, elektrische Interferenzen und Elemente der „Musique Concrete“ zum Einsatz kommen.

Ein beständiges Team
Stewart selbst ist ein Kind der New-Wave-Ästhetik der 80er-Jahre. Joy Division, Bauhaus oder Siouxsee & The Banshees gehören zu seinen Säulenheiligen, 2002 rief er das nach einem chinesischen Film des Realismus benannte Projekt ins Leben und beackerte seitdem unzählige Felder der artifiziellen Musikkunst. Neben unzähligen Projekt- und Teilzeit-Musikern steht ihm seit 2009 Angela Seo treu zur Seite, die er auch als beste Freundin sieht und die Xiu Xiu seither einen etwas geordneteren Charakter verlieh. Seit 2002 ist der mittlerweile 70-jährige Schlagzeuger David Kendrick mit an Bord, der einst bei den Kultbands Devo und Sparks trommelte und dessen eigener musikalischer Wahnsinn ganz gut zur schrägen Kreativwelt Stewarts passt. Zwei Alben hat man bislang in dieser kompakt wirkenden Triobesetzung aufgenommen, was für die Mitglieder selbst als auch die Band an sich eine Art Frischzellenkur bedeutet. Insofern darf man sich auch auf den „Eraserhead“-Abend freuen, denn Spielfreude und Motivation sind ausgeprägt vorhanden.

Als einzige Konstante steht bei Xiu Xiu die Veränderung, wie Stewart im Gespräch mit der „Krone“ bestätigt. „Ich habe zuletzt oft mit orchestralen Elementen gearbeitet, was mir irrsinnigen Spaß bereitete. Leider fehlen mir gänzlich die finanziellen Mittel, um das in einem Livekorsett rüberbringen zu können, aber Träume sind da, um verfolgt zu werden.“ Xiu Xius Musik ist eine Anordnung von unterschiedlichen Klangschichten, verschiedenen Instrumenten und atmosphärischen Stimmungen. Die Individuen selbst sind stets im Hintergrund des Sounds, der mal sanft wabert und dann wieder aggressiv fordert – aber stets das Konzentrationslevel herausfordert, weil Monotonie und Repetition keine Parameter in Stewarts Kreativkosmos darstellen. „Es muss immer einen Unterschied geben, sonst wird es langweilig.“ So versucht sich der dezidierte Asien-Fan oft gerne an den Tonleitern der östlichen Hemisphäre. „Damit erschafft man einen völlig anderen Sound. Es ist also an sich schon eine Form von Innovation.“

Zusammenspiel wichtiger als Fähigkeiten
Die Kollaboration mit vielen anderen Musikern hat freilich auch die Farbe der Band öfters verändert. „Ich liebe es, mit anderen Musikern zu arbeiten“, erklärt Stewart fast schon euphorisch, „je mehr leidenschaftliche Künstler an einem Projekt beteiligt sind, umso besser. Ich bin offen für andere Ideen, ansonsten hätte eine Zusammenarbeit gar keinen Sinn. Angela und ich haben eine ganz besondere Chemie zueinander, David kenne ich schon, seit ich ein Teenager bin. Wir verloren uns aus den Augen und haben uns vor einiger Zeit wiedergefunden.“ Für Stewart stehen die musikalischen Fähigkeiten der einzelnen Personen dabei gar nicht im Mittelpunkt. „Noch viel wichtiger ist das gegenseitige Vertrauen. Du kannst ein noch so guter Musiker sein, wenn das Zusammenspiel nicht rund läuft oder man sich nicht aufeinander abstimmen kann, macht das gar keinen Sinn. Bei Angela und David habe ich das Glück, dass sie fantastische Musiker und großartige Menschen sind. Das ist unbezahlbar und habe ich in der Form auch noch nicht erlebt.“

Xiu Xiu ist aber nicht nur ein Ventil, um den großen Künstlern einer dunkleren Ära zu huldigen, sondern eine zutiefst emotionale Angelegenheit, in der sich Stewart zuweilen so nackt macht wie wenig andere. Wer seiner Diskografie folgt und sich in die einzelnen Songs fallen lässt, der wird mit einer fast schon radikalen Form der Selbsttherapie konfrontiert, die bei aufmerksamem Zuhören selbst ordentlich an die Nieren gehen kann. „Die Band ist in gewisser Weise eine Form der persönlichen Traumabewältigung“, gibt Stewart zu, „es ist eine Art Vermischung von real erlebten Traumata und imaginären Bildern, die ich in Lieder gieße. Die Flucht ins Fiktionale und Musikalische hilft mir, mit den realen Schattenseiten besser klarzukommen. Ich wüsste gar nicht, wie ich ohne die Musik mit der Welt umgehen könnte.“ Die Lieder gehen beim Künstler zuweilen so tief, dass er manche Lieder aus seiner mehr als 20-jährigen Karriere gar nicht mehr spielen will. „Lieder und ihre Bedeutungen ändern sich und wachsen sich mit steigendem Alter aus. Manchmal ist es mir aber zu intensiv. Dann muss ich bewusst Abstand davon nehmen.“

Umgang mit dem Negativen
Wiewohl Stewart Gründer, Kopf und Komponist der Band ist, gelten die geschriebenen Songs natürlich für alle – innerhalb und außerhalb der Combo. „Ich bin sicher so etwas wie eine verrückte Person, wenn man mich mit der Norm im Alltag vergleicht. Die Musik gibt mir die Möglichkeit, meine negativen Gefühle und Unsicherheiten auf einem nicht schädlichen Weg zu vermitteln. Das Negative verlässt einen nicht, aber wenn man die richtigen Strategien gefunden hat, kann man besser damit umgehen. Im besten Fall gibt es Menschen, die meine Musik hören, gut für sich interpretieren können und darin etwas finden, das auch ihnen hilft – so wie sie mir hilft.“ Vor acht, neun Jahren hat Stewart für kurze Zeit auch einmal den Zugang zur Musik verloren. „Meine Mum hat mir sehr geholfen, weil sie sagte, sie würde mich nirgendwo sonst so glücklich sehen wie in der Musik. Daran habe ich oft gedacht und dann kamen auch die Ideen wieder zurück.“

Live in Wien
Wer keine Scheu vor offener und ehrlicher Herbst-Melancholie mit einer gehörigen Portion David-Lynch-Fanboytum hat, der sollte Xiu Xiu heute Abend (16. November) in der Wiener Szene besuchen. Unter www.oeticket.com und an der Abendkassa sollte es noch ein paar Tickets geben.

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