WHO-Europa:

„Omikron wird sich nicht zu 100% aufhalten lassen“

Wissenschaft
01.12.2021 07:31

Der künftige WHO-Notfallskoordinator für Europa, Gerald Rockenschaub, geht nicht davon aus, dass sich der Kontinent nachhaltig vor der Omikron-Variante schützen kann. „Es wird sich nicht zu 100 Prozent aufhalten lassen“, sagte der steirische Gesundheitsexperte am Mittwoch. Die weitere Ausbreitung hänge von der Wirkung der Quarantänemaßnahmen ab. Die drakonischen Reisebeschränkungen könnten es erschweren, rasch neuen Mutationen auf die Spur zu kommen, befürchtet Rockenschaub.

Es gebe „ungewünschte Effekte“ von Reisebeschränkungen, die „sehr massiv sein können“, sagte Rockenschaub, der sein Amt im Europa-Hauptquartier der Weltgesundheitsorganisation in Kopenhagen am 1. Februar antritt. Die Möglichkeit zur frühzeitigen Identifizierung von neuen Variationen könnte nämlich künftig „eingeschränkt“ sein, weil sich betroffene Länder eine schnelle Bekanntgabe „überlegen“ würden, um Reisebeschränkungen zu entgehen.

Der Österreicher Gerald Rockenschaub ist zum Direktor für gesundheitliche Notlagen in der europäischen Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ernannt worden. (Bild: APA/AFP/SAID KHATIB)
Der Österreicher Gerald Rockenschaub ist zum Direktor für gesundheitliche Notlagen in der europäischen Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ernannt worden.

Der aktuell im WHO-Büro Albanien tätige Experte wird künftig für eine bis nach Zentralasien und in den Nahen Osten reichende Region verantwortlich sein. Die Omikron-Variante sieht er bereits in seinem Zuständigkeitsbereich angekommen. Sie sei nämlich „in vielen Ländern der Region nachgewiesen, und laufend werden es mehr“, sagte er.

„Kein Grund, in Panik zu verfallen“
Rockenschaub plädierte dafür, die wissenschaftlichen Untersuchungen der neuen Variante abzuwarten. Es sei nämlich noch zu früh für eine Bewertung von Omikron. „Wir sollten Ruhe bewahren und die Wissenschaft arbeiten lassen. Es gibt Grund, aufmerksam zu sein, aber keinen Grund, in Panik zu verfallen“, betonte der WHO-Experte.

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Wir sollten Ruhe bewahren und die Wissenschaft arbeiten lassen.

Gerald Rockenschaub, künftiger WHO-Notfallskoordinator für Europa

Richtiges Rezept in der Pandemiebekämpfung
„Europa ist leider Gottes wieder zu einem Epizentrum der Pandemie geworden, und einige Mitgliedsländer sind ganz vorne, darunter auch Österreich“, beklagte der Experte. Auf die Frage nach dem richtigen Rezept in der Pandemiebekämpfung verwies Rockenschaub darauf, dass man alle „Stabilisatoren“ mobilisieren müsse, statt sich nur auf einzelne Maßnahmen zu konzentrieren. Also nicht nur auf Impfung und Testen, sondern auch das konsequente Tragen von Gesichtsmasken oder auch die Belüftung von Innenräumen, die bisher „etwas vernachlässigt“ worden sei. Schließlich müsse man auch „die Behandlungsmethoden besser ausschöpfen“.

„Es ist sehr schade, das mitansehen zu müssen“, sagte Rockenschaub angesichts der extrem herausfordernden Situation in den österreichischen Gesundheitseinrichtungen. Man habe „unter dem Druck der Bevölkerung alle Vorsichtsmaßnahmen gleichzeitig reduziert und das hat zur aktuellen Situation beigetragen“, sagte er. Die Leidtragenden dieser Entwicklung seien neben den Erkrankten die Beschäftigten im Gesundheitssystem. Auf die Frage nach dem Lockdown sagte Rockenschaub, dass Maßnahmen zur Kontaktreduktion in der aktuellen Situation „positiv“ und „sicherlich der richtige Schritt“ gewesen seien. „Es hat auch der Gesundheitsminister aktiv dafür plädiert“, sagte er unter Verweis auf Wolfgang Mückstein (Grüne). Zur Impfpflicht äußerte sich Rockenschaub zurückhaltend. Wichtig sei eine „breite gesellschaftliche Debatte“, und generell sollte die Impfpflicht „nur nach Ausschöpfen aller anderen Maßnahmen erwogen werden“, nannte er etwa den niederschwelligen Zugang oder Kommunikationskampagnen.

Auch Österreich profitiert von WHO
Rockenschaub wird als WHO-Europa-Direktor für medizinische Notlagen insbesondere Hilfseinsätze koordinieren, etwa auch die Verteilung von Impfstoffen und Testkits an Länder, deren Gesundheitssysteme grundlegende Hilfe benötigen. Doch auch Länder wie Österreich können von der WHO-Hilfe profitieren, da die Organisation gemeinsam mit Anthropologen an konkreten Strategien arbeitet, wie Impfskeptiker besser angesprochen und überzeugt werden können.

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