Chaotische Zustände

Libyen-Rückkehrer in Wien: "Es ist die Hölle da unten"

Österreich
22.02.2011 11:07
Zahlreiche EU-Bürger - darunter mehrere Österreicher - sind am Montagabend mit einer AUA-Maschine aus Libyen am Wiener Flughafen angekommen. Die Reisenden berichteten bei ihrer Ankunft in Wien-Schwechat von Schießereien und "völlig chaotischen Zuständen". Für Dienstag planen die Austrian Airlines, wegen des großen Andrangs eine Maschine des Typs A-321 einzusetzen. Auch das Bundesheer fliegt seit Montagabend EU-Bürger aus Libyen aus.

"Ich habe gesehen, wie Söldner aus anderen afrikanischen Ländern einfach auf Menschen geschossen haben", berichtete Herbert Suchy bei seiner Ankunft. Der Niederösterreicher hatte seit vier Monaten ein Bauprojekt südlich der libyschen Hauptstadt Tripolis geleitet. "Ich hatte sehr großes Glück, dass ich noch einen Platz im Flugzeug bekommen habe", meinte er. Ein Freund von ihm habe gefilmt, wie die Söldner Menschen einfach per Kopfschuss hingerichtet hätten, so Suchy. "Es ist die Hölle da unten", so Suchy.

90 Checkpoints passiert
Der Deutsche Thoie Rönnau berichtet, dass er im Osten des Landes gewesen sei, von wo die schlimmsten Zusammenstöße zwischen dem Regime und Demonstranten gemeldet werden. "Es war schlimm. Wir mussten 1.300 Kilometer quer durch das Land bis in die Hauptstadt fahren und haben über 90 Checkpoints passiert, viele davon standen in Flammen", erzählte der Bauingenieur: "Ich bin froh, dass ich endlich draußen bin."

Peter Z. aus Tschechien war dagegen direkt in der Hauptstadt Tripolis beruflich unterwegs. Die Situation habe sich in den letzten Tagen radikal geändert, berichtete er. Untertags sei es relativ ruhig gewesen, doch nachts habe Bürgerkrieg geherrscht, so Z. "Ich habe die ganze Nacht Schüsse vor meinem Fenster gehört", erzählte er. Unter den Ankommenden befanden sich auch einige libysche Staatsbürger. Eine Frau mit zwei kleinen Kindern berichtete: "Wir hatten große Angst. Und es war so laut, ständig hörten wir Schüsse und sahen Feuer."

Bundesheer evakuiert EU-Bürger
Mit stundenlanger Verzögerung hat das auch Bundesheer am Montagabend eine erste Gruppe von EU-Bürgern aus Tripolis evakuiert. Wie der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Michael Bauer, kurz nach Mitternacht mitteilte, war die Militärmaschine vom Typ "Hercules" um 23.40 Uhr plangemäß auf Malta gelandet. An Bord waren den Angaben zufolge 62 Personen, darunter neun Österreicher und sieben Kinder. Auch Deutsche, Franzosen und Niederländer wurden ausgeflogen.

Für die betroffenen Personen seien vom Außenministerium Unterkünfte auf Malta organisiert worden, erklärte Bauer, am Dienstag würden dann die Reisen in die jeweiligen Heimatländer in Angriff genommen werden. Die Maschine hätte eigentlich schon um 18.30 Uhr abheben und nach rund einer Stunde Flugzeit auf Malta landen sollen, doch hatte sich am frühen Abend nur ein "Bruchteil" der Passagiere am Flughafen eingefunden.

Die "Hercules"-Maschine musste daher stundenlang auf Fluggäste warten. Zwischenzeitig gab es sogar Berichte über eine Sperre des Luftraums. Am späten Montagabend berichtete Bauer, die Passagiere würden nicht zur Maschine vorgelassen. Das Flugzeug war vor einigen Tagen nach Malta verlegt worden, um rasche Evakuierungsflüge zu ermöglichen.

Zweite Besatzung auf Malta stationiert
Am Dienstagvormittag soll seitens des Krisenstabes im Außenministerium in Kooperation mit dem Bundesheer eruiert werden, wo es in Libyen "Bedarf gebe", sagte Bauer. "Die Frage ist, wo befinden sich Österreicher oder andere EU-Bürger, die wir rausholen sollen." Es sei durchaus denkbar, dass neben Tripolis auch weitere libysche Flughäfen angeflogen werden könnten. "Wir fliegen dorthin, wo es notwendig ist", so der Sprecher.

Es stehe auch bereits eine zweite Besatzung auf Malta zur Verfügung, sodass mehrere Flüge stattfinden könnten, ohne die vorgeschriebenen Ruhezeiten zu verletzen. Bei dringendem Bedarf könnte auch noch eine weitere Bundesheer-Maschine, die sich in der Nacht auf Dienstag noch in Österreich befand, nach Malta verlegt und von dort aus zum Einsatz kommen.

Österreichische Unternehmen ziehen Mitarbeiter ab
Einige österreichische Unternehmen haben am Montag ihre Mitarbeiter aus Libyen abgezogen. OMV-Sprecherin Michaela Huber bestätigte, dass der Mineralölkonzern elf Expats (für die OMV arbeitende Ausländer) samt Familienmitgliedern ausfliegen wird. Die OMV beschäftigt 15 Ausländer in Libyen, davon neun Österreicher. Die Produktion laufe aber weiter. Rund neun Prozent der OMV- Gesamtproduktion oder 317.000 Barrel Öl am Tag stammen aus Libyen.

Der Baukonzern Porr hat bereits vergangene Woche seine "Handvoll" Mitarbeiter ausgeflogen. Porr hat im November 2010 bekannt gegeben, in Libyen eines der landesweit größten Stadien für den African Cup 2013 zu bauen. Auftragsvolumen: 200 Millionen Euro. Auch die Strabag hat laut Sprecherin Diana Klein die Hälfte ihrer 30 Mitarbeiter außer Landes gebracht, der Rest soll diese Woche folgen. Die Strabag betreibt fünf Baustellen in und um die libysche Hauptstadt Tripolis. "Wir gehen davon aus, dass die Projekte eine Zeit lang auf Eis liegen werden", sagte Klein. Im Jahr 2010 habe Strabag rund 150 Millionen Euro Umsatz in Libyen gemacht. Dies sei zwar verhältnismäßig wenig, doch das Land gelte als Wachstumsmarkt für das Unternehmen.

Der oberösterreichische Baustoffkonzern Asamer teilte am Montag mit, die meisten seiner 45 nicht- libyschen Mitarbeiter in Sicherheit gebracht zu haben. Asamer betreibt zwei Fabriken außerhalb von Benghazi und eine in Dernah. In beiden Städten sei die Lage chaotisch, deswegen habe man sich entschlossen, die Produktion herunterzufahren und den libyschen Mitarbeitern die Verantwortung zu überlassen. Der Spitalausstatter Vamed sah zumindest am Vormittag noch keinen Anlass, seine sieben österreichischen Beschäftigten auszufliegen. "Unsere Mitarbeiter fühlen sich sicher", berichtete Sprecher Ludwig Bichler.

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