12.11.2021 13:57 |

Hygiene Austria

Leiharbeiter fühlten sich „wie Sklaven behandelt“

Eine von der Arbeiterkammer beauftragte und an der Universität Wien durchgeführte Studie stellt den Arbeitsbedingungen beim Maskenproduzenten Hygiene Austria und dem Post-Verteilzentrum Inzersdorf kein sonderlich gutes Zeugnis aus. Die Mitarbeiter - großteils junge Geflüchtete aus dem Irak und Syrien - kreiden dabei die Ausbeutung der Beschäftigten an. Sie hätten sich etwa „wie Sklaven“ behandelt gefühlt - so seien etwa die Produktionsmaschinen schneller gestellt worden, um eine höhere Arbeitsleistung zu erzwingen.

„Die Unternehmenserfolge beruhen nicht unwesentlich auf Leiharbeit“, erklärte Studienautorin Johanna Neuhauser bei der Präsentation am Freitag. Neuhauser hat 15 Betroffene interviewt und berichtete von unzähligen Missständen. So hätten bei der Hygiene Austria Leiharbeiter nach der Nachtschicht bleiben müssen, wenn nicht genug Kollegen für die Frühschicht gekommen seien.

Teilweise seien Schichten kurzfristig via WhatsApp eingeteilt worden. Weder bei der Post noch bei der Hygiene Austria sei Erschöpfung als Grund für eine kurze Pause akzeptiert worden.

Finger abgeschnitten, Überstunden nicht bezahlt
Bei der Hygiene Austria seien Maschinen schneller gestellt und Sicherheitsmaßnahmen ausgeschaltet worden. Ein Mitarbeiter schnitt sich einen Teil seines Fingers ab, berichtete die Studienautorin. Die Befragten schilderten, dass sie sich wie „Sklaven“ oder „Tiere“ behandelt fühlten.

„Hatte das Gefühl, wieder im Irak zu sein”
Viele fielen um Überstunden und Teile ihres Geldes um. Neuhauser sagte, auf Basis der von Hygiene Austria an die Leiharbeitsfirmen geleisteten Zahlungen sei eine korrekte Arbeitskräfteüberlassung nicht möglich gewesen. Sie zitierte einen Betroffenen, der sagte, er habe, wenn er die Firma betrat, das Gefühl gehabt, wieder im Irak zu sein und nicht in Österreich.

Die prekären Arbeitsverhältnisse haben Neuhauser zufolge auch den Corona-Cluster bei der Post mitverursacht. Aus Angst vor Kündigung seien die Leiharbeiter krank zur Arbeit gekommen und hätten trotz Krankheitssymptomen weitergearbeitet, die Soziologin sprach von Präsentismus.

Migranten in Jobs gedrängt
Neuhauser erklärte, dass viele der Betroffenen die Jobs nur deshalb gemacht hätten, weil sie keine Alternativen hatten. Einer der Betroffenen musste etwa für die Wiener Einwanderungsbehörde MA 35 drei Lohnzettel vorweisen, ein anderer seiner Familie in der Heimat helfen. Die asylrechtliche Situation und ein eingeschränkter Arbeitsmarktzugang dränge Migranten in solche Jobs, von Unternehmen werde diese Notlage ausgenützt, so der Vorwurf.

Der Leiter des AK-Rechtsschutzes, Ludwig Dvořak, sagte, dass der Kollektivvertrag für Leiharbeitskräfte grundsätzlich vernünftig sei, es aber unseriöse Leiharbeitsfirmen gebe, die die Vorgaben missachteten. Wenn diese pleitegehen, würden die schuldig gebliebenen Löhne aus dem Insolvenzentgeltfonds, also von der Allgemeinheit, bezahlt.

Dvořak sagte auch, dass sich die Unternehmen mit Leiharbeit aus ihrer Verantwortung stehlen würden. Er drängt daher auf eine lückenlose Haftung der Auftraggeber. „Es muss der zahlen, der von diesem System profitiert“, so der Arbeitsrechtsexperte.

Post weist Vorwürfe zurück
Die Post erklärte zu der Studie, man erfülle für Zeitarbeitskräfte die gleiche Sorgfaltspflicht wie für das Stammpersonal. „Im operativen Betrieb gibt es keinen Unterschied, weder in der Organisation oder bei Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen“, betonte ein Sprecher. Alle Mitarbeiter seien aufgefordert worden, keinesfalls krank den Dienst anzutreten.

Schon 118 Gerichtsverfahren am Laufen
Die Arbeiterkammer führt mittlerweile 118 Gerichtsverfahren in Sachen Hygiene Austria. Die Maskenfirma war von Palmers und Lenzing zu Beginn der Corona-Pandemie gegründet worden, geriet aber im März 2021 infolge einer Hausdurchsuchung im Zuge von Ermittlungen der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) massiv unter Druck. Ermittelt wird wegen des Verdachts der organisierten Schwarzarbeit sowie schweren gewerbsmäßigen Betrugs. Die Firma räumte daraufhin ein, FFP2-Masken zwar als „Made in Austria" beworben, einen Teil davon aber in China zugekauft zu haben.

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