05.09.2021 15:02 |

„Möglich ist alles“

Wo die lange Reise mit dem Virus hingeht

Wie wird sich Corona entwickeln? Die „Krone“ hat den Virologen Andreas Bergthaler dazu befragt. Eines vorweg: Entwarnung gibt es noch nicht.

„Möglich ist alles“, sagt Virologe Andreas Bergthaler: „Das Virus kann sich abschwächen, aber auch, wie wir es erlebt haben, an Infektiosität zunehmen und zu schweren Krankheitsverläufen führen.“ Oder infektiöser werden mit milderen Verläufen. Und das wäre schon was. Auch wenn ein völliges Abschwächen besser wäre: „Wenn es ein Virus ist, bei dem keiner mehr erkrankt, wäre es ja egal.“ Beispiel Herpes simplex - Fieberblasen, die zumindest für den Großteil der Menschen kein Problem darstellen.

Aber selbst wenn sich das Virus abschwächt, bleibt die Frage, wann. Bergthaler: „Zeiträume sind schwer abzuschätzen.“ Beispiel Russische Grippe: An der starben von 1889 bis 1895 eine Million Menschen. Laut moderner Hypothese waren damals humane Coronaviren der Auslöser - die heute, rund 130 Jahre später, medizinisch gesehen keine Rolle mehr spielen.

„Müssen von längeren Zeiträumen ausgehen“
Davon ableiten lässt sich für Corona heute aber nur, „dass wir von längeren Zeiträumen ausgehen müssen“. Bergthaler: „Was wir jetzt erleben, ist ja speziell. Dass wir in erster Reihe fußfrei beobachten, wie ein Virus erstmals auf die menschliche Population übertritt, sich dann weiterentwickelt“, habe es noch kaum in der Neuzeit gegeben.

„Am liebsten alle Sicherheit der Welt“
„Wir hätten am liebsten alle Sicherheit der Welt, wie es weitergeht“, so Bergthaler. Er verstehe die Frustration der Menschen, wenn immer neue Infos und Regeln auf einen einprasseln. Doch ein Abschätzen der Zukunft sei schwer. Denn auch die Varianten, die wir derzeit haben, „sammeln ja wieder Mutationen an“. Die Palette an offenen Fragen sei groß: Ändert sich das Virus, verästelt sich eine Variante, kommt eine völlig neue Form daher und übernimmt das Infektionsgeschehen? Mit Sicherheit sagen könne man nichts: „Alles ist im Fluss.“

Bergthaler wäre auch „nicht überrascht, wenn Delta gar nicht die Variante ist, an die wir im Winter vorwiegend denken werden“. Eines sei aber klar: Zero-, also Null-Covid, „wird sich aufgrund von Delta nicht durchsetzen, auch nicht in Australien oder Neuseeland.“

Man lernt so viel und weiß noch wenig
Man könne aufgrund der Veränderungen von SARS-CoV-2 in den vergangenen eineinhalb Jahren zwar Schlüsse ziehen, aber nicht den Pandemieverlauf vorhersagen. Wissenschaftlich gesehen gebe es zwar so viele Daten wie noch nie, man lerne „so viel und schnell wie noch nie“. Trotzdem wisse man noch vergleichsweise wenig.

Es sei schwierig, das der breiten Bevölkerung verständlich zu machen: „Wir alle hätten ja gern die Nachricht: Wenn ich geimpft bin, ist die Pandemie automatisch vorbei. Impfen ist notwendig und hat auch bei Delta eine hohe Schutzwirkung. Das allein wird aber wohl nicht reichen. Wir werden weiterhin wachsam sein und darauf achten müssen, die Viren-Zirkulation möglichst zu reduzieren.“

„Maske auf als ganz natürliche Reaktion“
Viel wäre gewonnen, wenn sich alle als Teil des Pandemie-Kampfes sehen und ihr Verhalten anpassten: als ob etwa das Aufsetzen einer Maske beim Betreten eines öffentlichen Innenraumes eine „ganz natürliche Reaktion“ wäre - auch ohne Vorgabe. Und er betont: Es sei eine globale Gesundheitskrise, die nur als solche bewältigt werden könne.

Silvia Schober
Silvia Schober
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