Wenig überzeugend: Henrik Ibsens „Die Frau vom Meere“ wurde zur Uraufführung am Donnerstag in der Neufassung von Moritz Franz Beichl im Klagenfurter Stadttheater nur höflich beklatscht. Was dem queeren Wiener Regisseur und Autor 2023 mit Shakespeares „Sturm“-Adaption gelang, geht diesmal nicht auf!
Das Meer in seiner unzähmbaren Urkraft ist ihr unauslöschlich in die Seele geronnen. Und doch ist die Tochter des Leuchtturmwärters gestrandet in der Enge eines bürgerlichen Lebens, dem sie nicht zugehört, zermürbt vom Hunger nach Freiheit und der Sehnsucht nach einem anderen Mann, dem sie sich verpflichtet fühlt.
Im Netz von vorgeschriebenen Zwängen sind Ibsens Charaktere auch hier verstrickt, in einem schattenhaften Leben gefangen, das sich kaum über Taten definiert, sondern fast ausschließlich über Gedanken, Stimmungen und Verstimmungen. Doch irgendwann holt das Verdrängte aus der Vergangenheit auch „Die Frau vom Meere“ ein, um ihr Anderssein begreiflich zu machen und aus dem tradierten Frauenbild der Zeit zu lösen.
Zur Uraufführung seiner flapsigen Neufassung am Donnerstag hebt der queere Wiener Regisseur das knapp 140 Jahre alte, analytische Drama des norwegischen Schriftstellers mit überzogener Komik und live gesungener Pop-Balladen-Romantik (Nico-Alexander Wilhelm) nicht ins Heute, sondern in Monika Rovans reduzierten Bühnenraum.
Hier ist von des Meeres magischer Anziehungskraft ebenso wenig zu spüren wie die Simulation von Wirklichkeit durch Sprache, die bei Ibsen existenziell ist. Entsprechend zweidimensional kommt diese höflich beklatschte Klagenfurter Meerfrau daher, der „Ellida“ Doris Hindinger melancholische Ergebenheit einschreibt. Das ganze innere Drama, die Zweifel, das Aufbegehren, Ohnmacht wie Selbstaufgabe dieser nach Selbstbestimmung lechzenden Frau versanden in lauer Starre, und selbst der finale Akt der „Befreiung“ wirkt aufgesetzt schulmeisterlich.
Mehr emanzipatorische Tiefe verkörpert Josephine Bloéb als wissbegierige Bolette, „Wangel“ Dominik Warta ist Ellidas hilflos liebender Ehemann ohne Ecken und Kanten, Christian Erdt die Karikatur eines lungenkranken Möchtegern-Künstlers mit fragwürdigem Frauenbild, Bettina Schwarz laute „Powerfrau“, Axel Sichrovsky ein feinnerviger Hauslehrer auf Freiersfüßen, der noch am ehesten Ibsens Polyphonie zu tragen vermag.
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