Eine Wohngemeinschaft ohne Streit über weggenaschte Lebensmittel und darüber, wer welche Hausarbeiten zu erledigen hat? Ja, das geht: mit der nötigen Reife. Wir waren in einer Senioren-Wohngemeinschaft in Wien zu Gast – einem Modell für das Leben im Alter, das laut Experten Zukunft hat.
Aus dem Radio rockt Bruce Springsteen laut „Born in the U.S.A.“, Elena hat Kaffee für alle gemacht, Werner bringt den Müll raus und geht dann mit mehreren Einkaufslisten gleich weiter zum Supermarkt – typische WG-Szenen. Nur dass in dieser Wohngemeinschaft in Wien-Floridsdorf niemand jünger als 60 Jahre alt ist.
„Das sind die besten Jahre meines Lebens“
Elena, Werner und drei weitere Herren sind die Bewohner der Senioren-WG der Volkshilfe, zwei Plätze sind derzeit frei. Wie ungewöhnlich diese Wohnform für Senioren ist, spielt für sie keine Rolle. Die Frage nach der Umgewöhnung – nach Jahrzehnten allein in 43 Quadratmeter Altbau in Wien-Favoriten – beantwortet Frau Elena damit, dass sie drei Nächte schlecht geschlafen habe, weil das neue Bett noch ungewohnt gewesen sei. Das war vor zehn Jahren, nachdem sie in der „Krone“ über die damals neue Senioren-WG gelesen hatte.
Die Neubauten hätten ihr gefallen, die Nähe zum Schwimmbad als begeisterter Schwimmerin auch, erzählt Frau Elena. Außerdem habe sie sich immer öfter gefragt: „Und was, wenn ich hinflieg’? Es findet mich ja niemand.“ Die letzten zehn Jahre seien die bisher besten ihres Lebens, meint sie bestimmt. Einmal habe es zwar „einen herrischen Deutschen“ als Mitbewohner gegeben, aber der sei ohnehin nicht lange geblieben.
Ja, Wohngemeinschaften für Senioren sind noch selten. Wir glauben: Das wird sich mit der Generation Babyboomer ändern.

Silvia Zechmeister, Volkshilfe, Leitung Wohnbetreuung
Bild: Reinhard Holl
Sorgen und Ängste, die mit dem Alleinsein zu tun haben, sind für die meisten Bewohner der Grund für den Einzug in der WG, bestätigt Silvia Zechmeister, bei der Volkshilfe für teilbetreute Wohnformen zuständig. Das war auch bei Herrn Werner so. Er verlor seine Partnerin durch einen tödlichen Unfall. Wie seine Mitbewohner hat er in der WG Eigenständigkeit ohne Einsamkeit gesucht und gefunden.
Selbstständiger und aktiver durch WG-Leben
Alle lassen einander hier den nötigen Freiraum. Manche sind befreundet, andere einfach höflich zueinander. Nur wenn jemand nach einer Stunde noch nicht frühstücken gekommen ist, wird an die Zimmertüre geklopft, sonst nie. Aus Zechmeisters Sicht sind die WGs für alle ein Gewinn: Bewohner bekommen dort Unterstützung, wo sie sie brauchen, wenn sie sich nicht ohnehin gegenseitig helfen. Damit bleiben auch sie aktiver und länger selbstständig als wenn sie allein oder rundum betreut wären.
Jeder erledigt die Aufgaben im Haushalt, die einem liegen. Für Dinge, die allen zu schwer fallen, gibt es Besuch eines Haustechnikers und Frau Angelika: Sie sieht nach dem Rechten, organisiert gemeinsame Aktivitäten und hilft bei Problemen, etwa mit Formularen und Bankwegen. Sogar das älteste aller WG-Probleme – wo sind meine Vorräte im Kühlschrank hinverschwunden? – haben die Senioren gelöst und teilen dieses Geheimwissen gern mit den Jungen: Jeder hat sein eigenes beschriftetes Fach.
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